Der schmale Grat (1998) hockt ein US-Soldat in der fensterlosen, vergitterten Strafzelle eines Truppentransporters. Er hatte sich unerlaubt von der Mannschaft entfernt und war in den Naturfrieden einer paradiesisch anderen Welt eingetaucht, in die glückliche Gemeinschaft von Südsee-Eingeborenen.

Die Filme des amerikanischen Regisseurs Terrence Malick gelten als mysteriös, als dunkel und unverständlich. Tatsächlich sind sie einfach, schlicht und klar. Man nehme nur diese Szene: In dem Kriegsfilm

Die moderne Gesellschaft, sagt diese Szene, ist der Kerker der Seele. Sie ist eine Welt ohne Außen und hat die Schöpfung vergessen, sie kennt nur noch Kampf, Rivalität und Selbststeigerung. Bei In der Glut des Südens (1978) sind es fauchende Traktoren-Ungetüme, stampfend-bedrohliche Eisenmonster, die über die Natur herfallen, ihr Gewalt antun und sie "unterpflügen". Für diese Naturvergessenheit, sagt Malick, zahlt die Moderne einen schrecklichen Preis: Sie entfremdet sich so weit von der inneren und der äußeren Natur, dass ihr die eigene Entfremdung schon wieder ganz normal vorkommt.

Nur eine kleine Schar Filmemacher kennt noch das Licht des Ursprungs, und nur wenige haben noch Ehrfurcht vor dem Wunder der Schöpfung. Ihre Kamera, so ließe sich sagen, ist das Werkzeug Gottes; sie bringt Licht in den traumlosen Kerker der Moderne und zeigt die Erde, wie sie sich selbst malen würde. Und den Menschen als ein zitterndes Blatt am Baum des Lebens.


The Tree of Life
heißt Malicks jüngstes, in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnetes Werk , und wieder einmal scheiden sich an diesem Regisseur die Geister. Der Film beginnt im Amerika der fünfziger Jahre, in der notorisch verklärten Ära Eisenhower, in der Zeit von grenzenlosem Wachstum und Wohlstand. Drei Jungen spielen im Garten eines Vorstadthäuschens, Vater und Mutter O’Brien blicken mit Wohlgefallen auf ihre Kinder, das Licht scheint weich, gütig und sanft. Eine surreale Trance liegt über der Heiligen Familie, das texanische Idyll hat etwas merkwürdig Entrücktes, und nach und nach wirkt das Unbeschwerte bedroht und verloren, wie eingetaucht in das falsche Gold der Erinnerung.

Dann ein Schnitt, ein brutaler Zeitsprung: Ein Postbote bringt der Mutter (Jessica Chastain) ein Telegramm: Ihr zweitgeborener Sohn ist tot, er starb, wer weiß, warum, im Alter von neunzehn Jahren. Den Vater (Brad Pitt) erreicht die Nachricht auf dem Rollfeld, aber der Fluglärm, das Tosen von Malicks Maschinenmoderne, übertönt alles, die Menschen verstehen ihre eigene Sprache nicht mehr.

Der Tod des Sohnes verwandelt alles. Die Blumen blühen, aber nur noch für sich, und Malick steckt nun seinen ganzen Ehrgeiz in den Nachweis, die Tragödie entspringe mit schicksalhafter Logik der Schuld des Vaters. Aus dem Off lässt er den älteren Bruder Jack (Sean Penn) die Geschichte des familiären Zerfalls erzählen, und tatsächlich klingt sie wie die Chronik eines unabwendbaren Todes.

Schon die kleinen Kinder werden von ihrem tyrannischen Vater drangsaliert, gequält und gedemütigt, und wenn Jack später mit seiner Jugendbande durch die Nachbarschaft streift, wenn er Scheiben einwirft und Frösche mit selbst gebastelten Raketen in die Luft schießt, dann hat sein Blick etwas Düsteres und Verschlagenes – es ist der Widerschein einer väterlichen Gewalt, die seine ätherisch-madonnenhafte Mutter durch Liebe nicht ausgleichen kann.

In seiner Jugend wollte sein Vater Musiker werden, aber weil er sich "eine Schwäche leistete", wurde er Ingenieur, und nun ist der Leiter eines Kraftwerks vom Darwinismus der amerikanischen Gesellschaft zerfressen. Nur der Starke siege, predigt er, niemals dürfe man Schwäche zeigen, niemals nachgeben. Für den Fight des Lebens bringt er seinen Söhnen das Boxen bei, jagt sie ans Klavier und sperrt sie ins Zimmer. Der Vater tut alles aus Liebe und macht den Jungs das Leben zur Hölle.