EcuadorNiebel und die Indianer

Im weltweit einzigartigen Yasuní-Nationalpark in Ecuador wollen Konzerne nach Öl bohren. Die Vereinten Nationen unterstützen einen Rettungsplan, aber der Entwicklungsminister Dirk Niebel zieht nicht mit. Protokoll eines deutschen Sonderweges. von  und Marian Blasberg

Entwicklungsminister Dirk Niebel während eines Besuchs in Gaza-Stadt.

Entwicklungsminister Dirk Niebel während eines Besuchs in Gaza-Stadt.  |  © Mohammed Abed/AFP/Getty Images

Wenn Ivonne Baki an Dirk Niebel denkt, dann kommt ihr eine Blackbox in den Sinn. Sie hat sich umgehört, bei Leuten aus seinem Entwicklungsministerium, bei deutschen Abgeordneten, bei seinen Kollegen von der FDP, doch dieser Mann bleibt ein Mysterium. Sie hat sich seinen Lebenslauf angesehen, sein Bild im Internet, und deshalb weiß sie, dass er blond ist und früher Jobs beim deutschen Arbeitsamt vermittelte. »Er war mal Soldat«, fragt sie, »oder?« Sie fragt sich, was ihn antreibt. Was denkt er über ein Land wie Ecuador , ihr Heimatland? Versteht er, dass der Regenwald ein Ort ist, den man schützen muss? Ivonne Baki, die Sonderbeauftragte der ecuadorianischen Regierung, sucht nach Antworten.

Baki würde Niebel gerne einladen nach Ecuador, in den Yasuní-Nationalpark, um ihm zu zeigen, wie atemraubend schön, wie verletzlich der Regenwald hier ist. Doch dazu müsste sie ihn treffen, ihm einmal in die Augen sehen, aber dieser deutsche Minister ist für sie schwieriger zu erreichen als Ban Ki Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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Es ist ein regnerischer Tag im April, als sich Baki in einem gläsernen Büroturm in Quito, der Hauptstadt Ecuadors, in einen Ledersessel fallen lässt. Durch das offene Fenster dringt der Gestank der Rushhour, das Hupen der Busse, die sich in die Armutsviertel auf den Hügeln schlängeln. Baki trägt High Heels und ein eng geschnittenes Kostüm, die langen blonden Haare fallen ihr auf die Schultern. Vor ein paar Wochen ist Baki 60 geworden. Jetzt hat sie wieder 16-Stunden-Tage, zuletzt verhandelte sie in New York mit Ban Ki Moon, davor in Paris mit einem Berater von Präsident Sarkozy, sie war in Spanien, in Qatar, allein in Deutschland sind ihr die Türen zugesperrt. »Keine Ahnung«, sagt sie, »wie oft wir schon um einen Termin gebeten haben. Aber jedes Mal heißt es, Minister Niebel habe keine Zeit.«

Baki war mal Botschafterin in den USA, sie hat das Andenparlament geleitet und für ihr Land den Frieden mit Peru verhandelt, »aber das hier«, sagt sie in geschliffenem Diplomatenenglisch, »ist die schwierigste Aufgabe meines Lebens«. Das hier ist Dirk Niebel.

Anfang Februar hatte Rafael Correa, der Präsident von Ecuador, sie zu sich ins Büro gerufen. Er sagte ihr: »Wenn jemand die Welt verändern kann, Ivonne, dann du. Du musst unseren Plan retten.« Seitdem wird jeder ihrer Tage, jeder Termin, jedes Telefonat bestimmt von einer Rede, die ihr Präsident vier Jahre zuvor gehalten hatte.

Es war im September 2007, als Rafael Correa in einem Sitzungssaal der Vereinten Nationen an ein Rednerpult trat und der Welt zum ersten Mal seinen Plan vortrug. Anstelle eines weißen Hemdes trug er unter seinem dunklen Anzug ein offenes, am Kragen bunt besticktes Hemd der Ureinwohner. Correa war gerade neu im Amt, ein Mittvierziger, der in Belgien Wirtschaftswissenschaft studiert und den größten Anteil seiner Stimmen in den Armutsvierteln geholt hatte. In den ersten Wochen seiner Amtszeit versprach er, eine Sozialhilfe von 30 Euro einzuführen, kostenlose Bildung, Arztbesuche. Jetzt, am Rednerpult, senkte er seine Stimme. »Ihr müsst uns helfen!«, sagte er. Correa sprach über den Yasuní-Nationalpark, einen Teil des Amazonasregenwaldes, der viermal so groß ist wie das Saarland. Forscher haben hier mehr Baumarten gezählt als in ganz Nordamerika. Nirgendwo sonst leben so viele verschiedene Papageien, Fledermäuse, Käfer. In den tausend Flüssen, die sich durch die Wildnis schlängeln, schwimmen rosafarbene Delfine, und tief in diesem endlos weiten Grün leben – ohne Kontakt zur Zivilisation – zwei Indianerstämme, die Tagaeri und die Taromenane.

Die Unesco hat den Yasuní zum Biosphärenreservat ernannt. Doch unter diesem Paradies lagern 850 Millionen Barrel Öl, ein Fünftel der Bestände Ecuadors, ihr Wert: rund 7,2 Milliarden Dollar. Ecuador ist das kleinste Mitglied der Opec, das Öl ist die wichtigste Geldquelle des Staates.

»Wir wären bereit, das Öl im Yasuní nicht anzutasten«, sagte Präsident Correa in New York, »wir wären bereit, auf die Hälfte unserer Einnahmen zu verzichten, wenn uns die Welt die andere Hälfte erstattet.«

Nach den vertriebenen Indianern sind heute Ölfelder benannt

Im Saal herrschte Stille. Warum sollte die Weltgemeinschaft Ecuador subventionieren? Warum sollte sie ein Land dafür belohnen, etwas nicht zu tun – den Regenwald nicht anzutasten? Ein Land, das reich an Bodenschätzen ist und arm vor allem wegen seiner eigenen Regierungen, die es jahrzehntelang geplündert haben?

In ihrem Ledersessel, hoch über der Hauptstadt Quito, hebt Ivonne Baki abwehrend die Hände. Sie sagt: »Der Emissionshandel belohnt Länder, die einen zerstörten Wald aufforsten – warum belohnt man nicht auch die, die ihren Wald gleich stehen lassen?«

Vor vier Jahren, nach der Rede ihres Präsidenten, erhob sich Beifall, zaghaft erst, dann immer lauter. Es war die Zeit, als die Weltfinanzkrise noch Zukunft war. Die Welt sorgte sich um abschmelzende Gletscher und ansteigende Meeresspiegel. Sie wurde sich bewusst, dass es vor allem die Regenwälder sind, die Kohlenstoffe binden und damit Emissionen verhindern. Nobelpreisträger wie Al Gore , Michail Gorbatschow oder Muhammad Yunus unterstützten damals den Plan des ecuadorianischen Präsidenten. Die Europäische Union versprach, Ecuador zu helfen, auch die Opec hatte keine Einwände.

Dieser ecuadorianische Präsident hatte nicht nur geredet, sondern der Welt einen konkreten Deal vorgeschlagen. Ein Tauschgeschäft. Durch den Schutz des Yasuní bliebe der Welt ein Ausstoß von 407 Millionen Tonnen CO₂ erspart, so viel, wie Brasilien in einem Jahr produziert. Im Gegenzug, versprach Präsident Correa, werde er das Geld für eine nachhaltige Landwirtschaft einsetzen, für die Erschließung alternativer Energiequellen. Ecuador, sagte er, könne sich vorbereiten auf eine Zukunft, in der es unabhängig werde vom Öl.

Wer von der Hauptstadt Quito aus nach Osten Richtung Yasuní reist, der sieht die Spur der Verwüstung, die das Öl in das Land geschlagen hat. Ecuador verliert in jedem Jahr rund 150.000 Hektar Wald, eine Fläche, doppelt so groß wie Hamburg. Entlang der Flüsse zischen Gasflammen aus dem Dschungel, die Pipelines fressen tiefe Schneisen in die Wildnis. Aus dem größten dieser Rohre, das Öl über die Anden zu den Häfen am Pazifik bringt, leckte in den letzten Jahren fast doppelt so viel Öl wie aus dem havarierten Tanker Exxon Valdez. Das Öl verseucht die Flüsse, tötet Tiere, sickert ins Trinkwasser. Jeder Dritte, der in den Ölgebieten lebt, erkrankt an Krebs. Zehntausende wurden vertrieben, die Indiostämme der Cofanes, der Secoyas und Sionas, von anderen blieb nur ihr Name: Tetete, Sansahuari – nach ihnen heißen heute Ölfelder.

Leserkommentare
  1. Ich habe diesen Artikel in der Print-Ausgabe gelesen und es ist geradezu beschämend, wie sich Niebel hier präsentiert. Der Mann hat nichts, aber auch gar nichts gelernt und hängt einer Idee nach, die Ende der 90er Jahre schon zum Scheitern verurteilt war. Der Mann muss weg. Wann sind Wahlen?

    2 Leserempfehlungen
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    ...Polmik gegen Niebel in fast jedem Absatz. Einforderung der Aufrechterhaltung des deutschen, devoten Atruismusses.

    »Alle gucken, was die Deutschen tun«

    Ein abgeschlossenes Philosophie Studium macht nicht zwingend einen guten Journalisten aus. Polemik schon gar nicht. Von der Zeit erwarte ich einfach fundiertere Beiträge.

    • chamsi
    • 20. Juni 2011 10:47 Uhr

    verschwinde ganz rasch......

    Anm.: Bitte bemühen Sie sich um Argumente. Danke. Die Redaktion/ag

  2. und das wohl ungeschminkte Gesicht der FDP. Alles wird dem Profit untergeordnet. Wann ist diese Partei des Egoismus endlich weg vom Fenster. Dann mache ich eine Flasche vom teuersten Champagner auf.

    Harald G

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  3. Dass ein einzelner Verrückter fast die komplette deutsche Entwicklungshilfe in sinnfreie Industriesubventionen umwandeln kann, ist eine Schande für die schwarz-gelbe Koalition. Dass da eine Partei wie die CDU mit einem „christlich“ im Namen (Nächstenliebe etc.) kommentarlos mitmacht, ist nur ein weiteres Beispiel dafür, dass im Interesse eines Wirtschaftsegoismus in dieser Regierung alle Werte über Bord geworfen werden.
    130 Millionen für die Subvention eines von deutschen Unternehmen gebauten Fährschiffs und einer U-Bahn, die sonst von anderen Unternehmen aus anderen Ländern genauso gut gebaut worden wären, aber kein Geld mehr für die Hilfe für Menschen, die unverschuldet in Entwicklungsländern in Not geraten sind. Kein Geld für das Bewahren unwiederbringlichen Tier- und Pflanzenreichtums. Ein Hoch auf den Raubtierkapitalismus neoliberaler Prägung (wobei man ja auch mal diskutieren kann, wieso Industriesubventionen eigentlich irgendwas Liberales haben sollen, aber vermutlich will die FDP nur Industriesponsoren für ihre nächsten Wahlkämpfe gewinnen).
    Töten durch Unterlassen von Hilfe. Ist das eigentlich strafbar?

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    • BSiR
    • 20. Juni 2011 19:04 Uhr

    Es ist nicht nur der gierige Wirtschaftsegoismus, sondern vor allen Dingen auch die Angst vor dem Verlust der Macht in dieser Koalition.
    Die CDU/CSU muss die FDP und damit diesen Nichtskönner Niebel, von einem Nichtskönner Westerwelle protegiert, in der Koalition halten.

    • hareck
    • 20. Juni 2011 10:48 Uhr

    mit stark eingeschränkter Wahrnehmung, simplem Schwarz-Weiß-Weltbild und ohne Gefühl für kreatives Handeln.

    Der perfekte liberale Minister.

    Allerdings leuchtet mir auch nach Lektüre dieses Artikels nicht ein, warum Ecuador so sehr auf Niebel fixiert ist. Andere Länder scheinen ja aufgeschlossen zu sein.

    Wenn jetzt also in Ecuador tatsächlich die Bohrer angeworfen werden, ist es bestimmt nicht nur die Schuld dieses einen Mannes. So einfach ist die Wirklichkeit nie. Die letztliche Entscheidung liegt bei den ecuadorianischen Politikern.

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    Vom Grundsatz her haben Sie recht, aber Deutschland scheint eines der Länder in diesem Fall zu sein, die Vorbildfunktion zu haben scheinen. Ich habe diesen Fall schon vor einigen Wochen im Radio verfolgt (es gab ein Interview mit Ivonne Baki) und sie hat sehr einleuchtend beschrieben, dass Deutschland hier eine führende Rolle übernehmen könnte. Nichts desto trotz, unabhängig davon, würde es Deutschland gut zu Gesicht stehen, hier mitzumachen und sich nicht vom Acker zu stehlen, um in irgendwelchen Ländern Industriepolitik mit Deutscher Beteiligung zu spielen. Ich dachte, die FDP ist gegen Subventionen, warum macht er Niebel also so etwas?

    • wigum
    • 20. Juni 2011 10:51 Uhr

    Ja der Herr Niebel, unser Bundesminister für postwilhelminische Kolonialisierung. Man könnte in der Annahme, dass dieser Spuk in spätestens 2 Jahren vorbei ist ja drüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre und bis dahin so viel Schaden entstehen würde.
    Da können sich die Damen und Herren welche der "Freien Deutschen Steuersenker und Klientel-Partei" vor 2 Jahren, in Erwartung von 5 Euro mehr auf der Gehaltsabrechnung, in die Regierungskoalition verholfen haben, sich mal an den Kopf fassen und darüber nachdenken was sie damit angerichtet haben.

    Schön das die ZEIT sich dieses wichtige Thema umfassend angenommen hat, über das man sonst nur in Randbemerkungen liest.

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    wenn die ZEIT ihr Augenmerk neutral auf die Auswirkungen der deutschen Entwicklungspolitik richten würde. Selbst ohne Sachkenntnis ist vor Ort augenfällig, dass vor allem die empfangenden Regierungsbeamte, deren Familien und deren Günstlinge profitieren. Desweiteren die Verteilungsmaschinerie, die in ihrem selbstreferentiellen Tun, in der Regel völlig unbeobachtet bleibt, da sich über alles das Deckmäntelchen des Gutedelgetues breitet. Ich hätte an dieser Stelle sehr gerne mehr darüber erfahren, wie die Verteilung der deutschen Steuergelder sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Persönlich ist mir von meinen Reisen nur Afrika bekannt und da scheint die Bilanz erbärmlich. Niebels Forderung nach Abschaffung der Handelshemmnisse, damit diese Länder sich endlich selbst helfen können, ist na klar widerlich neoliberal, scheint mir aber dennoch das tragfähigste aller Konzepte zu sein. Würde es auch das Zurückfahren der europäischen Agrarsubventionen beinhalten. Schade, das man an dieser Stelle so ideolgisch berichtet. Entwicklungshilfe ist ein Thema, dem grösste Aufmerksamkeit gebührt und nicht nur Hang zum Politikerbashing.

  4. Vom Grundsatz her haben Sie recht, aber Deutschland scheint eines der Länder in diesem Fall zu sein, die Vorbildfunktion zu haben scheinen. Ich habe diesen Fall schon vor einigen Wochen im Radio verfolgt (es gab ein Interview mit Ivonne Baki) und sie hat sehr einleuchtend beschrieben, dass Deutschland hier eine führende Rolle übernehmen könnte. Nichts desto trotz, unabhängig davon, würde es Deutschland gut zu Gesicht stehen, hier mitzumachen und sich nicht vom Acker zu stehlen, um in irgendwelchen Ländern Industriepolitik mit Deutscher Beteiligung zu spielen. Ich dachte, die FDP ist gegen Subventionen, warum macht er Niebel also so etwas?

  5. Nicht nur im Bezug auf Ecuador entpuppt sich Niebel als Palaeo-Liberaler, dessen einziges Anliegen der Ausbau wirtschaftlicher Macht in den Händen einer kleinen Elite ist.
    Hier haben wir es mit einem Entwicklungshilfeminister zu tun, der nicht an Entwicklungshilfe glaubt, sondern nur an die "unsichtbare Hand" des Marktes. Ein Jünger des Mammon, der privatwirtschaftliche Interessen stets über ökologische, soziale oder selbst moralische Belange stellen wird, weil in seinem Weltbild wirtschaftliches Wachstum als Allheilmittel gilt.

    Anderes war von der FDP im Allgemeinen und Dirk Niebel im Speziellen allerdings auch nicht zu erwarten. In dieser Hinsicht würde ich mich allerdings gern einmal mit den 14,6% der Wähler unterhalten, die diesen Verein 2009 an die Macht gehievt haben. Es ist nämlich keinesfalls so, als hätten die Liberalen erst nach der Wahl ihr wahres Gesicht gezeigt. Wo sind sie, die mittlerweile 10%, die anscheinend doch noch gemerkt haben, wie der Hase läuft? Ich habe da ein kleines Hühnchen mit Ihnen zu rupfen!

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