Frauenfußball-WM 2011Elf Frauen sollt ihr sein
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 Marta sagte immer nur: »Fußball«.

Eigentlich will man das nicht mehr denken: dass Fußballerinnen anders sein könnten als andere Frauen. Man will, dass Frauen alles tun können, was Männer tun, ohne dass jemand auf die Idee kommt, ihre Weiblichkeit zu hinterfragen. Der Motivationspsychologe und Würzburger Universitätsdozent Attila Höfling wollte das auch nicht. Im Gegenteil: Aus aktuellem Anlass sollte er vor Kurzem an seiner Universität über Vorurteile im Frauenfußball referieren. Er grub ein paar alte Geschichten aus, das Kaffeeservice, das der Verband seinen Europameisterinnen 1989 schenkte und das PR-mäßig mehr Porzellan zerschlagen hat als das Verbot des Frauenfußballs durch den DFB bis 1970. Und dann fand Höfling noch zwei Studien, beide etwa zehn Jahre alt. Darin stand, dass Fußballerinnen als Kinder lieber mit Autos als mit Puppen gespielt und sich eher als Lausbuben definiert hätten, weniger in Rollenmustern verharrten, ja: sich maskuliner fühlten. Die Überraschung: Sie fühlten sich gleichzeitig genauso weiblich.

Ein Widerspruch sei das nicht, sagt Höfling. »Weil das Selbst so facettenreich ist. Es ist häufig sogar so, dass das Umfeld mehr Probleme damit hat, wenn ein Mensch sich nicht rollenkonform verhält, als der Mensch selber.«

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Im Grunde ließe sich so alles erklären. Das unglückselige Kaffeeservice Mariposa, das zum Symbol für zwei Frauenbilder wurde, die nicht zueinander passen wollten, die Versuche, die Frauen wieder vom Platz zu vertreiben. Und vielleicht erklärt sich so auch, dass die Spielerinnen selbst oft verwundert waren über die irritierten Reaktionen von außen. Die meisten Fußballerinnen sagen, dass sie doch eigentlich nur Fußball spielen wollten.

Sitzen drei Jugendspielerinnen vor einem Vereinsheim in Berlin-Zehlendorf. Marie und Seto spielen in der U-13-Auswahl, Marta ist, obwohl sie erst zehn ist, für den Herbst zum Probetraining eingeladen.

Sagt die Reporterin: »Mit welchem Sport könnte man euch jagen?«

Marta: »Mit Boxen.«

Marie: »Spinnst du? Mit Ballett.«

Marta: »Ach, wusste gar nicht, dass das ein Sport ist.«

Seto: »Okay, Golf wär noch schlimmer.«

Marie: »Schlimmer als Ballett?«

Seto: »Da kann man sich gar nicht bewegen.«

Martas Mutter, Martina Schrey, wird später erzählen, dass es ihre Tochter schon früh mit Macht zum Fußball zog. Erst haben sich die Eltern gewehrt. Nicht weil sie etwas gegen Fußball gehabt hätten, sondern weil sie keine Lust hatten, am Wochenende auf dem Fußballplatz zu stehen. Sie versuchten es mit Schwimmen. Aber Marta sagte immer nur: »Fußball«.

Fünf Jahre später hat Martas Mutter mehrere Mädchenfußballromane geschrieben, sie hat eine eigene Facebook-Seite , »Ballköniginnen«, auf der sie Geschichten rund um den Sport postet. Für das RBB-Inforadio hat sie in den letzten Wochen ein Projekt geleitet, bei dem Mädchenfußballmannschaften porträtiert wurden. Sie hörte von Brandenburger Mannschaften, die stundenlang unterwegs sind, bis sie auf gleichwertige Gegnerinnen treffen, von Mädchenfußballvereinen, die sich von ihrem Männerklub losgesagt haben, von talentierten Mädchen, für die kein Platz auf Fußballeliteschulen ist, weil Jungs die bessere Investition sind. »Was eint, ist, dass sie sich trauen, Erwartungen nicht zu erfüllen.«

Ohne die steigenden Zahlen im Mädchenbereich würde der DFB längst schrumpfen, deshalb gibt es seit ein paar Jahren einen Tag des Mädchenfußballs. Auf dem Plakat des Berliner Fußballverbands sollte in diesem Jahr ein Mädchen gezeigt werden, das einen Fußball hält wie eine Puppe, erzählt Martina Schrey. Natürlich macht es Sinn, den Frauenfußball so zu vermarkten, dass er möglichst viele Mädchen anspricht. Doch als Martas Mutter das Plakat sah, war sie entsetzt. Es hilft weder den Mädchen noch dem Fußball, dachte sie, wenn man versucht, ihren Sport so zu verniedlichen (mittlerweile wurde das Foto ausgetauscht). »Marta macht sich über solche Dinge noch keine Gedanken. Sie steht auf einen Jungen, und er steht auf sie. Aber ich möchte, dass sie sich, wenn sie älter ist, zwischen mehr als zwei Frauenbildern entscheiden kann.«

Leserkommentare
  1. Zitat:
    "Mehr als eine Million Fußballspielerinnen gehören heute zum DFB. Fußball ist, nach Turnen, der Sport mit den meisten vereinsmäßig organisierten Frauen. In keinem Mannschaftssport hat ein deutsches Frauenteam mehr Titel gewonnen. Trotzdem läuft der Ticketverkauf schleppend. Kann es sein, dass das Publikum spürt, dass ihm mit dem neuem deutschen Fußballgirlie ein Kunstprodukt vorgesetzt wird?"

    Ich habe nichts gegen Frauenfußball. Aber ich schaue mir nun mal lieber Männerfußball an. Was mich nervt, ist, wenn Medien mir permanent ein schlechtes Gewissen einreden, von wegen: Ach, dem Männerfußball geht es so gut, dem Frauenfußball so schlecht. Man sollte die Medienpräsenz von Frauenfußball mal vergleichen mit (bei den Zuschauern) ähnlich unbeliebten Sportarten, ich glaube, dann kann sich der Frauenfußball nicht beschweren.
    Ich hätte zum Beispiel gerne das French-Open-Finale Federer-Nadal bei den Öffentlich-Rechtlichen gesehen. Aber Tennis ist nunmal nicht en vogue. Frauenfußball anscheinend auch nicht, trotzdem erwartet uns, schon aus Gründen der Gleichbehandlung, eine 24/7-Berichterstattung über die Frauen-WM. Das verstehe ich nicht.

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    • Buh
    • 17. Juni 2011 9:06 Uhr

    wie Sie sich sofort in ihrem Gewissen berührt fühlen, nur weil der Fakt ausgesprochen wurde, dass der Ticketverkauf nicht optimal verläuft und eventuell das aufgesetze Girlie-Image damit zu tun haben könnte? Ich meine, im Text steht eigentlich genau nicht, dass Sie sich gefälligst erbarmen sollen um dem Fußball zu fröhnen, sondern es wird eine Analyse versucht, was der Fußball in Deutschland ist und was aus ihm gemacht wird.

    Den Satz fand ich da doch sehr interessant:

    "Ohne die steigenden Zahlen im Mädchenbereich würde der DFB längst schrumpfen, deshalb gibt es seit ein paar Jahren einen Tag des Mädchenfußballs."

    Das zeigt doch sehr gut, warum es eben nicht eine politische Medienpropaganda ist, den Frauenfußball zu fördern sondern vielmehr auf den Zustrom und der in sich abzeichnenden Abhängigkeit in der Zukunft beim DFB zu tun hat. Für den Deutschen Fußballbund scheint der Sport der Frauen ein Zukunftsmodell zu sein aufgrund steigender Mitglieder in dem Bereich.

    Haben Sie sich eigentlich auch über die überborderte Berichterstattung 2006 beschwert, dass der Tennis angeblich vernachlässigt würde?

    • Buh
    • 17. Juni 2011 9:02 Uhr

    Ein herrlicher Artikel! Habe ihn mit Genuss gelesen. Mir gefällt auch die Ausdrucksweise. Sie ist direkt und trotzdem nicht zu flach.

    Dieses "Schwarz, Rot, goldig" habe ich nicht verstanden. Wer soll goldig sein? Die Spielerinnen? Alle über 1,70 groß mit riesen Kreuz und mehr Kraft im Trizeps als ich im Oberschenkel? Naja....wenn es Geld bringt, von mir aus. Aber mit der Realität hat die Vermarktung nichts zu tun. Das stört mich aber nur dann, wenn es dazu führt, dass die Spielerinnen sich verstellen müssen und ihre Sexualität verbergen müssen, wie es in den letzten Jahren immer wieder den Anschein hatte.

    • Buh
    • 17. Juni 2011 9:06 Uhr

    wie Sie sich sofort in ihrem Gewissen berührt fühlen, nur weil der Fakt ausgesprochen wurde, dass der Ticketverkauf nicht optimal verläuft und eventuell das aufgesetze Girlie-Image damit zu tun haben könnte? Ich meine, im Text steht eigentlich genau nicht, dass Sie sich gefälligst erbarmen sollen um dem Fußball zu fröhnen, sondern es wird eine Analyse versucht, was der Fußball in Deutschland ist und was aus ihm gemacht wird.

    Den Satz fand ich da doch sehr interessant:

    "Ohne die steigenden Zahlen im Mädchenbereich würde der DFB längst schrumpfen, deshalb gibt es seit ein paar Jahren einen Tag des Mädchenfußballs."

    Das zeigt doch sehr gut, warum es eben nicht eine politische Medienpropaganda ist, den Frauenfußball zu fördern sondern vielmehr auf den Zustrom und der in sich abzeichnenden Abhängigkeit in der Zukunft beim DFB zu tun hat. Für den Deutschen Fußballbund scheint der Sport der Frauen ein Zukunftsmodell zu sein aufgrund steigender Mitglieder in dem Bereich.

    Haben Sie sich eigentlich auch über die überborderte Berichterstattung 2006 beschwert, dass der Tennis angeblich vernachlässigt würde?

    Antwort auf "Bitte aufhören!"
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    einfach, dass das Interesse in den Frauenfußball zuvor überschätzt wurde. Soviel zu den Ticketverkäufen... Schwarz Rot Goldig ist natürlich zudem ein ärgerliches (widerliches) Image, aber für mich nicht unbedingt ärgerlicher als dieser spaßige Partynationalismus von 2010. Wobei... die Verniedlichung machts eigentlich noch schlimmer...

    Mal davon abgesehn. Kann man hier eigentlich auch EINEN Bericht über (Frauen)fußball lesen, der nicht irgendwas mit dem Geschlecht zu tun hat? Das wäre äußerst erfrischend.

    ...frage mich aber wieso Frauenfussball im ARD/ZDF laufen muss.
    Soweit mir bekannt sind die Quoten recht mies. Ich erinnere mich da an das CL-Finale.
    Der Hauptgrund warum es läuft hat emanzipatorische Hintergründe. So ist das eben.
    Weil die WM in Deutschland stattfindet und die Selbstvermarktung des Teams ungeahnte Höhen erreicht hat wird es vllt sogar ein Sommerthema sein.
    Danach flacht es wieder ab.

  2. Danke für den Artikel, er hat mich in meiner Einschätzung bestätigt. [...]

    Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass laut Netiquette das Profil zur Veröffentlichung des privaten Blogs vorgesehen ist. Danke. Die Redaktion/vn

  3. Ich sehe Titel gerne nach Deutschland "wandern".

    Bis auf Teile des Wintersports und dem Rudern, sieht es da immer schlechter aus.

    Nur Verlierer klopfen sich auf die Schulter, freuen sich dabei gewesen zu sein und fanden ihr Spiel schön anzusehen.
    Davon kann man sich nichts kaufen.

    Ich bin dabei Mädels, sind wir mal ehrlich, ihr seid die Besten, ihr macht das!

  4. einfach, dass das Interesse in den Frauenfußball zuvor überschätzt wurde. Soviel zu den Ticketverkäufen... Schwarz Rot Goldig ist natürlich zudem ein ärgerliches (widerliches) Image, aber für mich nicht unbedingt ärgerlicher als dieser spaßige Partynationalismus von 2010. Wobei... die Verniedlichung machts eigentlich noch schlimmer...

    Mal davon abgesehn. Kann man hier eigentlich auch EINEN Bericht über (Frauen)fußball lesen, der nicht irgendwas mit dem Geschlecht zu tun hat? Das wäre äußerst erfrischend.

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    Die Titanic hat sich diesem ganzen vor Sexisumus triefenden Geplärre vor Kurzem angenommen. Da wars aber nicht Schwarz Rot Goldig, da ist es beim Schwarz Rot Geil geblieben:
    https://www.titanic-magaz...

    • Buh
    • 18. Juni 2011 13:29 Uhr

    Fast alle Deutschland Spiele sind ausverkauft. Das Olympiastadion ist aufjendefall voll. Das letzte Vorbereitungsspiel hatte eine Traumquote. Keine andere Sendung wurde um diese Uhrzeit (Primetime) von mehr Leuten gesehen!

    Warum wurde das Interesse unterschätzt? Es wird NIE und NIMMER 2006 nachholen. Das zu glauben ist absurd. Der Frauenfußball wurde doch kaum wahrgenommen. Die Bundesliga wird nicht zur besten Sendezeit gezeigt. Aber für den Stellenwert, den Frauenfußball in Deutschland hatte, kann man schon heute finden, dass die mutige Investition sinnvoll war.

  5. 7. Achja

    Die Titanic hat sich diesem ganzen vor Sexisumus triefenden Geplärre vor Kurzem angenommen. Da wars aber nicht Schwarz Rot Goldig, da ist es beim Schwarz Rot Geil geblieben:
    https://www.titanic-magaz...

    Antwort auf "Ich glaube "
    • Zuntz
    • 17. Juni 2011 17:39 Uhr

    nachdem man lange genug Frauen von vielen fern gehalten
    hat und deshalb Männer in allem die ersten waren,ist es
    nun an der Zeit,das sie diesen männlichen Domänen
    Paroli bieten.
    Sie wechseln Reifen,machen Abi,studieren,sind beim
    Bund und spielen super Fußball..Ich drück die Daumen.

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