Mittelalter Al-Andalus, goldener Traum
Im Sommer 711 begann die arabische Herrschaft in Spanien. Sie schuf eine Kultur, in der Muslime, Juden und Christen zueinander fanden.
© Dominique Faget/AFP/Getty Images

In der Kathedrale von Córdoba in Andalusien befindet sich eine Moschee aus der Zeit der Mauren.
Gehört der Islam zu Europa? Gehören Moscheen neben Kirchen? Oder müssen wir uns abschotten, den Bau von Minaretten neben Glockentürmen verbieten? Ist der Islam etwas Fremdes, das uns von außen bedroht? Wer ist Wir?, so formuliert Navid Kermani die erste, die naheliegendste Gegenfrage im Titel seines neuesten Buches.
Europas Grenzen sind ein willkürliches Konstrukt, über das man streiten kann. Wenn man sie aber als gegeben nimmt, lässt sich nicht leugnen, dass der Islam historisch auf unserem Kontinent vielerorts profund Wurzeln geschlagen hat: Bis heute ist er präsent in Russland (nicht nur im Kaukasus) und in Südosteuropa (nicht nur in Bosnien) – und er war sehr lange präsent auf der Iberischen Halbinsel.
Im Jahre 711, vor genau 1300 Jahren, überquerte der arabische Heerführer Musa ibn Tariq, der zuvor von Ägypten aus Nordafrika und die dortigen Berbervölker unterworfen hatte, mit seinen Truppen die Meerenge von Gibraltar und drang in das Reich der Westgoten vor. Am 19.Juli stellte er am Fluss Guadalete nahe Cádiz den westgotischen König Rodrigo zum Entscheidungskampf. Rodrigo fiel; nach der Schlacht am Guadalete stand Hispanien den muslimischen Eroberern offen.
ist Professor für Romanistik an der Universität Zürich.
Von da an bis zur endgültigen Rückeroberung im Jahre 1492 – und darüber hinaus noch bis zur Vertreibung der letzten verbliebenen zwangsgetauften Kryptomuslime im Jahre 1614 – war der Islam eine politisch, religiös, sozial und kulturell bestimmende Macht in diesem Teil Europas. Diese lange Periode, fast ein Jahrtausend, trägt den Namen al-Andalus. Das war der Name, den die Araber der Halbinsel gaben; schon gleich nach der Eroberung findet man das Wort auf zweisprachigen Münzen parallel zum lateinischen Hispania. In der Folge wandelte sich al-Andalus in einen gemischt geografisch-historischen Begriff, der den wechselnden, auf Dauer schrumpfenden Machtbereich des Islams auf iberischem Boden bezeichnete.
Dieser Islam, die maurische Epoche (wie man sie auch nennt) in Hispanien, ist ein Teil der europäischen Geschichte. Die Moschee von Córdoba, der Alcázar von Sevilla und die Alhambra von Granada gehören ebenso untrennbar zum mittelalterlichen Europa wie Ritterburgen oder romanische und gotische Kathedralen. Ebenso deutlich wird aber auch das Netz der Beziehungen, die Abendland und Morgenland verbanden. Die maurische Kultur nahm die Einflüsse aus dem Orient auf und schmolz sie um in eigene Substanz. Die Meerenge von Gibraltar, heute eine Demarkationslinie zwischen »Erster« und »Dritter Welt«, war eine Brücke, über die nicht nur Heere und Waren, sondern auch Gedanken und Künste ihren Weg fanden, Techniken und Handwerke, Wörter, Philosophien, Kleidermoden. Und Formen der Poesie: Islamische, christliche und jüdische Autoren schufen in al-Andalus eine Dichtung, die zum Schönsten der Weltliteratur gehört.
Córdoba, die glanzvolle Hauptstadt eines unabhängigen Kalifenreiches, war im 10. Jahrhundert die mit weitem Abstand größte Stadt Europas. Abgesandte des Kaisers erstarrten in Ehrfurcht angesichts der Pracht der Residenz. Die Bibliothek umfasste mehr Bücher, als es im übrigen Westeuropa zusammen gab. Für Deutschlands erste Dichterin, Roswitha von Gandersheim, war die Stadt »die berühmte Zierde des Erdkreises«. Und auch nach dem politisch-militärischen Zusammenbruch des Kalifats im 11. Jahrhundert, als al-Andalus in zahlreiche kleine Königreiche zerfiel, dauerten der kulturelle Glanz und die wirtschaftliche Macht des islamischen Spanien weiter fort.
Erst als im 12. Jahrhundert Berber-Dynastien die Macht ergriffen und im christlichen Norden der Kreuzzugsgedanke um sich griff, begann der Niedergang, der schließlich mit der Eroberung der Alhambra von Granada durch die Katholischen Könige Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien im Jahre 1492 endete. Doch selbst in dieser späten Phase florierten die Künste: Die Alhambra, bis heute ein Sinnbild der spanisch-islamischen Kultur und Vorbild für maurische Architektur und maurisches Dekor in aller Welt, ist im 14. Jahrhundert in einer Periode politischer Schwäche und militärischer Ohnmacht entstanden, als Spätblüte einer zum Untergang bestimmten Zivilisation.
- Datum 19.06.2011 - 15:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.6.2011 Nr. 25
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Der vordere Orient und Nordafrika waren einst christliches
Kernland und wurden dann vom Islam um es freundlich auszudrücken, überrannt.
Ebenso Sizilien,Spanien.
siehe auch..islamische Expansion
Der Unterschied ist bloß, dass die Kreuzzüge heute nicht mehr romantisch verklärt werden, während der Mythos von Al-Andalus immer noch durch aktuelle Debatten geistert.
Doch Frieden gab es auch in al-Andalus nur um den Preis der Hinnahme brutaler Unterdrückung http://www.weltwoche.ch/a... Ich finde es in der Tat durchaus abenteuerlich, daraus eine moralische Überlegenheit des Islam herleiten zu wollen.
konvertiert haben, wiedersprechen sie sich nicht selber mein(e) Herr(in). Lesen sie mal über Christliche Kreuzzüge, ich glaub nicht das sie dort die ungläubigen Frauen, Kinder und Männer mit Zuckerstangen geschlachtet haben. oder irre ich mich? Lesen sie mal über "Kreuzzüge und Kreuzritter" oder auch mal über die Entdeckung Amerikas, da waren ja unsere Christen auch ganz lieb zu den eingeborenen.
es ist immer schön von der heutigen zeit zu argumentieren, aber gerade menschen wie sie würden im mittelalter die ungläubigen moslems vertreiben oder abschlachten wollen.
meiner Ansicht nach haben die alten Programme ausgedient und sollten nicht mehr eingesetzt werden. Ein Update ist auch sinnlos. Ein Programm das auf allen Computern gut laufen kann, ist Atheismus.
Der Unterschied ist bloß, dass die Kreuzzüge heute nicht mehr romantisch verklärt werden, während der Mythos von Al-Andalus immer noch durch aktuelle Debatten geistert.
Doch Frieden gab es auch in al-Andalus nur um den Preis der Hinnahme brutaler Unterdrückung http://www.weltwoche.ch/a... Ich finde es in der Tat durchaus abenteuerlich, daraus eine moralische Überlegenheit des Islam herleiten zu wollen.
konvertiert haben, wiedersprechen sie sich nicht selber mein(e) Herr(in). Lesen sie mal über Christliche Kreuzzüge, ich glaub nicht das sie dort die ungläubigen Frauen, Kinder und Männer mit Zuckerstangen geschlachtet haben. oder irre ich mich? Lesen sie mal über "Kreuzzüge und Kreuzritter" oder auch mal über die Entdeckung Amerikas, da waren ja unsere Christen auch ganz lieb zu den eingeborenen.
es ist immer schön von der heutigen zeit zu argumentieren, aber gerade menschen wie sie würden im mittelalter die ungläubigen moslems vertreiben oder abschlachten wollen.
meiner Ansicht nach haben die alten Programme ausgedient und sollten nicht mehr eingesetzt werden. Ein Update ist auch sinnlos. Ein Programm das auf allen Computern gut laufen kann, ist Atheismus.
Bitte diskutieren Sie im Kommentarbereich das (historische) Artikelthema. Danke, die Redaktion/fk.
"Die islamische Zivilisation ist Erbin der griechischen Antike, nicht minder als das christliche Abendland."
Die griechische Antike ist eine heidnische Epoche die niemand der erwähnten "beerbt" hat, allenfalls sich mit fremden Federn schmücken will. Zudem ist der Islam (wie auch das Christentum) keine "Zivilisation" oder "Kultur", sondern eine *religiöse Lehre*.
Nach einer relativ guten historischen Übersicht kommt der apellative Ausruf: "Ja, der Islam gehört zu Europa." Warum so inkonsequent und nicht im Stil islamischer Demogogen, die längst propagieren, das Andalus wieder muslimisch werden müsse, warum nicht: Ja, Europa gehört zum Islam? Ist die ZEIT dafür zu miefig deutsch-nationalistisch? Oder fürchtet die Redaktion bloß in Zukunft Dhimmisteuern abführen zu müssen und tut nur so als ob?
"Die islamische Zivilisation ist Erbin der griechischen Antike, nicht minder als das christliche Abendland."
Die griechische Antike ist eine heidnische Epoche die niemand der erwähnten "beerbt" hat, allenfalls sich mit fremden Federn schmücken will. Zudem ist der Islam (wie auch das Christentum) keine "Zivilisation" oder "Kultur", sondern eine *religiöse Lehre*.
Nach einer relativ guten historischen Übersicht kommt der apellative Ausruf: "Ja, der Islam gehört zu Europa." Warum so inkonsequent und nicht im Stil islamischer Demogogen, die längst propagieren, das Andalus wieder muslimisch werden müsse, warum nicht: Ja, Europa gehört zum Islam? Ist die ZEIT dafür zu miefig deutsch-nationalistisch? Oder fürchtet die Redaktion bloß in Zukunft Dhimmisteuern abführen zu müssen und tut nur so als ob?
Bitte diskutieren Sie im Kommentarbereich das Aritkelthema. Danke, die Redaktion/fk.
"Ich halte den Islam ....
... und was er vermittelt für rückwärtsgewandt und mittelalterlich, ganz gleich ob er zu Europa, der Erde oder dem Mond gehört."
Tue ich auch. Nur haben Sie die anderen Religionen noch vergessen.
"Ich halte den Islam ....
... und was er vermittelt für rückwärtsgewandt und mittelalterlich, ganz gleich ob er zu Europa, der Erde oder dem Mond gehört."
Tue ich auch. Nur haben Sie die anderen Religionen noch vergessen.
"Einen Mythos erkennt man nicht in erster Linie am gehobenen, hymnischen Ton, sondern vor allem an der Hartnäckigkeit, mit der er Realität und Zeit widersteht", schreibt Eugen Sorg in einem bemerkenswerten Artikel zum selben Thema (http://www.weltwoche.ch/a... ). Mann/frau lese diesen Artikel parallel, dann wird einiges klar.
Prof. Bossong beginnt den Artikel mit den Worten: "Im Sommer 711 begann die arabische Herrschaft in Spanien. Sie schuf eine Kultur, in der Muslime, Juden und Christen zueinander fanden." Dazu E.Sorg: "Nch einem Verrat des byzantischinen Exarchen von Ceuta hatte im Jahr 711 ein arabisches Heer...nach Gibraltar (Fels nach dem Führer Tarik benannt) übergesetzt ." Die Kontrolle großer Teile Spaniens stellte den westlichen Teil des islamischen Imperiums dar. Nach der ägyptisch-jüdischen Historikerin Bat Ye'Or stellt die islamo-arabische Expansion von kriegerischen Unternehmungen über Jahrhunderte die "vielleicht größte Plünderungsaktion der Geschichte" dar. (nachzulesen bei Bat Ye'Or: Der Niedergang des orientalischen Christentums unter dem Islam. 2.Aufl.2005, S.41ff ). Muslime, Christen und Juden "fanden" nicht "zueinander", wie Prof. Bossong schreibt, sondern Juden und Christen waren Dhimmis, die unter einem regelhaften Unterordnungs- und Gewaltverhältnis unterhalb der Muslime standen (locus classicus: Bat Ye'Or 2005, S.71-106 "Dhimmitude" ).
Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich sachlich. Danke, die Redaktion/mk
Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich sachlich. Danke, die Redaktion/mk
eine politische Religion, die ihre religiöse Rechtsordnung, die Scharia, durchsetzen will. Eine Religion, welche der Politik die Maximen vorgibt, ist nicht republikfähig. Der Islam würde sein Wesen als Lebens- und Rechtsordnung aufgeben, wenn er sich säkularisieren wollte oder sollte. Das höchste Gesetz ist die in dem Koran und der koranischen Tradition gründende Scharia, die, von Allah für die ganze Menschheit herabgesandt, von Muslimen nicht mißachtet werden darf. Jede Politik muß mit diesem Gesetz Gottes übereinstimmen. Darüber wachen alle Muslime, jeder einzeln und alle zusammen, die Umma, vor allem die theologischen Rechtsgelehrten.
Die Säkularisation hingegen ist die größte Kulturleistung Europas. Kein Bürger darf in einer Republik, die demokratisch sein muß, das Wort Gottes über die Gesetzgebung und die Gesetze stellen, und keiner darf versuchen, durch Mehrheitsentscheidung das Gemeinwesen zu einem Gottesstaat zu machen.
#212 Fatih Ersoy, sehr geehrter Fatih Ersoy, Sie schreiben:
"Das grundlegende Menschenbild des Islams ist egalitär. Das System der Segregation religiöser Kollektive führte zu einer politisch-rechtlichen Ungleichheit, das hat hier aber auch niemand bestritten." Ich verweise auf meinen Beitrag Nr. 23: "Das Leben unter der Dhimma" (Kommentarseite 3)
Siegfried Kohlhammer, dem wir auch das Buch "Der Islam und die Toleranz.2011" verdanken, hat einige Beispiele genannt, die verdeutlichen, was das Leben für den Ungläubigen unter der "Dhimma" (http://de.wikipedia.org/w...) bereithielt:
"Dass er sich mit Steinen bewerfen, am Bart zerren, ins Gesicht schlagen und prügeln lassen muss, ohne sich wehren zu dürfen; der Waffenbesitz ist ihm ohnehin untersagt." Kohlhammer schließt seinen Artikel mit den Worten: "Angesichts der endlosen Reihe von Demütigungen, Erpressungen, Vertreibungen und Pogromen, denen die Andersgläubigen unterm Islam ausgesetzt waren (und sind), darf man vielleicht auf eine detaillierte und präzise Widerlegung der einschlägigen kritischen Werke durch jene Islamwissenschaftler hoffen, die unermüdlich den Gebetsruf von der islamischen Toleranz in den Medien und von ihren Lehrstühlen erschallen lassen." http://www.taz.de/?id=arc...
C'est ca.
Bossong schreibt: "Die islamische Eroberung der Iberischen Halbinsel wurde zur existenziellen (sic! ) Katastrophe stilisiert (!), die eine "Rückeroberung" (reconquista) zur Pflicht machte". Dazu ein Beispiel, das E. Sorg nennt, um zu verdeutlichen, was Eroberung über Jahrhunderte für die der Herrschaft Unterworfenen bedeuten kann: Die Truppen des Herrschers Al-Mansur zogen "997 gegen die heilige Pilgerstadt Santiago de Compostela. Nachdem er sie dem Erdboden gleichgemacht hatte, traten ein paar tausend christliche Überlebende den Marsch in die Sklaverei an. Mit sich schlepten sie die Glocken von Compostela ins tausend Kilometer entfernte Cordoba, wo diese zu Lampen für die Moschee umgeschmolzen wurden." ( http://www.weltwoche.ch/a... )
Das ist nur ein Beispiel von Vielen: ich finde die Diktion von Bossong völlig unangemessen.
Die einzig wahre Erkenntnis des Artikels ist diejenige, daß nach tausend Jahren Islam in Nordafrika und zweitausend Jahren Christentum und später Aufklärung in Europa diese Wasserstraße zu einer Grenze zwischen erster und dritter Welt geworden ist.
Besser können die Folgen der Reduzierung auf den Koran als einzig gültige Erkenntnisquelle kaum beschrieben werden.
Umso unverständlicher, daß so viele Moslems an den Errungenschaften der Aufklärung teilhaben möchten, obwohl deren Genese im direkten Widerspruch zum Koran stehen - siehe Verdammung von Ibn Rushd.
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