Wenn die Sprache das »Haus des Seins« ist, wie Martin Heidegger sagte, dann sind die meisten Bewerbungsbriefe nur trostlose Plattenbauten . Dass ein Bewerbungsbrief immer nach demselben Muster aufgebaut und immer mit denselben Phrasen gefüllt sein müsse, dieser Irrglaube kriecht wie eine Giftschlange durch die Gehirnwindungen vieler Bewerber.

Akt eins: Der Bewerber bezieht sich in bürokratischen Worten auf eine Ausschreibung oder ein Telefonat (»Bezugnehmend auf Ihre Ausschreibung...«).

Akt zwei: Er erzählt das, was ohnehin im Lebenslauf steht , in Schlafwagenprosa nach (»Nach meiner Tätigkeit für die Müller KG trat ich eine neue Herausforderung in derselben Branche bei der Meyer GmbH an«).

Akt drei: Der Brief endet mit der überraschenden Ankündigung, der Bewerber würde sich »über eine Einladung zum Vorstellungsgespräch und ein persönliches Kennenlernen freuen«. Und wenn der Personaler nicht gestorben ist, dann gähnt er heute noch.

Doch es geht noch eine Nummer schlimmer! Neulich las ich den Satz: »Ich strebe eine berufliche Veränderung an, um meine noch nicht im vollen Maße entfalteten Potenziale zum Einsatz bringen zu können.« Dieser Schreibstil war schlecht, aber leider nicht schlecht genug, um folgenden Verdacht zu verhindern: »Ist mit den nicht entfalteten Potenzialen etwa gemeint, in seiner jetzigen Firma kommt der Bewerber auf keinen grünen Zweig, deshalb will er es bei uns versuchen?«

Ein guter Bewerbungsbrief ist ein Lasso, mit dem Sie das Interesse des Empfängers einfangen. So können Sie ihn schon vor dem entscheidenden Blick auf den Lebenslauf für sich einnehmen. Wenn Sie unverbrauchte Verben verwenden (statt ungelenker Substantive), griffige Aussagen machen (statt Standardphrasen zu dreschen) und Spannendes in Kürze aufschreiben (statt Selbstverständliches in Romanlänge), dann wird Ihr Brief aus den grauen Plattenbauten wie eine Villa Kunterbunt hervorleuchten.

Nehmen Sie das Wort Be-Werbung einmal wörtlich: Ihr Bewerbungsbrief sollte für Sie werben – originell, pointiert, lebendig. Warum nicht mal so anfangen: »Wollen Sie wissen, welche drei Gründe dafür sprechen, dass ich der Richtige für Ihre Stelle bin?« Solche Sätze reißen Personalentscheider aus jener Vollnarkose, die ihnen Standardbriefe gnadenlos verpassen. Allerdings müssen nun drei wirklich gute Gründe folgen – sonst war’s nur ein Pyrrhussieg.