ZEIT: Was war mal spannend an einer Platte?

Eno: Die Vorstellung, sich jede Art von komplizierter und besonderer Musik in die eigenen vier Wände holen zu können. Anfangs wurde viel außergewöhnliche Musik nur für dieses Medium produziert. Vor den vierziger Jahren dienten Platten nur als Kopien von Livedarbietungen. In den fünfziger Jahren änderte sich die Idee der Platte. Musiker wie Mary Ford & Les Paul oder Frank Sinatra nutzten Platten als künstlerische Statements und Erweiterung dessen, was auf einer Bühne möglich war. Damals entstand überhaupt die Idee, Musik in großem Stil nur für das Medium Tonträger einzuspielen. Eine aufregende Zeit, vergleichbar mit der Einführung des Farbfilms im Kino. Die Menschen hörten eine Platte und sagten: Wow, das ist ja aufregend! Diese Spannung hielt lange, aber nun ist sie verflogen.

ZEIT: Warum?

Eno: Weil wir satt sind. Vollgestopft mit Musik, die von überall her dudelt.

ZEIT: Warum veröffentlichen Sie fortschrittsvernarrter Künstler Ihre Musik noch ganz altmodisch auf CD und Vinyl?

Eno: Klar, es ist altmodisch, aber das sind Bücher auch. Wann erfand Ihr Landsmann Gutenberg den Buchdruck, 1461? Egal, gedruckte Bücher spielen auch in diesem Jahrtausend trotz digitaler Lesegeräte noch eine wichtige Rolle. Ein neues Format verdrängt nicht automatisch das alte. Was sich ändert, ist nur die Art und Weise, wie wir ein Format nutzen. Man hört Musik auf Vinyl anders als auf CD oder per Download. Man hört auch Musik im Radio anders als auf Platte. Ich bin mit der Idee des Albums aufgewachsen. Warum sollte ich davon ablassen? Ich verstehe zwar den Reiz, einzelne Tracks in die endlosen Weiten des Internets einzuschleusen. Aber mein Ideal ist das nicht.

ZEIT: Angeblich sind Plattenfirmen nicht mehr zeitgemäß. Warum halten Sie ihnen die Treue?

Eno: Weil ich nicht glaube, dass sie so überflüssig sind. Eine bestimmte Rolle haben sie außerdem schon viel früher verloren. In den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren standen an der Spitze von Plattenfirmen oft Musikliebhaber mit Geschmack und einer Vision. Das waren Unternehmer, denen es gelang, zwischen Musiker und Publikum eine Verbindung herzustellen. Bob Marley fragte Chris Blackwell, den Chef seiner Plattenfirma Island, oft um Rat, bevor er ins Studio ging. Chris Blackwell ist es zum Beispiel zu verdanken, dass Reggae in der westlichen Welt so populär wurde. Aber in den achtziger Jahren übernahmen häufig Bürokraten das Geschäft, Menschen, die keinen tieferen Sinn für Künstler und Musik hatten. Die heutige Krise der Musikindustrie ist auch darauf zurückzuführen, dass dieses System implodiert ist. Ein Glück, möchte ich sagen, weil man sich dort oft sehr schlecht fühlte. Jetzt gibt es wieder eine Reihe erfolgreicher Independent-Plattenfirmen, die dieses Erbe weiterführen und Musik fördern. Firmen, denen es nicht nur um Geld geht, sondern auch um Kunst.

ZEIT: Warum sollte man für Musik zahlen?

Eno: Die Frage ist eher, wofür Sie künftig zahlen werden. Mich beeindruckt, wie teuer es geworden ist, ein Konzert zu besuchen. Hundert Euro Eintritt für irgendeine mittelprächtige Band sind keine Seltenheit. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass heute eigentlich mehr Geld für Musik ausgegeben wird als je zuvor. Nur eben anders, nicht mehr für die Platte, sondern für die Performance.

ZEIT: Ein überraschender Erfolg in Zeiten schwindender CD-Umsätze sind limitierte und teure Sammler-Editionen. Von Ihrem letzten Album Small Craft on a Milk Sea gab es eine Version, die 300 Euro kostete und schnell vergriffen war. Worin besteht der Reiz?

Eno: Ja, das ist faszinierend, vor allem, weil die Musik das Wertloseste in so einer Edition ist, da sie im Netz jederzeit umsonst runtergeladen werden kann. Musik ist in unserem Teil der Welt wie Wasser, immer und überall zu haben. Trotzdem kenne ich Menschen, die ein Vermögen für Mineralwasser von den Fidschi-Inseln zahlen. Ihre Vorstellungskraft suggeriert ihnen, dass das besser sei. Ähnlich ist es mit limitierten Tonträgern. Die Menschen kaufen nicht die Musik, sondern die kostspielige Verpackung. Sie investieren im optimalen Fall in ein Kunstwerk mit Musik.