Für einen Augenblick war es wie früher. Kanzlerin Merkel hole ihren neuen Chefberater von einer Privathochschule, bestätigte ihr Sprecher vergangene Woche, »international sehr erfahren« sei der, ein »exzellenter Kenner der EU« – und bislang Präsident einer Einrichtung, deren vielversprechender Name ganze Zeitungszeilen füllte: European School of Management and Technology. Da war er wieder, der Nimbus privater Elitehochschulen, und fast hätte man vergessen können, welchen Super-GAU die Branche hinter sich hat . Eine Imagekatastrophe, die sich mit drei Buchstaben verbindet: EBS, European Business School. Aber eben nur fast.

29 Jahre zuvor, in der westfälischen Provinz: Eine Truppe idealistischer Professoren macht sich daran, ihren Traum zu verwirklichen. Sie sind enttäuscht vom Stillstand an den Hochschulen, von der bürokratischen Verwaltung und hierarchischem Denken. Die Gründung von Deutschlands erster Privat-Uni Witten/Herdecke , hoffen sie, werde den Beginn eines neuen Bildungszeitalters markieren. Neue Formen universitärer Lehre und Forschung und des Miteinanders von Professoren und Studenten müssten auch hierzulande möglich sein. Sagen sie und finden solvente Unterstützer: den Verleger Gerd Bucerius etwa oder Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn.

Der Mythos Witten/Herdecke ist geboren. Seit 1982 ist er der Anspruch, an dem sich all jene Betreiber privater Hochschulbildung messen lassen müssen, die universitäres Niveau anstreben. Laut einer Studie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft sind das auch nach 29 Jahren nicht allzu viele: von den immerhin 90 privaten Hochschulen gerade einmal 13, wovon sich zehn jeweils auf ein einziges Fach spezialisiert haben – Wirtschaft zumeist. Nur drei Einrichtungen verfügen über eine Fächerbreite, die auch die Bezeichnung »Universität« rechtfertigt. Alle übrigen privaten Hochschulen, immerhin 77, betreiben Bildung vorrangig als Dienstleistungsgeschäft, bevorzugt über berufsbegleitende oder stark praxisorientierte Studienangebote, teilweise gewinnorientiert, meist erfolgreich. Und noch häufiger unbeobachtet von den Massenmedien. »Wenn Sie in der U-Bahn die Werbeposter anschauen, wird Ihnen erst mal klar, was es da für einen Markt gibt«, sagt Andrea Frank, die Autorin der Stifterverbandsstudie.

Forschung lässt sich nicht über Studiengebühren finanzieren

Mit dem Nimbus der privaten Elitehochschulen haben diese 77 so viel zu tun wie der Pizzabäcker von nebenan mit einem Sternekoch. Sie überleben aber auch so. Im Gegensatz zu den paar Mutigen, die sich auf das Abenteuer universitäre Exzellenz einlassen. »Universität heißt, Sie müssen auch ernst zu nehmende Forschung betreiben, und das kostet deutlich mehr, als Sie jemals über Studiengebühren oder Spendengelder einnehmen können«, sagt Markus Baumanns, der die Hamburger Bucerius Law School mitgegründet hat.

Die Krux: In einem Land, das zu den staatsgläubigsten in Sachen Hochschulstudium überhaupt zählt, können die Privatuniversitäten, anders als etwa in den USA, nicht auf einen oft jahrhundertealten, milliardenschweren Kapitalstock zurückgreifen, um Defizite auszugleichen. Die Folge: Wer sich als Betreiber einer nicht staatlichen Hochschule dem teuren universitären Ideal verschreibt, tanzt schnell am finanziellen Abgrund. Da helfen auch Merchandising-Einfallsreichtum und beste Fundraising-Tricks wenig. Selbst Musterschüler Witten konnte die Pleite vor drei Jahren wieder einmal nur dank einer konzertierten Aktion privater Retter abwenden. Nordrhein-Westfalen gibt nach zwischenzeitlichem Zahlungsstopp wieder 4,5 Millionen Euro pro Jahr dazu – allerdings nur bis 2013.

Die Überlebensstrategie der Privaten ist so einfach wie riskant. Sie lautet: Geld gegen Versprechen – das öffentliche, gern über Hochglanzbroschüren transportierte Versprechen, nicht nur ihren Studenten, sondern der Gesellschaft insgesamt einen unverzichtbaren Mehrwert zu bieten: in Form didaktischer Innovationen und ungewöhnlicher Forschungsansätze, vor allem aber durch Absolventen, die Führungspersönlichkeiten von morgen verkörpern. Elite eben. In Maßen gehört das Trommeln zum Handwerk aller Privaten; der medienaffine Präsident der Zeppelin University (ZU), Stephan A. Jansen, etwa hat es so weit perfektioniert, dass er in seinen Interviews oft viel Zeit darauf verwendet, zu erklären, warum die ZU eben nicht elitär sei.

Je größer die finanzielle Schieflage, desto größer, so scheint es, werden die Versprechungen, umso wichtiger wird die Imagepflege. Und hier kommt wieder die EBS ins Spiel. Die European Business School, noch eine Hochschule, bei der schon der Name Weltläufigkeit signalisieren soll – allerdings mit einem Standort, der dazu nicht zu passen schien: Oestrich-Winkel. »Edel – und gut« wolle die EBS sein, so stand es auch in der ZEIT, noch Anfang 2011. Ihr Präsident Christopher Jahns halte das Bild des »ehrbaren Kaufmanns« hoch. Das Image war so gut, dass es der finanziell angeschlagenen Hochschule Entlastung brachte: Hessens Landesregierung bewilligte 25 Millionen Euro für eine Jura-Fakultät. Und die Uni-freie Landeshauptstadt Wiesbaden ließ sich den Zuzug der damit offiziell zur vierten deutschen Privat-»Universität« aufgewerteten EBS weitere Millionen kosten. Geld gegen Versprechen.