ZEIT: Sie haben oft erzählt, wie gut Singen dem Seelenheil tut. Trotzdem haben Sie es auf Platten seit Langem vermieden. Auf Ihrem neuen Album ist Ihre Stimme wieder zu hören. Was ist passiert?

Eno: Weil Singen tatsächlich wohltuend ist, singe ich jeden Dienstagabend mit einem A-cappella-Chor. Nur zur Entspannung, mit netten Menschen hier in meinem Studio. Unser Repertoire beschränkt sich auf Klassiker wie Qué Será Será oder Bye Bye Love, alles Songs, mit denen hier jeder vertraut ist, aus den fünfziger und sechziger Jahren, manche älter.

ZEIT: Wer singt mit?

Eno: Fast nur Amateure. Vierundzwanzig sind auf der Liste, nur vier davon haben beruflich mit Musik zu tun. In meinem Chor sind Anwälte, Schriftsteller, Versicherungsverkäufer, Architekten, Segler, ein Boxer. Alles interessante Menschen, die sich normalerweise nicht treffen würden.

ZEIT: Sir Paul McCartney soll auch schon mitgesungen haben.

Eno: Ja, der kommt manchmal. Es ist eben ein ungewöhnlicher Chor.

ZEIT: Auch auf Ihrem neuen Album Drums Between The Bells singen und sprechen erstaunliche Gäste. Zum Beispiel eine Touristin aus Südafrika, die Sie angeblich auf der Straße vor Ihrem Studio in Notting Hill angesprochen haben.

Eno: Es waren zwei Touristinnen, Alicia und Shelby. Sie waren vertieft in einen Stadtplan. Das ist hier normal, jeder sucht die Portobello Road. Ich fragte, was sie suchen, sie erwiderten: Eigentlich einen Job. Spontan stellte ich die beiden für einige Wochen als Assistentinnen ein. Sie waren jung, Anfang zwanzig, und hatten keine Ahnung, wer ich bin. Das war der Reiz. Besonders Alicias Stimme hatte es mir angetan. Also ließ ich sie einen Text zu Musik lesen.

ZEIT: Wie wichtig ist Klang in Ihrer Musik?

Eno: Sehr wichtig natürlich. Das Problem ist: In meinem Studio steht eine sagenhafte Anlage. Die verführt dazu, Musik mit Details zu überfrachten, weil das immer toll klingt. Wenn ich mir die Resultate aber im Auto oder so anhöre, bin ich schon mal entsetzt, weil alles matschig wirkt.

ZEIT: Auf Datensätze reduzierte und komprimierte Musik klingt immer schlecht. Haben iPods und MP3s die Art, wie wir Musik hören, ruiniert?

Eno: Es ist vor allem erstaunlich, wie schnell sich Menschen an schlechte Qualität gewöhnen. Das gilt nicht nur für Musik, sondern auch für Filme: Von Kino zu Video und dann zu YouTube – was für ein qualitativer Abstieg! Ich habe mich ja selbst an schlechte Qualität gewöhnt. Als ich nach langer Zeit mal wieder im Kino saß, konnte ich gar nicht fassen, wie toll die Bilder waren. Mit Musik ging es mir genauso; ich war ganz aufgeregt, als ich mal eine Schallplatte mit alten tollen Boxen hörte. Man verdrängt eben den Unterschied.

ZEIT: Beim letzten U2-Album No Line on the Horizon, das Sie produziert haben, klagte der Sänger Bono, dass er enttäuscht sei über die mäßigen Verkäufe. Wie wichtig ist Ihnen kommerzieller Erfolg?

Eno: Der Musikmarkt hat sich verändert. Ich kann nur für mich sprechen: Ich bin finanziell nicht abhängig von den Verkäufen meiner Platten. Wenn aber kein Mensch mehr Geld für meine Musik ausgeben würde, müsste ich mir Gedanken machen. Außerdem geht es nicht nur um Geld, sondern immer auch um eine Bestätigung der eigenen Arbeit.

ZEIT: Sind Tonträger noch wichtig? Immerhin hat der jammernde Bono mit U2 gerade eine finanziell enorm erfolgreiche Tournee absolviert.

Eno: Früher ging man auf Tournee, um eine Platte zu bewerben, weil mit Platten sehr viel mehr Geld verdient wurde. Heute ist es genau umgekehrt. Aber das ist nur ein kleiner Aspekt eines größeren Bildes. Die Idee des stetig wiederholten Songs, die Tonträger repräsentierten, ist einfach nicht mehr spannend. Das Konzept eines Albums ist in diesem Jahrtausend nicht mehr so relevant wie vor fünfzig Jahren.