Vor dem Museum der Kunst des Altertums in Algier steht ein schmaler Mann mit John-Lennon-Brille. »Sie sollten sich nachher die Sammlung ansehen«, sagt Boualem Sansal, »dann verstehen Sie Algerien besser.«

Das älteste Museum des Landes beherbergt Kunst aus vier Jahrtausenden, und der Besucher hat »das Algerien von heute, den Maghreb von gestern, das Numidien von je« vor Augen: So steht es in Sansals träumerischem Roman Petit éloge de la mémoire. Darin erzählt ein Mann, seit pharaonischer Zeit stets in derselben Region wiedergeboren, von Aufbruch und Aufstand, Eroberung und Erschöpfung, und weil sich die Erinnerungen wie transparente Folien übereinanderlegen, werden die Sätze mehrdeutig und spielen nicht zuletzt auf Algeriens Gegenwart an. Für unser Gespräch hat der Schriftsteller ein einfaches Restaurant ausgesucht, dessen erster Stock wenig frequentiert wird. Enttäuscht nimmt der Wirt die spärliche Bestellung entgegen, die beiden Gäste wollen bloß miteinander reden. Noch dazu über gefährliche Dinge.

Sansal ist gelernter Maschinenbauingenieur, promoviert in Wirtschaftswissenschaften. Im Gespräch präsentiert er Zahlen aus dem Kopf und Berechnungen auf der Papierserviette. Algeriens Wirtschaft ist für ihn ein einziger Skandal: Monopolunternehmen für die Generäle, Parallelwirtschaft für die Islamisten. Auf dieser ökonomischen Basis beruht das Ende des Bürgerkriegs, der in den neunziger Jahren schätzungsweise 200.000 Menschenopfer verschlang. In einem seiner Bücher kommentiert Sansal den historischen Deal so: »Man soll also hoffen, dass sich der wahnsinnige Mörder und der gottverlassene Kapo von nun an friedlich in die Gesellschaft integrieren.« Er selbst glaubt nicht daran. Und der »Arabische Frühling«? Algerien hat schon mehrere Frühlinge hinter sich. Nach der Unabhängigkeit 1962 sollte eine Demokratie entstehen, stattdessen schob eine Fraktion von Militärführern alle anderen beiseite und installierte ihre Macht. »Oder nehmen Sie die Demokratiebewegung von 1988. Wir hatten geglaubt: Nun ist es geschafft. Dann kamen Terror und Repression.« Auch in Tunesien und Ägypten habe die Demokratie noch nicht gewonnen.

Anders als im Tunesien Ben Alis herrscht in Algerien anstelle einer Familie ein Netzwerk, an dessen Knotenpunkten zumeist Militärs sitzen. Nicht alle Knoten sind sichtbar. Die Macht hat keinen Ort. Hin und wieder organisieren Oppositionelle auf dem Platz des 1. Mai kleine Demonstrationen, umringt von einem vielfach größeren Polizeiaufgebot. Doch was steht auf den Pappschildern, die da und dort von zittrigen Händen hochgehalten werden? »System, hau ab« – hilflose Paraphrase des tunesischen »Ben Ali, hau ab«. Als er die Parole zum ersten Mal im Fernsehen gesehen habe, sagt Sansal, habe er den Apparat abgestellt.

»Wir sind nicht so globalisiert wie die Tunesier, auch das Internet spielt bei uns eine geringere Rolle, das ist unser Problem.« Es hat mit Algeriens Wirtschaftsgeschichte zu tun; Sansal kennt sie von innen, er war jahrelang hoher Beamter im Industrieministerium. »Über uns liegt der Fluch des Industrialismus«, sagt er, »unsere Riesenunternehmen haben sich nur sehr allmählich zur Vernetzung bequemt.« Und er berichtet von einem verschlossenen Raum im Industrieministerium, den es mindestens bis zu Sansals Entlassung 2003 gab: »Darin stand ein Computer, der mit dem Internet verbunden war. Schlüssel für den Raum mussten beantragt werden, und dann hatten Sie fünf Minuten Zeit, selbstverständlich unter Bewachung.«

Gefeuert wurde Sansal, weil er 1999 angefangen hatte, Romane zu schreiben, klug angelegte Attacken auf die Tabus, die noch immer die Aufklärung über die Schlächtereien der neunziger Jahre blockieren. Der damals 50-Jährige Debütant traf einen Nerv und lebt seither von seinen Büchern. So sanftmütig er wirkt, legt er sich doch furchtlos mit Militärs und Islamisten an. Selbst Morddrohungen haben ihn nicht aus Algerien vertrieben. Stattdessen schreibt Sansal provozierende Texte wie Postlagernd: Algier, erschienen vor fünf Jahren, eine 90 Seiten lange Epistel an seine Landsleute. Darin zertrümmert er die Fundamente der herrschenden Ideologie. Etwa den Satz »Das algerische Volk ist arabisch«: »Das ist richtig, meine Brüder, vorausgesetzt, man zieht die Berber von der Summe ab (Kabylen, Chaoui, Mozabiten, Tuareg etc., also 80 Prozent der Bevölkerung), und außerdem die von der Geschichte bei uns Naturalisierten (Mozaraber, Juden, pieds-noirs, Türken, Coulouglis, Afrikaner ... etwa zwei bis vier Prozent). Die verbleibenden 16 bis 18 Prozent sind Araber, das bestreitet niemand.« Ähnlich spring er mit der These um »Das algerische Volk ist muslimisch« – denn sie führe zu dem Schluss »Wer nicht Muslim ist, gehört nicht zu uns«. Das Buch ist in Algerien verboten.

Sansal schreibt auf Französisch. Fast alle seine Bücher sind ins Deutsche übersetzt, auch Das Dorf des Deutschen, 2008 in Frankreich erschienen. Der Roman rührt an das Tabu der Schoah. In Algerien sind die Naziverbrechen eine Erfindung der Juden. Dem Buch liegt die wahre Geschichte eines Bürgermeisters zugrunde, den die islamistische GIA ermordet hatte. Das war ein alter Nazi gewesen, der bei Kriegsende nach Ägypten geflohen war und von Nasser für die algerische Befreiungsarmee rekrutiert wurde. Sansal spinnt die Geschichte fort bis in die Pariser Banlieues der Jetztzeit und zeigt die Verbindungslinien des Nazismus zum islamischen Fanatismus.

In der vergangenen Woche erreichte ihn die Mitteilung, er werde den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Nun fragt er sich: Nach Albert Schweitzer, Léopold Senghor, Václav Havel, Octavio Paz, Mario Vargas Llosa, Jorge Semprún und anderen dieses Kalibers ausgerechnet er? »Da fühlt man sich klein und denkt sich lauter Erklärungen aus. Etwa, dass die Jury meinte, damit die arabischen Revolutionen zu unterstützen.«

Stimmt schon. Doch über dem politischen Signal zu vergessen, was für ein beeindruckender Autor Boualem Sansal ist, hieße, den Repressalien eine Ungerechtigkeit hinzuzufügen.