DIE ZEIT: Mr. Eno, Sie zeichnen unser Gespräch auf. Warum?

Brian Eno: Ich will keine Idee vergeuden. Ich analysiere anders, wenn ich einem Fremden etwas erkläre, als wenn ich im Stillen darüber grübele. Vor allem bin ich gezwungen, Dinge zu Ende zu denken. Damit mir eventuelle Geistesblitze nicht abhandenkommen, schneide ich alle Interviews mit und archiviere sie.

ZEIT: Sie gelten als schlauer Kopf der populären Musik. Stimmt es, dass Sie jeden Morgen um drei Uhr aufstehen, um ungestört denken zu können?

Eno: Das habe ich lange getan. Zurzeit schaffe ich es einfach nicht, weil ich zu beschäftigt bin. Gegen ein Uhr mache ich das Licht aus, aber zwei Stunden Schlaf wären auch mir zu wenig. Abends lese ich und nehme Informationen auf, die ich nachts verarbeite. Morgens nach dem Aufstehen kommen mir deshalb die besten Ideen.

ZEIT: Sie arbeiten als Produzent mit zwei der erfolgreichsten Rockbands der Gegenwart, U2 und Coldplay. Dazu sind Sie selbst als Installationskünstler, Kolumnist, Redner, politischer Berater und selbstverständlich als Musiker tätig. Woher nehmen Sie die Zeit?

Eno: Ich empfinde das anders und denke immer, ich bin unausgelastet und habe zu wenig zu tun. Das mag an meiner ausgeprägten Ungeduld liegen. Ich will immer schnell weiter. Das Gute an der Ungeduld ist, dass man viel erledigt bekommt. Das Schlechte ist mein Jähzorn. Wenn ich neue, raffinierte technische Instrumente bekomme und nicht sofort beherrsche, werde ich schon mal so wütend, dass ich sie kaputt schlage. Dann sagen die Kollegen im Studio: Brian, entspann dich mal! Ich antworte immer: Entspannte Menschen haben die Welt nicht verändert. Denn nur wen etwas ärgert, der will es verbessern. Logisch, oder?

ZEIT: Ihr Freund Bono gilt als jemand, der sich mit seinen Liedern gern Zeit lässt und Entscheidungen oft revidiert. Was machen Sie als Produzent, wenn Ihnen Musiker im Studio zu langsam sind?

Eno: Die Kunst besteht darin, sich als Produzent im Studio nur in relevanten Momenten blicken zu lassen und keine Zeit zu verschwenden. Das Wichtigste einer Plattenproduktion ist der Beginn, da bin ich vor Ort und präsentiere meine Ideen. Ich nenne das "das Schiff auf Fahrt schicken". Danach schaue ich nur noch sporadisch rein und kommentiere, was ich zu hören kriege.

ZEIT: Wenn Sie mit, sagen wir, Coldplay im Studio sind und eine interessante Idee für einen Song haben – sind Sie schon mal versucht, die für Ihre eigenen Platten aufzusparen?

Eno: Ich halte nie etwas zurück. Was mir durch den Kopf rauscht, will ich sofort nutzen. Ideen reflektieren den Augenblick, und so muss man sie nutzen. Wenn man Ideen aufbewahrt, verwelken sie.

ZEIT: In den neunziger Jahren sagten Sie, Sie hätten das Interesse an eigener Musik verloren, und kündigten Ihren Abschied an. Seitdem sind dennoch weitere Brian-Eno-Platten erschienen, zuletzt sogar zwei in kurzem Abstand. Woher der Sinneswandel?

Eno: Ich habe einfach das Interesse wiedergefunden. Aber es gibt immer noch längere Phasen, in denen meine Musik mich langweilt. Dann kommen wieder neue digitale Produktionsspielzeuge, und ich bin hellauf begeistert. Letztlich entstehen meine Platten heutzutage schnell, ich investiere nur noch wenig Zeit in meine eigene Musik.