Wir haben sie beinahe schon vergessen, die Pornografie, dieses Nachtgespenst der Nachkriegswelt, das Papi noch in seiner Aktentasche versteckt hielt. Das heißt aber nicht, dass sie verschwunden ist. Im Gegenteil. Pornografie in ihrer sanften, schönbusigen und appetitlichen Erscheinungsweise ist heute ein so alltäglicher Gebrauchsgegenstand wie das Wasser zum Kaffeekochen. Die junge halb nackte Frau, wie ein Hündchen auf allen vieren oder in innigem Unterleibskontakt mit einer Motorhaube posierend, gehört zur alltäglich gewordenen Ikonografie der westlichen Welt.

Der Orient mag sich gegen solche Bilder sträuben und seinen Töchtern den Besuch eines westlichen Warenhauses verwehren, in dem kaum ein Produkt darauf verzichtet, seine Vorzüge durch softpornografische Bebilderung zu unterstreichen. Für die westlichen Gesellschaften gehört die Abbildung der weitgehend unbekleideten, sauberen, schlanken, ordentlich rasierten und dem Leben aufgeschlossen entgegenlächelnden Frau jedoch zum Alltag. Lediglich die harte Pornografie mit ihrer Darstellung von Folter und Gewalt sowie die allzu schonungslose Wiedergabe der weiblichen Genitalien stößt noch immer auf die gelegentliche Ablehnung älterer Feministinnen. Aber das sind schon die dunklen Randbezirke eines Problems, das wir im großen und Ganzen beschlossen haben, für keines mehr zu halten.

Seitdem die Bilder weiblicher Nacktheit aus der Schmuddelecke heraus- und in ihrer sanften Variante in unseren Alltag hineingewandert sind , hat sich so etwas wie eine pornografische Normalisierung eingestellt. Seither ist es nicht nur möglich, sondern durchaus auch anerkannt, wenn nicht nur Schauspielerinnen und Fernsehmoderatorinnen, sondern auch junge Sportlerinnen oder junge Angestellte Abbildungen ihrer kaum oder gar nicht bekleideten Körper massenmedial verbreiten lassen.

Es gibt inzwischen nur noch wenige pornografisch unerschlossene Soziotope. Prinz William hätte unter Umständen noch immer keine einschlägig auffällig gewordene junge Frau ehelichen dürfen. Doch abgesehen von der Hocharistokratie, gibt es kaum noch einen gesellschaftlichen Bereich, in dem die öffentliche weibliche Nacktheit nachhaltig Anstoß erregt. Im Gegenteil. Nachdem Filmdiven wie Romy Schneider oder Marilyn Monroe das süße Geheimnis ihrer Brüste und Schenkel einem Massenpublikum enthüllten, geht von der Softpornografie durchaus einiger Glamour aus. Die junge Verwaltungsangestellte, deren freibusige Ablichtung in der Bild-Zeitung erscheint, darf sich des schmunzelnden Respektes ihrer Bürogemeinschaft sicher seien. Die Fußballspielerinnen, die sich gerade dem Playboy zur Verfügung gestellt haben, dürften sich der öffentlichen Anerkennung als freche, selbstbewusste junge Frauen erfreuen. Die Liste prominenter Frauen, die sich für den Playboy ausgezogen haben, ist respektabel und ein aussagekräftiger Indikator für die stattgehabte pornografische Normalisierung. Der Gräfin Dönhoff hätte man einen Auftritt im Playboy noch verübelt, der Schreiberin dieser Zeilen nicht mehr mit derselben Rigidität, solange die enthüllte Ware noch den allgemein geforderten Frischegrad vorzuweisen hat und gewisse grobe Anzeichen der Obszönität vermieden werden. Die Softpornografisierung beinahe aller Gesellschaftsschichten darf inzwischen als abgeschlossen gelten.

Dennoch lohnt sich ein kurzer Rückblick, um zu verstehen, wie es dazu kam, dass heute im Grunde jede und jeder, seiner bürgerlichen, künstlerischen oder sportlichen Karriere unbeschadet, eine Softpornokarriere hinzufügen darf, wie es im Fall der prominenten Fußballerinnen im Augenblick geschehen ist. An der Pornografisierung der westlichen Gesellschaften, heißt es zumeist, seien die Befreiungsbewegungen der sechziger und siebziger Jahre schuld. Der Verklemmtheit der Familien, in denen der Vater zwar ins Puff, die Tochter aber nicht mit ihrem Freund ins Kino durfte, wurde die Befreiung der Geschlechter und des Körpers entgegengesetzt.

Darin ist viel Wahres. Die Freikörperkultur der frühen Lebensreformbewegung, die sich gegen die industrielle und militärische Zurichtung des Körpers wehrte, führte nicht nur zum Körperkult des Nationalsozialismus, sondern fand auch ihre Fortsetzung in einer Jugendbewegung, die eine unreglementierte Verfügung über den eigenen Körper durchsetzte. Von dieser Dereglementierung profitierten vor allem die Frauen, die vormals von ihren Müttern kaum aufgeklärt, von ihren Vätern nicht ernst genommen, von ihren Männern betrogen und zu Duldsamkeit angehalten wurden.