DIE ZEIT: Wenn Sie die Bilder von der italienischen Insel Lampedusa vor Augen haben, gekenterte Boote, ertrunkene Flüchtlinge , was geht da in Ihnen vor?

Jean Feyder: Natürlich erschüttern mich die Schicksale der Menschen, die alles riskiert haben, um zu uns zu kommen, und dabei ihr Leben verlieren. Aber ich frage mich auch: Warum sehen diese Menschen in Afrika keine Zukunft mehr, und wer ist für diese Hoffnungslosigkeit verantwortlich?

ZEIT: Mit dieser Frage sind wir mitten in der These Ihres Buches Mordshunger : Die Millionen von Hungertoten, Jahr für Jahr, seien Opfer der westlich dominierten Weltwirtschaft. Das Ungeheuerliche daran ist die Kausalität: Die Ärmsten hungern , weil wir von ihrem Elend profitieren.

Feyder: Als ich anfing, das Buch zu schreiben, trieb mich die Frage um: Wer sind eigentlich die Armen, wer sind die Menschen, die verhungern? Die Antwort lautet: Es sind vor allem Leute, die auf dem Land leben. Aber warum? Ein Bauer produziert doch Nahrung? Was läuft da schief?

ZEIT: Sagen Sie es uns.

Feyder: Ich nenne Ihnen eine Zahl: Im Jahr 1980 wurden weltweit 20 Prozent der Entwicklungshilfe für die Entwicklung der Landwirtschaft ausgegeben, im Jahr 2007 waren es noch knapp fünf Prozent. Die Ärmsten der Armen mussten in den letzten zwanzig Jahren zusehen, wie sie immer weniger Gelder erhalten haben – obwohl ihre Probleme immer größer wurden, zum Beispiel wegen der steigenden Energie- und Düngerpreise und wegen des Klimawandels. Normalerweise müsste schon lange ein Sturm der Entrüstung losgebrochen sein.

ZEIT: Im Frühjahr 2008 zumindest gab es von Haiti bis Ägypten Hungerrevolten , auch ein Teil der Proteste in Nordafrika wird auf diese Ursache zurückgeführt.

Feyder: Aber sonst sind die Menschen auf dem Land stumm, sie haben in ihren Ländern keine Lobby. Die Städter machen die Politik und verteilen die Gelder. Zum Bauern schaut niemand auf, seine Arbeit wird im Grunde verachtet.

ZEIT: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Landwirtschaft aus marktideologischen Gründen nicht mehr unterstützt wurde.

Feyder: Jedenfalls über viele Jahre, nach dem sogenannten Washington-Konsens von 1990, als Weltbank und Internationaler Währungsfonds beschlossen, dass nur die Länder weitere Kredite bekommen, die ihre Hausaufgaben machen. Und Hausaufgaben bedeutete: Rückzug des Staates aus allen wirtschaftlichen Angelegenheiten. Schluss mit den Zöllen, Schluss mit jeder Fördermaßnahme, Öffnung des Marktes für Erzeugnisse aus Gunstländern wie den USA und Europa.

ZEIT: Und die einheimischen Bauern mussten aufgeben.

Feyder: So ist es. Mit dieser Logik wurden viele Entwicklungsländer in kürzester Zeit zugrunde gerichtet. Ich nenne gerne das Beispiel Haiti. Vor dreißig Jahren versorgten die eigenen Bauern das Land zu hundert Prozent mit Reis. Im Jahr 2008 waren es noch 20 Prozent, der Rest wird importiert. Viele Bauern sind pleitegegangen, weil sie mit den Produkten aus dem Ausland nicht konkurrieren konnten. Haiti importiert heute in gewaltigem Ausmaß Reis von amerikanischen Bauern. Eine andere Zahl: Die ärmsten Länder der Welt hatten in den achtziger Jahren noch einen Überschuss aus Lebensmittelexporten von einer Milliarde Dollar. Im Jahr 2008 war daraus ein Defizit von 25 Milliarden Dollar geworden.

ZEIT:Jean-Claude Juncker nennt diese Politik im Vorwort Ihres Buches kriminell. Teilen Sie diese Ansicht?

Feyder: Wenn jeden Tag 25.000 Menschen, hauptsächlich Kinder, an Hunger und Unterernährung sterben , ist das schockierend, ungerecht, skandalös. Ich will nicht ausschließen, dass einige Leute wirklich geglaubt haben, ein solch freier Markt sei letztlich auch gut für die armen Länder. Doch inzwischen muss jeder sehen, was damit angerichtet wurde. Bill Clinton, heute Sonderbeauftragter für Haiti bei den Vereinten Nationen, hat das inzwischen öffentlich eingeräumt. Er sagte, diese Politik habe nur den Getreideproduzenten in Arkansas genutzt. Diese Politik, die er als Präsident der Vereinigten Staaten unterstützt habe, sei ein schwerer Fehler gewesen.