Griechenlands Wirtschaft kommt nicht aus der Krise. Die Hilfen von anderen europäischen Ländern und dem Internationalen Währungsfonds haben bislang keine positive Wirkung entfaltet. Neben den Fehlern der griechischen Regierung im Vorfeld der Krise ist nicht zuletzt der überhöhte Wechselkurs für die schwache wirtschaftliche Entwicklung des Landes verantwortlich. Griechenlands Unternehmen können zu den heutigen Kosten weder auf dem Binnenmarkt noch im Export konkurrieren. Zur Gesundung der griechischen Wirtschaft wären deshalb der zeitweilige Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone und die Wiedereinführung der Drachme sinnvoll.

Doch welche Folgen hätte dieser Schritt?

Die Abwertung der Landeswährung zur Belebung des Wirtschaftswachstums wurde schon von vielen Volkswirtschaften immer wieder mit Erfolg angewendet. Argentinien etwa hielt Ende der neunziger Jahre lange an einer überbewerteten Währung fest und rutschte damit immer tiefer in die Krise. Im Jahr 2002 befreite sich das Land aus der jahrelangen Wachstumsschwäche durch die Aufgabe der starren Bindung an den amerikanischen Dollar, wertete drastisch ab und konnte in den folgenden Jahren hohe Wachstumsraten – um die acht Prozent pro Jahr – realisieren. In zahlreichen anderen Finanzkrisen – etwa in Lateinamerika in den achtziger Jahren oder in Russland 1998 – wurden Abwertungen mit Erfolg genutzt, um die wirtschaftliche Entwicklung anzukurbeln.

Jenseits der politischen Rhetorik ist der Euro für die griechische Wirtschaft vor allem ein extrem starres Wechselkursregime, das dem Land ein offenbar zu hohes Maß an Effizienz- und Produktivitätssteigerungen abverlangt. Doch in der bisherigen Debatte zur Griechenlandkrise wurde ein Austritt aus der Euro-Zone vor allem aus zwei Gründen verworfen. Erstens würde bei einer Abwertung der Drachme die Schuldenlast noch weiter ansteigen, weil die Anleihen des griechischen Staates auf Euro lauten. Bei einer Abwertung der Drachme um 50 Prozent würde sich die Schuldenlast des griechischen Staates auf 300 Prozent des Bruttoinlandsproduktes glatt verdoppeln. Zudem würde der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone eine Kettenreaktion verursachen und andere Krisenländer, etwa Portugal und Spanien, ebenfalls zum Austritt zwingen.

Beide Einwände sind allerdings nicht stichhaltig.

Griechenland hat im Vergleich zu früheren Problemschuldnern einen gewichtigen Vorteil: Rund 95 Prozent der griechischen Staatsanleihen wurden nach griechischem Recht emittiert. Das griechische Parlament hat deshalb die Möglichkeit, die Währung der Staatsanleihen per Gesetz zu ändern. Zunächst müssten die Anleihen zum Euro-Eintrittskurs von 340 Drachmen pro Euro umgestellt werden, dann könnte der Wechselkurs der Drachme freigegeben werden. Zu erwarten wäre ein deutlicher Kursrutsch der Drachme, was die Gläubiger Griechenlands, nicht jedoch den griechischen Staat belasten würde. Griechenland hätte sich aus der gegenwärtigen Blockade gelöst. Die Unternehmen des Landes könnten sowohl auf dem Binnenmarkt als auch im Export durch ihre so verbilligten Waren und Dienstleistungen besser konkurrieren. Mit dem zeitweiligen Austritt aus der Euro-Zone würden sich die Perspektiven für Wachstum und Beschäftigung verbessern. Den jungen Menschen in Griechenland würde eine positive Perspektive geschaffen. Die Rückkehr zur Drachme wäre schmerzhaft, würde aber die Chance auf ein nachhaltiges Wachstum eröffnen.

Auch das Argument, ein Austritt eines Landes aus der Euro-Zone würde unweigerlich einen Dominoeffekt nach sich ziehen, kann nicht recht überzeugen. Keines der übrigen Mitgliedsländer der Euro-Zone weist mit Griechenland vergleichbare strukturelle Schwächen auf. Richtig ist, dass die Wiedereinführung der Drachme auch erhebliche Kosten, etwa den Anstieg der Finanzierungskosten für Investitionen, nach sich zöge. Deshalb könnte der Austritt eines Landes aus der Euro-Zone zu vermehrten Reformanstrengungen in den verbliebenen Ländern sorgen. Für die Gesellschaften in anderen Mitgliedsstaaten würde sich die Frage stellen, ob ein Verbleib in der Euro-Zone langfristig nicht gravierende Vorteile – etwa ein niedrigeres Zinsniveau – bietet, die zusätzliche Reformbemühungen lohnend erscheinen lassen. Für die Lösung der griechischen Wirtschafts- und Finanzkrise gibt es heute lediglich schlechte und noch schlechtere Alternativen.

Fraglos stellt der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone ein Horrorszenario dar. Allerdings sind die Alternativen noch weitaus schlimmer. Die erste Alternative ist die Fortsetzung der Euro-Mitgliedschaft, verbunden mit der Übernahme eines wesentlichen Teils der griechischen Schulden durch andere Länder. Damit würde nicht nur jahrzehntelange Misswirtschaft belohnt, sondern auch ein Anreiz für andere Länder geschaffen, Transfers aus den solideren Volkswirtschaften der Euro-Zone zu fordern. Ein Festhalten am gegenwärtigen Wechselkurs würde zudem eine Genesung der griechischen Wirtschaft zuverlässig verhindern. Am Ende dieser Transferspirale stünde vermutlich der Zusammenbruch der Euro-Zone durch den Austritt der Geberländer, zermürbt durch immer neue Transferforderungen.

Auch die zweite Alternative ist wenig überzeugend: Sämtliche Länder der Euro-Zone, einschließlich der Europäischen Zentralbank, verschließen weiter die Augen vor den wirtschaftlichen Fakten und behandeln Griechenland als eine vorübergehend illiquide, aber grundsätzlich zur Leistung des Schuldendienstes und zu raschem Wachstum fähige Ökonomie. Die Folge einer solchen, wirtschaftliche Realitäten verdrängenden Politik wäre eine viele Jahre anhaltende Wirtschaftskrise in Griechenland. Europa wäre durch die Schuldenkrise auf Jahre politisch wie ökonomisch gelähmt. Beide Alternativen zu einem von der griechischen Regierung initiierten Austritt des Landes aus der Euro-Zone gefährdeten daher die europäische Integration deutlich stärker als die rasche Wiedereinführung der Drachme.

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