Mit Stromschlägen auf Verbrecherjagd: Ein Polizist übt die Handhabung eines Tasers. © Carl de Souza/AFP/Getty Images

Aus einer kleinen braunen Kartonschachtel fischt Polizei-Einsatztrainer Martin Hollunder-Hollunder die neueste Waffe der österreichischen Exekutive: eine grellgelb lackierte Plastikpistole. Das Gerät, der Taser X26, soll die Arbeit der Polizei erleichtern und Leben retten – mit Stromschlägen von bis zu 50.000 Volt. An der Stirnwand des Schießstandes, des Gewehrkanals Zwei in Wien-Erdberg, harrt eine Pappfigur darauf, ins Visier genommen zu werden. Sie zeigt eine blonde Frau. Die Furcht ist ihr ins Gesicht geschrieben, die Augen groß, der Mund weit aufgerissen. Wer weiß, wie ein Taser funktioniert, kann ihr das nicht verübeln.

Chefinspektor Hollunder-Hollunder geht in Position, drückt ab. Es knallt, und zwei Pfeile schlagen in die Pappfigur ein. Sie ziehen feine Drähte hinter sich her, die mit der Pistole verbunden bleiben. Bei Menschen dringen die Pfeilspitzen der Elektroden durch Kleidung und Haut. Widerhaken halten sie in Position, und ein Stromstoß wird durch den Körper gejagt.

Die elektrischen Impulse lassen die Skelettmuskulatur schmerzhaft verkrampfen. Der Getroffene ist für kurze Zeit gelähmt. Wie lange, das hängt davon ab, wie oft der Schütze den Abzug drückt. Im Idealfall ist der »Getaserte«, so heißt das Opfer, wenn es getroffen worden ist, danach bald wieder auf den Beinen. Im schlimmsten Fall ist er allerdings tot.

Ende August entscheidet die neue Innenministerin Johanna Mikl-Leitner von der ÖVP, ob die Polizei künftig flächendeckend mit Taser-Waffen aufgerüstet wird. Derzeit werden 200 dieser Elektropistolen von den Sondereinheiten Cobra und Wega, in Schubhaftgefängnissen und bei Einsatzgruppen gegen Straßenkriminalität getestet.

Die Erprobungsphase war ursprünglich auf drei Monate anberaumt, dauert aber mittlerweile bereits fünf Jahre. Jetzt will die neue Innenministerin jenen Schlussstrich ziehen, den vier Ressortchefs vor ihr gescheut haben.

Das lange Zögern ist schnell erklärt: In den Ländern, in denen der Taser derzeit zum Einsatz kommt, entzündet die Blitzeschleuder regelmäßig heftige Debatten. Befürworter behaupten, sie rette Menschenleben. So auch General Konrad Kogler, zuständiger Sektionsleiter im Innenministerium: »Er hilft, Verletzungen auf beiden Seiten zu vermeiden, das ist der Vorteil.« Kritiker aber halten den Taser für eine tödliche Waffe. In der Praxis sei er mit den Menschenrechten kaum vereinbar.

Weltweit geht der Trend bei Ordnungshütern seit einiger Zeit zu der Stromfeuerwaffe. Vor zehn Jahren brachte die US-Firma Taser International ihr erstes alltagstaugliches Modell auf den amerikanischen Markt. Die Innovation schlug ein: Rund 80 Prozent der 18.000 Strafverfolgungsbehörden in den USA setzen inzwischen auf die Schockpistolen, mehr als 350.000 Polizisten tragen sie im Dienst. Einsatzstatistiken belegen die Vorteile: Wo der Taser eingesetzt wird, gibt es weniger Tote und Verletzte. Auf beiden Seiten, bei Beamten wie Zivilisten.

Auch in Europa ist der Taser auf dem Vormarsch. Großbritannien, Frankreich, die Schweiz, Tschechien und Portugal rüsten ihre Polizisten im großen Stil mit Tasern aus. Andere Länder, Deutschland etwa, vertrauen die neue Waffe nur ihren Spezialeinheiten an.

Der Taser ist das Lifestyle-Produkt der Waffenindustrie

Die Nachfrage nach "less lethal weapons", weniger tödlichen Waffen, ist groß. Der Weltmarktführer Taser International, mit Sitz im US-Bundesstaat Arizona, zählt mittlerweile auch das amerikanische Militär zu seinen Kunden. Die Marines machen mit den Elektrowaffen sogar in Afghanistan Jagd auf Taliban.

Taser International betreibt aggressives Marketing für seine Stromschocker. Oft richtet es sich direkt an Polizisten. Bei Produktvorstellungen der Firma sitzen sie im Publikum und sollen später zu Hause ihre Vorgesetzten von den Elektrowaffen überzeugen. Dazu schwingen die Brüder und Firmengründer Rick und Tom Smith höchstpersönlich große Reden ganz im Stil von Apple-Gründer Steve Jobs.

Privatpersonen (in Österreich müssen sie einen Waffenpass besitzen) bietet die Firma sogar spezielle Handtaschen-Modelle in modischen Farben oder mit Leopardenmuster an. Auf Wunsch wird auch ein MP3-Player in das Halfter eingebaut. Der Taser als Lifestyle-Gadget: das iPhone der Waffenindustrie?