Eigentlich will man das nicht mehr denken: dass Fußballerinnen anders sein könnten als andere Frauen. Man will, dass Frauen alles tun können, was Männer tun, ohne dass jemand auf die Idee kommt, ihre Weiblichkeit zu hinterfragen. Der Motivationspsychologe und Würzburger Universitätsdozent Attila Höfling wollte das auch nicht. Im Gegenteil: Aus aktuellem Anlass sollte er vor Kurzem an seiner Universität über Vorurteile im Frauenfußball referieren. Er grub ein paar alte Geschichten aus, das Kaffeeservice, das der Verband seinen Europameisterinnen 1989 schenkte und das PR-mäßig mehr Porzellan zerschlagen hat als das Verbot des Frauenfußballs durch den DFB bis 1970. Und dann fand Höfling noch zwei Studien, beide etwa zehn Jahre alt. Darin stand, dass Fußballerinnen als Kinder lieber mit Autos als mit Puppen gespielt und sich eher als Lausbuben definiert hätten, weniger in Rollenmustern verharrten, ja: sich maskuliner fühlten. Die Überraschung: Sie fühlten sich gleichzeitig genauso weiblich.

Ein Widerspruch sei das nicht, sagt Höfling. »Weil das Selbst so facettenreich ist. Es ist häufig sogar so, dass das Umfeld mehr Probleme damit hat, wenn ein Mensch sich nicht rollenkonform verhält, als der Mensch selber.«

Im Grunde ließe sich so alles erklären. Das unglückselige Kaffeeservice Mariposa, das zum Symbol für zwei Frauenbilder wurde, die nicht zueinander passen wollten, die Versuche, die Frauen wieder vom Platz zu vertreiben. Und vielleicht erklärt sich so auch, dass die Spielerinnen selbst oft verwundert waren über die irritierten Reaktionen von außen. Die meisten Fußballerinnen sagen, dass sie doch eigentlich nur Fußball spielen wollten.

Sitzen drei Jugendspielerinnen vor einem Vereinsheim in Berlin-Zehlendorf. Marie und Seto spielen in der U-13-Auswahl, Marta ist, obwohl sie erst zehn ist, für den Herbst zum Probetraining eingeladen.

Sagt die Reporterin: »Mit welchem Sport könnte man euch jagen?«

Marta: »Mit Boxen.«

Marie: »Spinnst du? Mit Ballett.«

Marta: »Ach, wusste gar nicht, dass das ein Sport ist.«

Seto: »Okay, Golf wär noch schlimmer.«

Marie: »Schlimmer als Ballett?«

Seto: »Da kann man sich gar nicht bewegen.«

Martas Mutter, Martina Schrey, wird später erzählen, dass es ihre Tochter schon früh mit Macht zum Fußball zog. Erst haben sich die Eltern gewehrt. Nicht weil sie etwas gegen Fußball gehabt hätten, sondern weil sie keine Lust hatten, am Wochenende auf dem Fußballplatz zu stehen. Sie versuchten es mit Schwimmen. Aber Marta sagte immer nur: »Fußball«.

Fünf Jahre später hat Martas Mutter mehrere Mädchenfußballromane geschrieben, sie hat eine eigene Facebook-Seite , »Ballköniginnen«, auf der sie Geschichten rund um den Sport postet. Für das RBB-Inforadio hat sie in den letzten Wochen ein Projekt geleitet, bei dem Mädchenfußballmannschaften porträtiert wurden. Sie hörte von Brandenburger Mannschaften, die stundenlang unterwegs sind, bis sie auf gleichwertige Gegnerinnen treffen, von Mädchenfußballvereinen, die sich von ihrem Männerklub losgesagt haben, von talentierten Mädchen, für die kein Platz auf Fußballeliteschulen ist, weil Jungs die bessere Investition sind. »Was eint, ist, dass sie sich trauen, Erwartungen nicht zu erfüllen.«

Ohne die steigenden Zahlen im Mädchenbereich würde der DFB längst schrumpfen, deshalb gibt es seit ein paar Jahren einen Tag des Mädchenfußballs. Auf dem Plakat des Berliner Fußballverbands sollte in diesem Jahr ein Mädchen gezeigt werden, das einen Fußball hält wie eine Puppe, erzählt Martina Schrey. Natürlich macht es Sinn, den Frauenfußball so zu vermarkten, dass er möglichst viele Mädchen anspricht. Doch als Martas Mutter das Plakat sah, war sie entsetzt. Es hilft weder den Mädchen noch dem Fußball, dachte sie, wenn man versucht, ihren Sport so zu verniedlichen (mittlerweile wurde das Foto ausgetauscht). »Marta macht sich über solche Dinge noch keine Gedanken. Sie steht auf einen Jungen, und er steht auf sie. Aber ich möchte, dass sie sich, wenn sie älter ist, zwischen mehr als zwei Frauenbildern entscheiden kann.«