Wenn Ivonne Baki an Dirk Niebel denkt, dann kommt ihr eine Blackbox in den Sinn. Sie hat sich umgehört, bei Leuten aus seinem Entwicklungsministerium, bei deutschen Abgeordneten, bei seinen Kollegen von der FDP, doch dieser Mann bleibt ein Mysterium. Sie hat sich seinen Lebenslauf angesehen, sein Bild im Internet, und deshalb weiß sie, dass er blond ist und früher Jobs beim deutschen Arbeitsamt vermittelte. »Er war mal Soldat«, fragt sie, »oder?« Sie fragt sich, was ihn antreibt. Was denkt er über ein Land wie Ecuador , ihr Heimatland? Versteht er, dass der Regenwald ein Ort ist, den man schützen muss? Ivonne Baki, die Sonderbeauftragte der ecuadorianischen Regierung, sucht nach Antworten.

Baki würde Niebel gerne einladen nach Ecuador, in den Yasuní-Nationalpark, um ihm zu zeigen, wie atemraubend schön, wie verletzlich der Regenwald hier ist. Doch dazu müsste sie ihn treffen, ihm einmal in die Augen sehen, aber dieser deutsche Minister ist für sie schwieriger zu erreichen als Ban Ki Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen.

Es ist ein regnerischer Tag im April, als sich Baki in einem gläsernen Büroturm in Quito, der Hauptstadt Ecuadors, in einen Ledersessel fallen lässt. Durch das offene Fenster dringt der Gestank der Rushhour, das Hupen der Busse, die sich in die Armutsviertel auf den Hügeln schlängeln. Baki trägt High Heels und ein eng geschnittenes Kostüm, die langen blonden Haare fallen ihr auf die Schultern. Vor ein paar Wochen ist Baki 60 geworden. Jetzt hat sie wieder 16-Stunden-Tage, zuletzt verhandelte sie in New York mit Ban Ki Moon, davor in Paris mit einem Berater von Präsident Sarkozy, sie war in Spanien, in Qatar, allein in Deutschland sind ihr die Türen zugesperrt. »Keine Ahnung«, sagt sie, »wie oft wir schon um einen Termin gebeten haben. Aber jedes Mal heißt es, Minister Niebel habe keine Zeit.«

Baki war mal Botschafterin in den USA, sie hat das Andenparlament geleitet und für ihr Land den Frieden mit Peru verhandelt, »aber das hier«, sagt sie in geschliffenem Diplomatenenglisch, »ist die schwierigste Aufgabe meines Lebens«. Das hier ist Dirk Niebel.

Anfang Februar hatte Rafael Correa, der Präsident von Ecuador, sie zu sich ins Büro gerufen. Er sagte ihr: »Wenn jemand die Welt verändern kann, Ivonne, dann du. Du musst unseren Plan retten.« Seitdem wird jeder ihrer Tage, jeder Termin, jedes Telefonat bestimmt von einer Rede, die ihr Präsident vier Jahre zuvor gehalten hatte.

Es war im September 2007, als Rafael Correa in einem Sitzungssaal der Vereinten Nationen an ein Rednerpult trat und der Welt zum ersten Mal seinen Plan vortrug. Anstelle eines weißen Hemdes trug er unter seinem dunklen Anzug ein offenes, am Kragen bunt besticktes Hemd der Ureinwohner. Correa war gerade neu im Amt, ein Mittvierziger, der in Belgien Wirtschaftswissenschaft studiert und den größten Anteil seiner Stimmen in den Armutsvierteln geholt hatte. In den ersten Wochen seiner Amtszeit versprach er, eine Sozialhilfe von 30 Euro einzuführen, kostenlose Bildung, Arztbesuche. Jetzt, am Rednerpult, senkte er seine Stimme. »Ihr müsst uns helfen!«, sagte er. Correa sprach über den Yasuní-Nationalpark, einen Teil des Amazonasregenwaldes, der viermal so groß ist wie das Saarland. Forscher haben hier mehr Baumarten gezählt als in ganz Nordamerika. Nirgendwo sonst leben so viele verschiedene Papageien, Fledermäuse, Käfer. In den tausend Flüssen, die sich durch die Wildnis schlängeln, schwimmen rosafarbene Delfine, und tief in diesem endlos weiten Grün leben – ohne Kontakt zur Zivilisation – zwei Indianerstämme, die Tagaeri und die Taromenane.

Die Unesco hat den Yasuní zum Biosphärenreservat ernannt. Doch unter diesem Paradies lagern 850 Millionen Barrel Öl, ein Fünftel der Bestände Ecuadors, ihr Wert: rund 7,2 Milliarden Dollar. Ecuador ist das kleinste Mitglied der Opec, das Öl ist die wichtigste Geldquelle des Staates.

»Wir wären bereit, das Öl im Yasuní nicht anzutasten«, sagte Präsident Correa in New York, »wir wären bereit, auf die Hälfte unserer Einnahmen zu verzichten, wenn uns die Welt die andere Hälfte erstattet.«

Nach den vertriebenen Indianern sind heute Ölfelder benannt

Im Saal herrschte Stille. Warum sollte die Weltgemeinschaft Ecuador subventionieren? Warum sollte sie ein Land dafür belohnen, etwas nicht zu tun – den Regenwald nicht anzutasten? Ein Land, das reich an Bodenschätzen ist und arm vor allem wegen seiner eigenen Regierungen, die es jahrzehntelang geplündert haben?

In ihrem Ledersessel, hoch über der Hauptstadt Quito, hebt Ivonne Baki abwehrend die Hände. Sie sagt: »Der Emissionshandel belohnt Länder, die einen zerstörten Wald aufforsten – warum belohnt man nicht auch die, die ihren Wald gleich stehen lassen?«

Vor vier Jahren, nach der Rede ihres Präsidenten, erhob sich Beifall, zaghaft erst, dann immer lauter. Es war die Zeit, als die Weltfinanzkrise noch Zukunft war. Die Welt sorgte sich um abschmelzende Gletscher und ansteigende Meeresspiegel. Sie wurde sich bewusst, dass es vor allem die Regenwälder sind, die Kohlenstoffe binden und damit Emissionen verhindern. Nobelpreisträger wie Al Gore , Michail Gorbatschow oder Muhammad Yunus unterstützten damals den Plan des ecuadorianischen Präsidenten. Die Europäische Union versprach, Ecuador zu helfen, auch die Opec hatte keine Einwände.

Dieser ecuadorianische Präsident hatte nicht nur geredet, sondern der Welt einen konkreten Deal vorgeschlagen. Ein Tauschgeschäft. Durch den Schutz des Yasuní bliebe der Welt ein Ausstoß von 407 Millionen Tonnen CO₂ erspart, so viel, wie Brasilien in einem Jahr produziert. Im Gegenzug, versprach Präsident Correa, werde er das Geld für eine nachhaltige Landwirtschaft einsetzen, für die Erschließung alternativer Energiequellen. Ecuador, sagte er, könne sich vorbereiten auf eine Zukunft, in der es unabhängig werde vom Öl.

Wer von der Hauptstadt Quito aus nach Osten Richtung Yasuní reist, der sieht die Spur der Verwüstung, die das Öl in das Land geschlagen hat. Ecuador verliert in jedem Jahr rund 150.000 Hektar Wald, eine Fläche, doppelt so groß wie Hamburg. Entlang der Flüsse zischen Gasflammen aus dem Dschungel, die Pipelines fressen tiefe Schneisen in die Wildnis. Aus dem größten dieser Rohre, das Öl über die Anden zu den Häfen am Pazifik bringt, leckte in den letzten Jahren fast doppelt so viel Öl wie aus dem havarierten Tanker Exxon Valdez. Das Öl verseucht die Flüsse, tötet Tiere, sickert ins Trinkwasser. Jeder Dritte, der in den Ölgebieten lebt, erkrankt an Krebs. Zehntausende wurden vertrieben, die Indiostämme der Cofanes, der Secoyas und Sionas, von anderen blieb nur ihr Name: Tetete, Sansahuari – nach ihnen heißen heute Ölfelder.