Sanft verbeult ruht die alte Vulkanlandschaft. Rot leuchtet ihre Tonerde, gelb der Raps. Der Himmel strahlt, und die Sonne lacht, als wäre der Vogelsberg bekannt dafür. Links ein Storch, rechts ein Rappe, im Hintergrund dunstig der Kamm des Taunus. Kaum zu entscheiden, was mehr ans Herz geht, das Bachgeplätscher oder das Grillengezirp.

Aus dem Wald unter Hartmannshain tritt ein dünnes Asphaltband hervor, schneidet sich durch Raps und Wiesen, biegt links ab nach Ober-Seemen, dann kommt bald Gedern. Der »Vulkanradweg«. Vorzeigeprojekt der Vogelsberg Touristik GmbH. Eine zum Radweg umgebaute ehemalige Bahnstrecke. Zwischen Altenstadt und Lauterbach verläuft er auf 94 Kilometern weitgehend entlang der aufgegebenen Oberwaldbahn.

Ein seltsames Surren entsteht auf dem Asphalt. Wird zum Brummen, Dröhnen. Rauscht vorbei. Ist weg. Das war Frank aus Münster, 42. Genannt Hängehose. Und sein Brett.

150 Longboarder treffen sich an diesem Wochenende auf dem Vogelsberg, in der Mehrzahl männliche Twens, aber auch viele Frauen, Kinder und ältere Semester. Nichts Organisiertes, kein Veranstalter, keine Strohballen in den Kurven, kein Rotes Kreuz, keine Stände mit Powerdrinks, keine mit den angesagten Klamotten. Einfach Leute, die sich aus Internetforen kennen oder Facebook und die es lieben, sich auf ein Brett mit Rollen zu stellen und mit Gleichgesinnten bergab zu cruisen. Und dabei entspannt auszusehen. Womöglich sogar zu sein.

Irgendwann Mitte des letzten Jahrhunderts schraubten die notorisch entspannten kalifornischen Wellenreiter Rollen unter ihre Bretter und begannen, auf Asphalt zu surfen. Der Spaß breitete sich weltweit aus. Doch dann probierten die Jugendlichen in den Straßen der Metropolen aus, was man mit dem Brett außer Rollen sonst noch so alles anfangen kann. Sie machten es immer kürzer und steifer, sie hüpften, rutschten, schrammten; es wurde der Ollie erfunden, ein Flug mit Brett durch die Luft, verschiedene Flips und Slides und Grinds kamen dazu, lauter artistische Tricks unter Einbeziehung der innerstädtischen Architektur und Stadtmöblierung. Wer auf sich hielt, achtete jetzt auf teure T-Shirts, knieumspielende Schlabberhosen und die richtigen Sneakers. Das Skateboard wurde Kult. Und Bart Simpson Star der Szene.

Frank lebt mit dem Brett. Macht damit alles. Zur Arbeit fahren, einkaufen

Das ursprüngliche, das lockere Asphaltsurfen geriet dabei vorübergehend in Vergessenheit. Erst vor wenigen Jahren tauchte es in der Öffentlichkeit wieder auf. Das »Longboard« von heute, das bis zu 1,50 Meter misst, ist aber nicht mehr nur einfach ein Brett mit vier Rollen. Die extralangen, breiten, flexiblen und gelenkschonenden Boards stehen jetzt auf breiten, edel gelagerten Walzen und verfügen über ausgetüftelte Lenkmechanismen. Ideal für den Freizeitspaß, aber auch als Mobilitätsgarantie im Alltag. Es gibt Leute, die fahren damit täglich zur Arbeit. Der Trend zum Longboard breitet sich gegenwärtig von Kalifornien bis nach Chicago aus. Berufspendler mit Brett wurden aber auch schon in Manhattan gesichtet. Teilweise treten die Longboarder auf den Straßen so massenhaft auf, dass es zu Konflikten mit anderen Verkehrsteilnehmern kommt. In Kanada verteilt die Polizei sogar Straftickets an Longboarder, die auf abschüssigen Straßen gern mal mit über 50 km/h unterwegs sind und Autofahrer nerven.

Auf dem Vogelsberg versammelten sich die ersten Longboarder 2007. Hier erschrecken sie allenfalls ein paar radelnde Familien oder mal ein Reh. Lässige drei Prozent Gefälle bietet der Vulkanradweg. Bevorzugt werden die 15 Kilometer Bahntrasse zwischen Hartmannshain und Gedern. Man startet auf 560 Metern Höhe, fährt fast ununterbrochen bergab, und bei 300 Metern über null lässt man ausrollen. Isst einen Döner, trinkt eine Cola vom Discounter. Um dann im dichten Gedränge auf den Bus zu warten, der einen wieder nach Hartmannshain bringt.

Hier oben, auf dem höchsten Punkt des Vulkanradweges, versorgt eine Tankstelle die Longboarder mit Eis und Cola. Kurzes Innehalten – dann geht es wieder auf die Piste. Frank Hängehose, der Oldtimer aus Münster, Ex-Skateboarder, das ist aber 30 Jahre her, kickt sein Brett in die richtige Position und tritt an. Sein stattliches Gewicht lässt ihn schnell das perfekte Cruise-Tempo erreichen: 40 km/h, geschätzt. Manche Kollegen messen die Geschwindigkeit mit ihrem Smartphone.