Srebrenica: Auf dem Feld der Schande
Rob Zomer sollte 1995 als UN-Soldat die Muslime von Srebrenica beschützen und konnte es nicht. Nun kehrt er an den Ort der Tragödie zurück – er will dort leben.
© Armin Smailovic

Jedes Jahr im Juli beerdigen die Einwohner von Srebrenica Tote des Massakers. In den Särgen sind Knochen aus den Massengräbern.
Seit dem frühen Morgen hat sich Rob Zomer durch die bosnischen Wälder geschleppt, nun stolpert er einen Feldweg bergab und biegt auf eine Straße ein. Da stehen Leute, die ihn mustern. Frauen mit Kopftüchern und Männer mit dunklem Bart, sie rufen irgendwas, man könnte meinen, sie seien aufgebracht. Zomer krallt sich an die Riemen seines Rucksacks, als würde er am liebsten Reißaus nehmen, 1.400 Kilometer von zu Hause entfernt.
Er marschiert in einem langen Tross von Wanderern, die meisten sind Bosnier. Er selbst kommt aus den Niederlanden, und er hat von dort Freunde mitgebracht, die neben ihm laufen. Sie sind Männer mit Baseballkappen und in Outdoorhosen wie er, doch Zomer geht als Einziger so stumm und aufrecht wie ein Pilger auf Bußgang.
Da streckt ihm vom Straßenrand aus ein Mann die Hand hin, zwei Frauen winken ihm zu – für Zomer sind es Zeichen der Gnade.

Rob Zomer und seine Frau vor der Fabrik, in der sich der UN-Stützpunkt befand. Jetzt ist dort zur Erinnerung eine Ausstellung zu sehen.
Er geht noch ein Stück, dann lässt er sich ins Gras fallen und lehnt sich an eine Mauer. Vor ihm liegen verfallene Fabrikhallen, verwitterter Beton und rostiger Stahl. Die Wiese daneben ist übersät mit Tausenden weißer Grabsteine . Hier sind die Überreste von Menschen verscharrt, für die er vor vielen Jahren Verantwortung trug. Dies ist der Schauplatz seines Lebensdramas, und trotzdem macht er ein Gesicht wie bei einem Sonntagsausflug.
Da drüben, bei den Hallen, ist er im Krieg gewesen. Potocari heißt der Ort, ein paar Kilometer weiter liegt Srebrenica , das Symbol des Bosnienkriegs. Mehr als 8.000 muslimische Zivilisten aus der Stadt wurden 1995 von bosnischen Serben umgebracht . Ein Verbrechen, an dem sich die ganze Welt schuldig machte, denn die Vereinten Nationen hatten den Muslimen versprochen, sie zu beschützen. Ein Bataillon Soldaten hatten sie geschickt, 430 Niederländer. Einer von ihnen war Rob Zomer.
Es ist ein Wahnsinn, dass er jetzt hier ist, an diesem 10. Juli 2010, 15 Jahre nach dem Massaker. Dass er an dem Marsch teilgenommen hat, mit dem die Muslime jedes Jahr der Tragödie gedenken. Dass Zomer es überhaupt aushält, sich seinen Erinnerungen auszusetzen. Es muss ihn Kraft kosten, denkt man.
Da sagt er: »Wir haben in Srebrenica nur Gutes getan.«
Er fühle sich nicht schuldig. Es klingt abwegig, aber er meint es ernst. Warum ist er dann da? Es gebe so viele ungeklärte Fragen über die Zeit damals, sagt er, so viele Gerüchte und falsche Anschuldigungen. »Wir müssen einander unsere Geschichten erzählen. Und ich möchte den Leuten hier helfen.« Er redet wie ein Politiker, der aus einer anderen Welt kommt als jene, deren Leid er zu lindern verspricht. Dabei fühlt er sich selbst gequält, er schreckt aus dem Schlaf und hat Flashbacks. »Hier bin ich ruhiger. In Srebrenica zu sein ist für mich, wie nach Hause zu kommen.
«Er rückt den Schirm seiner Baseballkappe zurecht und verbirgt sein von der Sonne verbranntes und schon ziemlich zerfurchtes Gesicht. Er ist 42, hager und durchtrainiert. Er könnte an diesem Juliabend zu Hause in Haarlem bei Amsterdam sein Feierabendbier trinken, er hat eine erfolgreiche Firma, einen Schlüsseldienst – »der größte in Holland«, das ist ihm wichtig. Stattdessen kauert er hier an der Friedhofsmauer. Er wartet auf etwas, von seiner Stirn rinnt der Schweiß.
Schon zweimal ist er mit den Muslimen marschiert, doch am Ende der Wanderung hat er sich immer davongestohlen. Er wäre auch heute längst fort, sagt er, wenn sie ihm vorhin nicht so unvermutet die Hand geschüttelt hätten. Er hat Angst, nicht willkommen zu sein. In Wahrheit sehnt er sich wohl danach, dass die Lebenden ihm die Toten verzeihen. Denn die sind hinter ihm her in seinen Albträumen. Gleich werden sie kommen.
Als Zomers Bataillon im Januar 1995 in Srebrenica eintraf, zur Ablösung kanadischer Truppen, war er 26 Jahre alt, und er hatte keine Vorstellung davon, was Krieg ist. Zuvor war er Mechaniker an der Rennstrecke von Zandvoort. Er ging mit 16 von der Schule ab und hat nie eine Ausbildung gemacht, er kann keinen Brief fehlerfrei schreiben wegen einer Rechtschreibschwäche. Die Lehrer nahmen keine Rücksicht. So hat Zomer gelernt, dass man sich selbst durchboxen muss, weil einem eh niemand hilft.
Er verpflichtete sich bei der Armee für zwei Jahre. Soldatsein, das klang für ihn nach einem gut bezahlten Job und Sport den ganzen Tag. Als nach acht Monaten ein Offizier fragte, ob er als Blauhelm nach Bosnien wolle, mit schönen Zulagen, sagte Zomer sofort Ja: Blauhelme, dachte er, das sind doch diese Polizeitypen, die kämpfen nicht, die schauen nur zu. Viele sahen das so damals, es war tragisch: Sogar die UN waren so naiv, zu hoffen, allein die Anwesenheit ihrer Soldaten werde den Krieg schon aufhalten.





daß die verantwortlichen nicht die notwendigen Befehle zur Verhinderung des Verbrechens gegeben haben. Unterlassene Hilfeleistung gilt wohl für Politiker und hohe Offiziere nicht. Übrigens soll ein amerikanischer Kommandeur den niederländischen Kommandeur aufgefordert haben, in das Geschehen einzugreifen. Angeblich soll der Holländer ein militärisches Vorgehen mit der Begründung abgelehnt haben, daß er mit einem Haufen warmer Brüder nichts verhindern könne.
Das kann die Folge sein, wenn das Prinzip der Nichteinmischung über alles gestellt wird.
Aus dieser bitteren Erfahrung heraus ist das Prizip der "Schutzverantwortung" - responsability to protect - entstanden: Srebrenica hat sich in Bengasi nicht wiederholt.
Das kann die Folge sein, wenn das Prinzip der Nichteinmischung über alles gestellt wird.
Aus dieser bitteren Erfahrung heraus ist das Prizip der "Schutzverantwortung" - responsability to protect - entstanden: Srebrenica hat sich in Bengasi nicht wiederholt.
ein interessanter bericht.
letzlich treffen sich opfer, denn die blauhelme wurden von der politik auf verlorenen posten geschickt.
das problem ist nur, dass wir die ursache solcher verbrechen verstecken.
sie liegen im selbstverständnis der sieger, dass wir ihnen gelassen haben.
denn das hat sich nach 45 alles schon mal so abgespielt. wir schaffen es aber nicht trotz des verstrichenen notwendigen abstands, diesen teil der geschichte des zweiten weltkrieges ebenfalls zu verurteilen. das brauchen wir aber, sonst gibt es eben die ungestrafte wiederholung und keinen frieden in den köpfen.
denn, es gibt keinen frieden ohne gerechtigkeit.
Da ich selbst von Dezember 1991 bis Ende 1998 in Bosnien im Medizinischen Bereich tätig war kann ich diesen authentischen Beitrag nur sehr begrüßen.
Es wurde über Jahre mit Rücksicht auf die verschiedenen Kriegsparteien geschwiegen. Srebrenitza war nicht das einzige Massaker von Mladics Milizen.
Ich denke das man es nicht dem Niederländischen Kontingent anlasten kann das sie damals nicht eingegriffen haben. Wir haben auch hier im Auswärtigen Amt seit 1992 immer wieder auf die Lage hingewiesen und ein Eingreifen der UNO; NATO gefordert. Das wurde unter dem Hinweis "der Nichteinmischung" immer wieder abgelehnt. Also die UN-Truppen hatten keinen Befehl zum Eingreifen - aus politischen Gründen. Also braucht der Soldat Zomer sich keine Vorwürfe zu machen, er hat nur seinen Befehl ausgeführt.
Die Niederländer hätten allenfalls ihre Waffen an die schlecht bewaffneten Bosnier abgeben können - Vielleicht währe es dann besser gelaufen. Sie währen dann aber, nach ihrer Rückkehr, wahrscheinlich politisch gelyncht worden.
Grüß Gott Herr Jörg Burger,
für Ihre Schilderung danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Ihre Narration rührt und berührt. Die bedrückende Desillusion der Bosnier mitsamt ihrer pathologischen Desorientierung projizieren Sie in einer fesselnden Weise auf Herrn Rob Zomer. Sie konstruieren damit eine Gemeinsamkeit, die Bosnier und UN-Soldaten vereint. Diese Reziprozität schafft gemeinsame Erinnerung. Eine Kollision zweier Bewußt-Seine fördert - freilich i.S.v. Georg Wilhelm Friedrich Hegel - die "Bewegung der Anerkennung", selbst wenn sie sich nur in einem flüchtigen Handschlag manifestiert.
Jenseits dessen bin ich unzufrieden. Der in der Überschrift zitierte Antagonismus ist der unverrückbare Ur-Grund für Srebrenica gewesen! Sie rehabilitieren ihn. Statt "Serben und Bosnier" zu schreiben, reduzieren Sie das irreduzible materiale Menschenwesen auf eine immateriale Religion. Der Widerspruch ist vehement. Das Immateriale ist unsinnlich (?), in seiner Existenz unaufhörlich (?), weder lebendig noch tot (?). Ja, wie die Bewohner Srebrenicas, bevor diese Stadt gestürmt wurde. Sie lebten nicht, gestorben waren sie ebenfalls nicht. Es war nicht der Serbe, der Bosniaken haßte, es war nicht der Serbe, der Moslems haßte und deswegen "Rache an den Türken" nehmen wollte. Es waren Irre, in ihrem status naturalis nur "Mensch", nicht aber "Serbe", die Unschuldige ermordeten. Der Gegensatz "Serben und Muslime" entspringt allenfalls einer S.P. Huntington zuzuschreibenden inkonsistenten Welt.
Das kann die Folge sein, wenn das Prinzip der Nichteinmischung über alles gestellt wird.
Aus dieser bitteren Erfahrung heraus ist das Prizip der "Schutzverantwortung" - responsability to protect - entstanden: Srebrenica hat sich in Bengasi nicht wiederholt.
für einen feigen und unfähigen Kommandeur, der in der Befehlskette einer damals ebenso feigen und unfähigen UN-Bürokratie stand. Der wahre Schuldige - der Bataillonskommandeur - hätte degradiert und in Schande aus der Armee ausgestossen werden sollen. Statt dessen haben ihn die niederländischen Behörden nach einer "Untersuchung" reingewaschen. Kein Wunder, dass es in den achtziger Jahren in der Bundeswehr eine weitverbreitete Skepsis gegen die niederländischen Brigaden gab, die Norddeutschland "verteidigen" sollten. Das war die Armee, in der der miederländische Stabsoffizier sozialisiert wurde. Tom Karremans hiess der feine Herr - möge der Name geschichtlich nur in Schande erinnert werden.
Entfernt, da kein Artikelbezug. Die Redaktion/lv
... haben sich im Artikel vertan.
Beste Grüße.
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