»Stellen Sie sich da in die Ecke«, sagt die Schlossführerin, »dann schauen die Sie alle gleichzeitig an.« Und wirklich: 102 Glasaugen sind auf uns gerichtet, bernsteingelb oder honigbraun, die des foxteriéra und des japonský pinč , des pudl und der anglická doga . Auf Burg Bítov im äußersten Süden Mährens wartet treu ein ganzer Saal mit ausgestopften Hunden, so anrührend wie beklemmend lebensecht, auf die Verblüffungslaute der Besucher. Sie alle entstammen dem Zwinger des letzten geadelten Burgbesitzers, des Porzellanfabrikanten Georg Haas von Hasenfels, eines tiernärrischen Exzentrikers von Gnaden, der die ganze Burg vollgepfercht hatte mit Volieren, Käfigen, kleinen Ställen und mit seiner geliebten Löwin Mitzi-Mausi (1930 bis 1945) im Prunksaal zu Mittag speiste. Für seine menschlichen Mitzi-Mausis, die circa achtzig von ihm ausgehaltenen Dorfschönen des Umlands, führte er eigens ein erhalten gebliebenes »Maitressenkonto«. Haas von Hasenfels, überzeugter Antifaschist, aber deutschstämmig, setzte mit einem Kopfschuss seinem Leben ein Ende, als er 1945 aus Burg und Privatzoo vertrieben werden sollte.

Bítov, vormals Burg Vöttau, hoch über der Thaya, ist ein Juwel des Surrealen und Bizarren. Schon die Gräflich-Daunschen Vorbesitzer sorgten im 19. Jahrhundert für eine exaltiert neugotische Innenausstattung, die an ein intimeres Neuschwanstein erinnert und in all ihren Illusionsmalereien, ihrem überdrehten Jagdmobiliar, dem Spitzbogen- und Brokatportierenglanz wunderbar intakt ist.

Der Hasensaal von Bučovice © Renate Just

Wir haben uns langsam und mit vielen Verirrungen und Abwegen an das einsam an einer Waldflanke gelegene Kastell herangewunden. Herr von Hasenfels und seine Menagerie schickten allenthalben Vorboten. Immer wieder hoppelten Feldhasen über die winzigen Chausseen, Fasanen ließen ihre prächtigen Schwanzfedern am Wegesrand aufblitzen, am Himmel standen Raubvögel im jagdbereiten Rüttelflug. So einsam sind die Rumpelsträßchen im südlichen tschechischen Grenzland zum niederösterreichischen Waldviertel, dass sich das Getier kaum stören lässt. Überall blüht der Holunder, Mährens Nationalgewächs, in weißen Wolken, noch zarter lassen die wilden Robinienhaine ihre lichten Doldenblüten wehen, Kirschbäume begleiten die Fahrwege in langen, gekrümmten Alleen – und überall schweifen die Blicke weit: leeres Land, große Horizonte.

Dem Kläffer möchte man zuzischen: Sei still, sonst wirst du ausgestopft!

Mähren – schon der Name entfaltete immer einen vagen Sog: Da sah man ein wie geträumtes, unwirklich-versunkenes Mitteleuropa vor sich, aber doch schon mit einem ferneren, östlichen Anhauch. Mähren klang nach den staubig brütenden donaumonarchischen Laubengang-Landstädtchen aus dem Radetzky-Marsch, nach den abgelegenen Adelsnestern aus Marie von Ebner-Eschenbachs Dorf- und Schlossgeschichten, nach den schwermütigen Parks ihres 19.-Jahrhundert-Zeitgenossen Ferdinand von Saar – aber auch nach der allgegenwärtigen Stille, der summenden Sommer-Ländlichkeit in den Gedichten Jan Skácels, des großen tschechischen Lyrikers, der 1989 starb. Kann man solche Stimmungen in der realen Tschechischen Republik heute noch finden?

Wenig atmosphärische Magie haben Südmährens lang gedehnte Dörfer. Sie verströmen eine verwechselbar nüchterne Fadesse, auch wenn sie adretter modernisiert sind als zu kommunistischen Zeiten. Kaum etwas ist geblieben von Schweifgiebeln, Bauernstuck und hölzernen Hoftoren, der klassischen böhmisch-mährischen Dorfbauweise. Dafür Coop, Sportplatz und hostinec , die in aller Regel idylleferne Dorfkneipe, in der Cukrárna gibt’s Süßes, bei Květiny Blumentöpfe. Und immer wieder Hundesalons: In Tschechien kommen angeblich auf zehn Millionen Einwohner zwei Millionen Haushunde, Köterchen sind jedenfalls allgegenwärtig.

Aber kaum ist man draußen aus den Ortschaften, ob im Thaya-Hinterland, auf den Anhöhen der Chřiby-Hügel oder des Ždánický les , in der flach geneigten mährischen Slowakei, verfällt man dem Zauber der offenen Landschaft, die einem tatsächlich jenes alte Mitteleuropa vor Augen führt, wie es in unseren Breiten längst ausgeräumt ist. Es ist ein gemächlich gestriges Unterwegssein, auf diesen flickenartig geteerten Heckensträßchen und Hohlwegen durch frühsommerliches Wuchern, durch lichtflimmernde Laubwälder, in denen die Lindenkronen über den Straßen bogenförmig zusammengewachsen sind. Hier wurden die wild blühenden Feldraine, die gedrungenen Pappelalleen in Ruhe gelassen, hier ist man in windumfächelter Stille oft mutterseelenallein mit endlos tiefenscharfen Ausblicken. Bis zu den fernen Rücken der Weißen Karpaten kann man schauen, die einem den Beginn des weiten Ostens zu bezeichnen scheinen, die Gegenden, die früher Galizien hießen.

Im Städtchen Mikulov/Nikolsburg dagegen sind die Luft, die Wärme eindeutig südlich, rundum wächst der Wein, Veltlínske zelené oder Riesling, und auf den Caféstühlchen am náměstí , dem abschüssigen Marktplatz mit seinen Sgraffitohäusern und Barockfassaden rund um Pomonabrunnen und Dreifaltigkeitssäule, lassen sich mild besonnte Ewigkeiten verhocken. Man stellt fest, dass der fahrende Lammfleischhändler auch lieber beim Kaffee schwatzt als seinen Verkaufswagen zu betreuen, und denkt, dass der bärtige Alte auf dem Balkon gegenüber wahrscheinlich schon sein Lebtag wie angewurzelt das Platzgeschehen beäugt. Und da sind auch wieder einige dieser stolz präsentierten Hundezwerge, besonders grelle Kläffer, denen man zuzischen möchte: Sei still, sonst wirst du ausgestopft!