Die deutsche Frauen-Nationalelf vor dem Anpfiff © Siegrid Reinichs

Nach dem letzten Bundesliga-Match der Saison waren die Spielerinnen zu den Kabinen gelaufen, einer Reihe von Metallcontainern, wie man sie von Baustellen kennt. Die Container lagen im Schatten des neuen Stadions in Ingolstadt, wo sich zur gleichen Zeit die deutsche Frauen-Nationalmannschaft für ein Vorbereitungsspiel zur WM aufwärmte. Es war ein Samstag, einer der ersten heißen Tage des Jahres, genau das, was man in Deutschland einen perfekten Fußballtag nennt. Und es war ein perfekter Tag für den Frauenfußball: Fast 9.000 Zuschauer waren ins Stadion gekommen, kleine Jungs trugen rosa Kappen aus der WM-Kollektion; junge Mädchen trugen Trikots mit den Namen weiblicher Stars; rotnasige Fußballmänner studierten das DFB-Heft, in dem der Kader aus Lenas, Lisas und Liras aufgelistet war. Auf einem Foto war die Mannschaft in engen Sommermänteln vor dem Brandenburger Tor zu sehen. Da, wo vor fünf Jahren die Männer ihr Sommermärchen gefeiert hatten. Frauenfußball, sagte das Bild, ist im Herzen des Landes angekommen.

Was man beinahe übersehen hätte, war eine Szene neben dem Stadion: Dort wurden die Bundesligaspielerinnen von ihren Lebensgefährtinnen empfangen, mit Kuss. Frauenpaare mittleren Alters versuchten, Autogramme zu bekommen. Später, im Stadion, lief eine Schülerin, verzweifelt und glücklich, mit einem Foto den Spielfeldrand auf und ab. Es war im Winter aufgenommen worden, und sie war darauf mit Linda Bresonik zu sehen, einer der wenigen Nationalspielerinnen, die sich öffentlich zu ihrer Beziehung mit einer Frau bekannt haben. Viele der Frauen sahen überhaupt eher aus wie Linda Bresonik und nicht wie Lira Bajramaj, das schwarzlockige Supermädchen der Nationalmannschaft. Sie waren auch nicht »schwarz-rot-goldig« (einer der Slogans, der auf vielen Fanartikeln steht). Eher: athletisch, jungenhaft. Auch attraktiv in ihrer Sportlichkeit, in ihrer Fähigkeit, mit ein paar Körpertäuschungen an drei Gegnerinnen vorbeizufliegen. Und manche waren sogar ein wenig o-beinig. Es ist schwierig, überhaupt solche Schubladen aufzumachen, aber vielleicht kann man es so sagen: Die WM läuft unter dem Motto »2011 von seiner schönsten Seite« – genau das Image, das am wenigsten mit den Spielerinnen zu tun hat, nämlich das von elf Tussis , die sich in der Kabine um den besten Platz vor dem Spiegel streiten.

Die Managerin der Nationalmannschaft, Doris Fitschen , erzählt, sie hätten einmal mithilfe der Marktforschung versucht herauszufinden, wofür das Team steht. Heraus kam: für Erfolg, Teamgeist, Fairness. Jetzt wolle man die Spielerinnen auch abseits des Platzes zeigen. Es sei auch gar nicht darum gegangen, ihre feminine Seite extra zu betonen, »wir haben eben einige sehr feminine Spielerinnen«. Den Slogan »schwarz-rot-goldig«, die rosa Fanartikel erklärt Doris Fitschen damit, dass »unsere Kernzielgruppe halt junge Mädchen sind«. Natürlich macht es Sinn, eine WM so zu vermarkten, dass sie möglichst viele Leute anspricht. Und natürlich ist die Botschaft der Kampagne auch eine Reaktion auf alte Ressentiments, genauso wie der aktuelle Playboy-Titel, mit dem fünf Bundesligaspielerinnen das »Mannweib-Klischee« widerlegen wollen. An diesem Tag, neben der Kabine, habe ich mich trotzdem gefragt, wie viel das alles eigentlich mit Frauenfußball zu tun hat.

Ich habe in meinem Leben mit vielen Mädchen Fußball gespielt, aber eine Tussi war nie dabei. Nicht auf den Wiesen meiner Kindheit, in den siebziger Jahren, oder später, nach dem Handballtraining, zu dem wir eigentlich nur gingen, weil in der letzten halben Stunde Fußball gespielt wurde. Und schon gar nicht 1999, als ich in einer lesbisch-feministischen Mannschaft in Berlin anfing, wo ich mich nach vier Jahren als hetero outete. Frauen, die sich schminkten, machten Geräteturnen und Jazztanz. Wenn gebolzt wurde, flohen sie an den Spielfeldrand und beschränkten sich darauf, den Ball unbeholfen mit der Fußspitze zurückzukicken. Während ich nicht anders konnte, als jeden Volleyball, Handball, Tennisball mit dem Innenrist meines linken Fußes in imaginäre Torwinkel zu lenken. Und es war nicht nur das Spiel, das ich liebte. Es war auch seine Männlichkeit, die Art zu gehen oder auf den Boden zu spucken oder sich die Hosenbändel über die Shorts hängen zu lassen. Ich sah das auch bei allen anderen, mit denen ich spielte: Wir waren Jungsmädchen, Vatertöchter, Mädchen, die sich in Röcken verkleidet vorkamen. Und nicht wenige von uns wurden später offenbar lesbisch. Und jetzt sollen wir plötzlich feminin sein (ein Wort, dass ich erstmals mit elf hörte, mit langem ee, als man mir Ohrringe verpasste)?