Wenn es um Macht geht, lohnt es sich, bei den Kommunisten nachzuschlagen. Der Mitbegründer der italienischen Kommunisten Antonio Gramsci (1891 bis 1937) entwickelte einst den Begriff der gesellschaftlichen »Hegemonie«, um seine Genossen von einem allzu plumpen Machtbegriff abzubringen und von der Vorstellung, nur wer die Staatsmacht erobere, könne die Gesellschaft verändern. Hegemonie, so meinte Gramsci, sei die Fähigkeit der herrschenden Gruppen oder Klassen, ihre eigenen Interessen als die Interessen aller erscheinen zu lassen, den Beherrschten gewissermaßen den Eindruck zu vermitteln, sie würden selber herrschen. Herrschen kann man demnach auch, ohne zu regieren.

Womit wir bei den Grünen wären. Ohne Zweifel bestimmen sie derzeit die politische Kultur sowie große Teile der Ökonomie (Energiewende) und repräsentieren ein dominierendes Lebensgefühl, das sich mit nachhaltig, hedonistisch, nicht autoritär und mittelschichtig umschreiben lässt. Regieren tun sie nicht, sie lassen regieren, genauer: Sie halten sich eine schwarz-gelbe Koalition, die aus der Atomenergie aus- und in die regenerativen Energien einsteigt, die den Armen nicht zu viel nimmt und den Reichen nicht zu viel gibt, die sich so pazifistisch verhält, wie die grüne Basis es wünscht (die Spitzengrünen hätten sich beim Thema Libyen nicht enthalten).

Jetzt fragen sich viele, wie tief dieses Ergrünen der Republik noch gehen und wie lange das alles dauern soll. Nun, da gibt es für die Gegner der Ergrünung erst mal keine allzu guten Nachrichten. Denn wenn die Grünen herrschen können, ohne zu regieren, dann kann man ihre Hegemonie auch nicht einfach beenden, indem man sie abwählt. Abgesehen davon gibt es zu den Alternativen momentan kaum eine Alternative.

Schwarz-Gelb jedenfalls ist keine. Es ist schon öfter vorgekommen, dass Regierungen in ihrer zweiten Legislaturperiode anfingen abzubauen. Aber sich von Anfang an zu zerlegen und dann nach jedem apostrophierten Neuanfang wieder – das ist schon etwas Neues. Und auch irgendwie tragisch. Vor einem halben Jahr, im berüchtigten Herbst der Entscheidungen, kam die Regierung plötzlich doch noch mit einem schwarz-gelben Programm, hatte aber nicht die richtigen Leute an der Spitze (insbesondere die FDP), um sich dadurch stabilisieren zu können. Jetzt sind die neuen Leute endlich da, aber die Regierung hat kein Programm mehr. Oder eben nur ein grünes.

Mittlerweile glaubt innerhalb der Koalition fast niemand mehr an einen erneuten Wahlsieg von Schwarz-Gelb, die FDP rüstet sich für die Opposition , die Union für neue Koalitionspartner. Zwischen der kurzen Vergangenheit und der dahinschwindenden Zukunft bleibt Schwarz-Gelb wenig Platz für die Gegenwart. War es das also schon, war es das, worauf so viele im sogenannten bürgerlichen Lager knapp zehn Jahre gewartet hatten?

Wie fühlen sich nun all jene, die beim Wahlsieg von Schwarz-Gelb gehofft hatten, dass endlich ein bürgerlicher Umgangston einziehen würde, dass die Armen schärfer ermahnt würden und die Mittelschicht weniger Steuern zahlen müsste, dass Deutschland an der Seite der USA treu in die nächsten Kriege ziehen würde, dass die Laufzeit der Atomkraftwerke verlängert werde, um das Industrieland Deutschland zu retten und den Grünen zu zeigen, wer der Herr im Haus ist? Wer etwas über bürgerliche Gefühle wissen will, der darf nicht die Politiker der Koalition befragen – die müssen beim Abarbeiten der grünen Agenda auch noch fröhlich pfeifen –, der sollte vielmehr in die bürgerlichen Zeitungen schauen.

Am letzten Sonntag brauchte die Welt am Sonntag geschlagene zehn Seiten, um ihrer »Enttäuschung über Schwarz-Gelb« Ausdruck zu verleihen. Am Samstag schrieb Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur der Welt: »Diese Regierung könnte zur größten Enttäuschung für die bürgerliche Welt seit dem Zweiten Weltkrieg werden.« Wiewohl wir uns auch als Teil der bürgerlichen, einer vielleicht anders bürgerlichen Welt fühlen, wollen wir uns in diesen Familienstreit eigentlich nicht einmischen. Doch bleibt es nicht beim großen Frust über zwei Parteien, von denen man sich mehr erhofft hatte, man greift auch wieder beherzt zum Weltuntergang.