Gehen dem Deutschen Schulpreis nicht langsam die Kandidaten aus? Seit 2006 erhalten jedes Jahr fünf Schulen, neuerdings sogar sieben, diese mit insgesamt 230.000 Euro dotierte Auszeichnung. Die große Robert Bosch Stiftung und die kleine, von der Familie Bosch getragene Heidehofstiftung ermöglichen diesen Blick auf gelungene Schulen. Und von denen gibt es immer mehr.

Der Jury fiel es in diesem Jahr besonders schwer, aus den 15 Nominierten die Preisträger zu küren. Es sind eigenwillige Schulen. Sie entdecken den Vorteil, verschieden zu sein. Das gilt für die Institution selbst und vor allem für die Vielfalt der unterschiedlichen Schüler. Die Marktschule in Bremerhaven hat sich in jahrgangsübergreifenden Klassenfamilien organisiert. Da arbeiten auch Eltern mit. Das Gymnasium im bayerischen Karlstadt hat seine Gestaltung weitgehend in die Hände von Arbeitskreisen gegeben, die aus Eltern, Lehrern und Schülern bestehen. Diese Schulen sind auf dem Weg von der Unterrichtsanstalt zu einem Lebens- und Lernort. Und an all den Schulen zeigt sich, wie die Kinder und Jugendlichen dann geradezu brillieren. Das wird aufgeklärte Bürger nicht wundern. Es ist inzwischen eine Binsenweisheit der Organisationspsychologen, dass eine gute Atmosphäre zu besseren Leistungen führt. Aber gegenüber Schulen gibt es in Deutschland häufig immer noch den Verdacht, zu viel Wohlbefinden könne dem Ergebnis schaden.

Diesem Vorurteil war nun bald 40 Jahre lang auch die Göttinger Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule ausgesetzt. Eine Gesamtschule. Sie verzichtet auf Noten bis zum Ende der achten Klasse und bis zur zehnten Klasse auch darauf, Kinder und Jugendliche nach Leistungsniveaus zu »differenzieren«. Das dürfen in Deutschland nur fünf Schulen mit einer Ausnahmegenehmigung der Kultusministerkonferenz. Aus dieser Schule, die von Klasse fünf bis zum Abitur führt, kam im vergangenen Jahr die beste Abiturientin Niedersachsens. Nach einem Abitur-Ranking vom Jahr zuvor stand die Reformschule auf Platz zwei im Bundesland, also vor allen Gymnasien außer einem. Die Jury-Delegation rieb sich die Augen, als sie die überaus gut dokumentierten Daten sah. So hatten von den 114 Abiturienten im vergangenen Jahr nur 89 von der Grundschule eine Gymnasialempfehlung bekommen. Und von den 17 Kindern des Jahrgangs, denen damals »Hauptschüler« in ihren Lernpass gestempelt wurde, machten sechs den Hauptschulabschluss. Alle anderen waren besser, und keiner blieb ohne Abschluss.

Der Schulleiter ist Mathematiker, aber er schwärmt vom Profilfach Tanz

Dass die Göttinger Schule am Freitag vor Pfingsten in der St.-Elisabeth-Kirche in Berlin den mit 100.000 Euro ausgestatteten Hauptpreis aus der Hand des Bundespräsidenten erhielt, war durchaus pikant. Als Christian Wulff in Niedersachsen Ministerpräsident war, hatte man die Schule kurzgehalten; im Schulgesetz wurde die Neugründung von Gesamtschulen sogar verboten. Aber Politiker können ja ihre Meinung zuweilen in atemberaubenden Sprüngen ändern.

Dem bayerischen Johann-Schöner-Gymnasium in Karlstadt hätte man dessen höchst unbajuwarische Souveränität kaum durchgehen lassen, hätte die Schule nicht mit überdurchschnittlichen Schülerleistungen aufwarten können. Oder das mit einem Sonderpreis ausgezeichnete Genoveva-Gymnasium in Köln, das sich frech und selbstbewusst mit dem Satz: »Wir sind die einzige Hauptschule in Köln, in der man Abitur machen kann«, für den Schulpreis beworben hatte. Die Statistik dieser Schule im Stadtteil Mülheim sieht aus wie die einer hoffnungslosen Brennpunktschule. Kinder und Jugendliche aus 40 Nationen. Gerade mal 25 Prozent Deutsche. Bei den Vergleichsarbeiten in der Un ter- und Mittelstufe liegt das Genoveva-Gymnasium unter dem NRW-Landesschnitt. Beim Abitur liegt es darüber. Schule kann also etwas bewirken. Aber dann darf sich die Schule nicht wie eine unwirksame, nachgeordnete Behörde verhalten, in der die Schüler ständig zu hören bekommen, was die Schule alles muss, aber nie, was sie will.

Das Genoveva-Gymnasium wollte eine Profilklasse Tanz. Zwei Stunden jede Woche. Nicht am Nachmittag als AG, sondern als gleichwertiges Fach. Man muss gesehen haben, wie die Jugendlichen Disziplin und Freude verbinden, und hören, wie der Schulleiter schwärmt: »Das geht durch den Körper, nicht nur in den Kopf.« Der Schulleiter ist Mathematiker.