WährungAuszeit vom Euro

Die Rückkehr Griechenlands zur Drachme ist ein Horrorszenario, aber die Alternativen sind noch schlimmer. von Heribert Dieter

Griechenlands Wirtschaft kommt nicht aus der Krise. Die Hilfen von anderen europäischen Ländern und dem Internationalen Währungsfonds haben bislang keine positive Wirkung entfaltet. Neben den Fehlern der griechischen Regierung im Vorfeld der Krise ist nicht zuletzt der überhöhte Wechselkurs für die schwache wirtschaftliche Entwicklung des Landes verantwortlich. Griechenlands Unternehmen können zu den heutigen Kosten weder auf dem Binnenmarkt noch im Export konkurrieren. Zur Gesundung der griechischen Wirtschaft wären deshalb der zeitweilige Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone und die Wiedereinführung der Drachme sinnvoll.

Doch welche Folgen hätte dieser Schritt?

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Der Autor

Heribert Dieter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Zurzeit vertritt er den Lehrstuhl für Internationale Politik an der Ruhr-Universität Bochum

Die Abwertung der Landeswährung zur Belebung des Wirtschaftswachstums wurde schon von vielen Volkswirtschaften immer wieder mit Erfolg angewendet. Argentinien etwa hielt Ende der neunziger Jahre lange an einer überbewerteten Währung fest und rutschte damit immer tiefer in die Krise. Im Jahr 2002 befreite sich das Land aus der jahrelangen Wachstumsschwäche durch die Aufgabe der starren Bindung an den amerikanischen Dollar, wertete drastisch ab und konnte in den folgenden Jahren hohe Wachstumsraten – um die acht Prozent pro Jahr – realisieren. In zahlreichen anderen Finanzkrisen – etwa in Lateinamerika in den achtziger Jahren oder in Russland 1998 – wurden Abwertungen mit Erfolg genutzt, um die wirtschaftliche Entwicklung anzukurbeln.

Jenseits der politischen Rhetorik ist der Euro für die griechische Wirtschaft vor allem ein extrem starres Wechselkursregime, das dem Land ein offenbar zu hohes Maß an Effizienz- und Produktivitätssteigerungen abverlangt. Doch in der bisherigen Debatte zur Griechenlandkrise wurde ein Austritt aus der Euro-Zone vor allem aus zwei Gründen verworfen. Erstens würde bei einer Abwertung der Drachme die Schuldenlast noch weiter ansteigen, weil die Anleihen des griechischen Staates auf Euro lauten. Bei einer Abwertung der Drachme um 50 Prozent würde sich die Schuldenlast des griechischen Staates auf 300 Prozent des Bruttoinlandsproduktes glatt verdoppeln. Zudem würde der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone eine Kettenreaktion verursachen und andere Krisenländer, etwa Portugal und Spanien, ebenfalls zum Austritt zwingen.

Beide Einwände sind allerdings nicht stichhaltig.

Griechenland hat im Vergleich zu früheren Problemschuldnern einen gewichtigen Vorteil: Rund 95 Prozent der griechischen Staatsanleihen wurden nach griechischem Recht emittiert. Das griechische Parlament hat deshalb die Möglichkeit, die Währung der Staatsanleihen per Gesetz zu ändern. Zunächst müssten die Anleihen zum Euro-Eintrittskurs von 340 Drachmen pro Euro umgestellt werden, dann könnte der Wechselkurs der Drachme freigegeben werden. Zu erwarten wäre ein deutlicher Kursrutsch der Drachme, was die Gläubiger Griechenlands, nicht jedoch den griechischen Staat belasten würde. Griechenland hätte sich aus der gegenwärtigen Blockade gelöst. Die Unternehmen des Landes könnten sowohl auf dem Binnenmarkt als auch im Export durch ihre so verbilligten Waren und Dienstleistungen besser konkurrieren. Mit dem zeitweiligen Austritt aus der Euro-Zone würden sich die Perspektiven für Wachstum und Beschäftigung verbessern. Den jungen Menschen in Griechenland würde eine positive Perspektive geschaffen. Die Rückkehr zur Drachme wäre schmerzhaft, würde aber die Chance auf ein nachhaltiges Wachstum eröffnen.

Auch das Argument, ein Austritt eines Landes aus der Euro-Zone würde unweigerlich einen Dominoeffekt nach sich ziehen, kann nicht recht überzeugen. Keines der übrigen Mitgliedsländer der Euro-Zone weist mit Griechenland vergleichbare strukturelle Schwächen auf. Richtig ist, dass die Wiedereinführung der Drachme auch erhebliche Kosten, etwa den Anstieg der Finanzierungskosten für Investitionen, nach sich zöge. Deshalb könnte der Austritt eines Landes aus der Euro-Zone zu vermehrten Reformanstrengungen in den verbliebenen Ländern sorgen. Für die Gesellschaften in anderen Mitgliedsstaaten würde sich die Frage stellen, ob ein Verbleib in der Euro-Zone langfristig nicht gravierende Vorteile – etwa ein niedrigeres Zinsniveau – bietet, die zusätzliche Reformbemühungen lohnend erscheinen lassen. Für die Lösung der griechischen Wirtschafts- und Finanzkrise gibt es heute lediglich schlechte und noch schlechtere Alternativen.

Fraglos stellt der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone ein Horrorszenario dar. Allerdings sind die Alternativen noch weitaus schlimmer. Die erste Alternative ist die Fortsetzung der Euro-Mitgliedschaft, verbunden mit der Übernahme eines wesentlichen Teils der griechischen Schulden durch andere Länder. Damit würde nicht nur jahrzehntelange Misswirtschaft belohnt, sondern auch ein Anreiz für andere Länder geschaffen, Transfers aus den solideren Volkswirtschaften der Euro-Zone zu fordern. Ein Festhalten am gegenwärtigen Wechselkurs würde zudem eine Genesung der griechischen Wirtschaft zuverlässig verhindern. Am Ende dieser Transferspirale stünde vermutlich der Zusammenbruch der Euro-Zone durch den Austritt der Geberländer, zermürbt durch immer neue Transferforderungen.

Auch die zweite Alternative ist wenig überzeugend: Sämtliche Länder der Euro-Zone, einschließlich der Europäischen Zentralbank, verschließen weiter die Augen vor den wirtschaftlichen Fakten und behandeln Griechenland als eine vorübergehend illiquide, aber grundsätzlich zur Leistung des Schuldendienstes und zu raschem Wachstum fähige Ökonomie. Die Folge einer solchen, wirtschaftliche Realitäten verdrängenden Politik wäre eine viele Jahre anhaltende Wirtschaftskrise in Griechenland. Europa wäre durch die Schuldenkrise auf Jahre politisch wie ökonomisch gelähmt. Beide Alternativen zu einem von der griechischen Regierung initiierten Austritt des Landes aus der Euro-Zone gefährdeten daher die europäische Integration deutlich stärker als die rasche Wiedereinführung der Drachme.

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Leserkommentare
  1. ...kann auf Dauer nicht funktionieren. Erst recht nicht mit 16 Jahresgehältern und Renten für Verstorbene!

    5 Leserempfehlungen
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    • joG
    • 16. Juni 2011 10:52 Uhr

    ....man Leopard Panzer und Eurofighter bis zum Anschlag auf Kredit kaufen kann.

    • damux
    • 16. Juni 2011 12:58 Uhr

    Der gemeine Grieche hat gewiss kein 16. Monatsgehalt empfangen. Er hat auch keine Leopard Panzer, Eurofighter und Thyssen Aufzüge bestellt. Der reguläre Lohnarbeiter hat doch nur marginal vom Euro profitiert.

    Das hat alles ein undurchsitiger und bis zum Ersticken aufgeblähter Staatsapperat besorgt. Doch was kann ein normaler Arbeiter dafür? Diese Leute sind nicht zu beneiden. 40 bis 50 Jahre hart gearbeitet und jetzt dabei zusehen müssen, wie die bitter erschuftete Altersvorsorge durch Finanzcrash und Staatsbankrott fortgespühlt wird. Nein, mit Hohn und Spott sollte man sich wirklich zurückhalten.

    Die Griechen verdienen keine Sippenhaft, sondern kritische europäische Mitbürger. Glaubt jemand ernsthaft, es sei für Volkswirte nicht absehbar gewesen, dass GR mittel- und langfristig Probleme bekommen würde, diesen Schuldenberg wieder abzutragen?

    Profitiert haben letztlich bloß große Unternehmen, deren noch ausstehende Forderungen nötigenfalls durch den Fiskus beglichen werden. Sie bekommen ihr Geld also auf jeden Fall. Und das ist alles was zählt bei der HDW und Krauss-Maffei-Wegmann.

    Man hat im Kanzleramt Jahre dabei zugesehen, wie sich Länder buchstäblich tot kauften und doch frenetisch die deutschen Exportüberschüsse gefeiert. Jetzt verkauft man uns "den" Griechen als schwarzen Peter, um davon abzulenken, dass die Verantwortlichen längst nicht nur in Athen sitzen.

    Etwas Solidarität und Kritik am eigenen Kurs wären angebrachter, als das Kultivieren eines Feindbildes.

  2. http://www.ftd.de/politik...
    [...]
    Anm: Bitte achten Sie auf sachliche und konstruktive Beiträge. Danke. Die Redaktion/kh

    Eine Leserempfehlung
  3. ...und das auch noch mit 16 Jahresgehältern und Renten an Verstorbene - kann nicht funktionieren!

  4. Die Überschuldung Griechenlands stellt uns vor eine ausweglose Situation: Jede der diskutierten Optionen wird große Opfer fordern, die Frage ist nur, von wem. Entweder verliert Griechenland den Kampf gegen die Schuldenlast, oder die Europäische Zentralbank ihre Reputation. Die bösen Geister werden wir nicht mehr los: http://bit.ly/kgYCsy

    Bitte verzichten Sie auf wiederholte Verlinken zu dieser Seite. Danke, die Redaktion/se.

    Eine Leserempfehlung
  5. Solche und ähnliche Meinungsäußerungen haben für mich als interessierten Laien seit langem die größte Plausibilität und sind schon länger auf dem Markt der Meinungen. Auch die Verlierer dieses Szenarios sind leicht auszumachen und enttarnen sich außerdem durch ihre überzogenene Alarmrufe. Aber wieder bleibe ich mit meiner Frage allein, warum ich von Vertretern der griechischen Eliten nichts Vergleichbares zu lesen bekomme.

    8 Leserempfehlungen
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    • joG
    • 16. Juni 2011 11:11 Uhr

    ....auch, dass sie aus dem Euro ausscheiden sollten, wie die deutschen Eliten lesen, man sollte dies tun. Alle wissen, dass der Maastrichter Vertrag nicht funktionieren konnte und die Leute, die ihr aufstellten, so wie alle hiesigen Parteien und die zuständige Bürokratie dies wussten, als man ihn unterschrieb. Auch weiß jeder, dass das Gericht entweder die wirtschaftlichen Konsequenzen für die Gültigkeit des GG nicht verstanden oder wählten diese zu ignorieren, als sie die Verfassungsmäßigkeit dieses Vertrags in Verbindung mit dem Lissabonner bestätigten.

    So haben wir nun eine illegitime, wenn nicht illegale Situation mit einem Währungsraum, der nicht funktionieren kann. Da nutzt es nichts, wenn die Drachme alleine raus geht. Wir haben alle "A" gesagt und nun ist das "B" der Verlust der fiskalischen Souveränität. Das ist aber nur machbar mit einer Volksbefragung.

    Andererseits sind 340 Milliarden nicht so viel, gemessen an der dem Euroland BIP. Und wir haben uns verpflichtet den Bankrott zu verhindern. Zumindest haben unsere Repräsentanten dies getan. Da sollten wir reinen Tisch machen.

    So bleibt die Frage, ob wir den Euro einstellen und jeder seine Währung wieder bekommt oder wir die Souveränität juristisch sauber nach Brüssel übertragen und ein anständiges Gesetz machen, damit der Euro funktionieren kann.

  6. Ein Allgemeinplatz ist aber auch die Tatsache, dass eine Rückkehr zur Drachme zu einer massiven Geldflucht aus Griechenland führen würde. Die Drachme würde niemand haben wollen, im Zahlungsverkehr würden harte Valuta - Dollar oder Euro - illegal verwendet werden und die Steuerehrlichkeit der Griechen würde gegen minus 100 sinken.

    Egal, wie man es dreht und wendet: Griechenland steht vor dem Kollaps - und zwar nicht nur finanziell, sondern auch politisch. Griechenland ist ein failed State.

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    ...die ist doch jetzt schon bei 0. Tiefer geht´s nimmer.

    "Die Drachme würde niemand haben wollen"

    Das sehe ich nicht so.

    Es gab die Drachme auch vorher. Griechenland ging es mit der Drachme besser als mit dem Euro.

    Genau das ist auch mein Eindruck. Und zu diesem Thema höre und lese ich dann auch kaum was von unseren wohlbestallten Politologen und Volkspädagogen.

    Denn noch kann in Griechenland der schwarze Peter an die EU weitergereicht werden. An wem will man dann seine Wut festmachen?
    Die bittere Wahrheit ist die: Auch wenn die Griechen zum Drachme zurückkehren (was durchaus sinnvoll sein könnte), um das gnadenlose Sparpaket wird man in Griechenland so oder so nicht weiter kommen, denn das ewige neue "Schuldenmachen", um den laufenden Haushalt zu finanzieren, muss ein so oder so ein Ende haben.
    Hinzukommt, dass der Drachme nicht das Papier Wert sein wird, auf dem es gedruckt ist, eine gnadenlose Armutwelle wird Griechenland niederringen und dann werden die Leute erst recht auf der Straße sein. Doch gegen wen genau wollen sie dann demonstrieren? In Griechenland hat man nun einmal jahrelang weit über seine Verhältnisse gelegt, dafür gibt es jetzt die Quittung!

    Vielleicht ist ein Totalcrash die einzige Möglichkeit, die den Griechen bleibt. Ein neuer Staat, in dem es eine ordentliche Bürokratie, eine ordentliche Steuergesetzgebung und harte Strafen schon bei kleinster Korruption gibt, wäre ein wünschenswertes Ergebnis. Was wir nicht brauchen, wäre ein vom Bürgerkrieg zerfressenes Land.

  7. ...die ist doch jetzt schon bei 0. Tiefer geht´s nimmer.

    Antwort auf "Failed State"
  8. Für alle diese und im Grenzbereich befindlichen Länder, ist es in der Tat ein Horrorgespenst von Staatsbankrott zu sprechen.

    Doch dieses entspricht dem neuen EU Zeitgeist. Der Staatsbankrott in der EU wird zur Normalität werden.

    Mit einem Staatsbankrott muss aber verbunden sein, dass alle Staatsschulden gelöscht werden. Dann kann ein Volk, ein Land, neu anfangen.

    Und das ist mit bestehenden Regierungen nicht möglich. Regierungen müssen komplett ausgetauscht werden.

    Mit jeder weiteren Kreditaufnahme wird ein Land nur immer tiefer in den Abgrund gestoßen.

    Dazu gehört neben dem Staatsbankrott die Rückkehr zur ursprünglichen nationalen Währung und der Austritt aus der EU.

    Aus dieser Position heraus, kann ein Land ganz anders einen Neuanfang starten. Die jeweils bestehenden Verbindlichkeiten werden komplett gelöscht.

    Ggf. kann man auch darüber reden, wie im Falle Griechenland, die militärischen Einrichtungen, welche man den Griechen "aufgezwungen" hat wieder zurückzugeben. Brauchen diese ohnehin nicht.

    Mit dem Austritt aus der EU wird natürlich auch die Grenze der EU verändert. Auch das ist positiv.

    Bei allen Nachteilen sollten die Staaten die Hoffnung sehen, welche in dieser Lösung liegt anstelle einer immer weiteren Verschuldung aus der sie niemals mnehr herauskommen werden.

    Da können sich die Völker tot sparen, sie werden es dennoch nicht schaffen.

    3 Leserempfehlungen
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    Es klingt so gut, doch die Löschung der Verbindlichkeiten insolventer Staaten ist keine Option.

    Denn das bedeutet ja auch Vermögensausfall auf Seiten der Gläubiger.
    Und Gläubiger das sind wir, als Bankkunden oder Steuerzahler.
    Sie könnten ebensogut die griechischen Staatsschulden direkt auf die deutschen Aufschlagen, das käme aufs gleiche heraus.

    H.

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  • Schlagworte Euro | Griechenland | Anleihe | Binnenmarkt | Bruttoinlandsprodukt | Euro-Zone
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