ZEIT: Ihre Kollegin Laurie Anderson klagt, dass die preiswerte Technik eine Plage sei und ihr nun jeder entfernte Bekannte Hausmusik aufdränge. Stimmen Sie ihr zu?

Eno: Das Aufnehmen von Musik ist nichts Besonderes mehr. Jeder kann es ohne Ausbildung tun. Und genauso einfach wie das Einspielen einer Platte ist es, die Musik mittels Internet einem großen Publikum zu präsentieren. Ich verstehe, was Laurie Anderson meint. Ich saß mal in New York bei einem Zahnarzt-Duo. Zuerst betäubten sie mich mit Lachgas, dann setzten sie mir einen Kopfhörer auf und spielten mir Demo-Aufnahmen ihrer Musik vor. Es war schlimmer als Bohren ohne Betäubung.

ZEIT: Wenn ich Ihr neues Album aus dem Netz geladen hätte, ohne dafür zu zahlen – wäre Ihnen das egal?

Eno: Vollkommen. Ich sehe das Gratisrunterladen von Musik vor allem als Werbung. Ich kenne viele Menschen, die sich erst die Musik aus dem Netz besorgen und – wenn sie ihnen gefällt – später für eine qualitativ bessere Version zahlen. Ich fühle mich außerdem von jedem Interesse an meiner Arbeit geschmeichelt. Andererseits sehe ich das Problem für sehr populäre Bands wie Coldplay, deren Umsätze leiden. Außerdem werden Bands wie U2 oder Metallica, die schon mal vier Jahre im Studio verbringen, sich das bald nicht mehr leisten können. Eine bestimmte Art aufwendig produzierter Musik wird aussterben, wenn nicht dafür bezahlt wird.

ZEIT: Aber sind nicht Jahre im Studio auch ein Zeichen großer Ratlosigkeit?

Eno: Stimmt, sie bedeuten meistens den Tod einer Platte. Wenn Musiker zu viel Zeit im Studio ohne eine zündende Idee verbringen, tendieren sie dazu, Mittelmäßiges aufzuplustern und Lieder vollzustopfen wie einen Truthahn. Das Tolle an der Krise der Musikindustrie ist doch, dass Künstler wieder gezwungen sind, sich zu beschränken. Und das tut der Kreativität gut.

ZEIT: Einige Ihrer Werke wollten Sie aus allerlei Gründen nicht veröffentlichen. Ihr Album My Squelchy Life zum Beispiel haben Sie vor einigen Jahren zurückgezogen. Nun geistert es durch das Internet. Stört Sie das?

Eno: Nein, das finde ich eher amüsant. Es war ein Fehler, die Platte damals nicht rauszubringen. Sie war fertig, aber ich habe mich mit der Plattenfirma gestritten. Was mich viel mehr ärgert, ist, wenn Musik in Umlauf kommt, die nie zur Veröffentlichung gedacht war. Irgendwelche Experimente, die mir auch nicht gefielen, sollte keiner zu hören bekommen. Überhaupt sollte die Qualitätskontrolle bei Veröffentlichungen stärker sein. Ich habe neulich zwei Archivaufnahmen der Beatles gehört, Bonussongs einer Wiederveröffentlichung, die zwar interessant, aber letztlich schrecklich waren. Ich bin sicher, John Lennon hätte die Veröffentlichung nicht behagt.

ZEIT: Heutzutage werden viele alte Platten für CD-Neuauflagen um Archivmaterial erweitert. Die überarbeitete Werkausgabe Ihrer Soloplatten kommt ohne Bonusmusik aus.

Eno: Warum sollte ich meine Zeit mit Musik von minderer Qualität verschwenden? Ich habe neulich ein Thelonious-Monk-Album auf CD gekauft, das ich als Teenager oft hörte. Auf einmal sind da diverse Versionen jedes Songs – was für eine Schnapsidee! So entwertet man ein Kunstwerk. Außerdem tut es der Aura gut, wenn ein Rest von Geheimnis bleibt.

ZEIT: Jeder erwartet von Ihnen geniale Geistesblitze. Ist es eigentlich manchmal anstrengend, Brian Eno zu sein?

Eno: (grübelt lange) Nein, das ist es nie. Ich mag es, dass die Leute von mir etwas Besonderes erhoffen. Das zwingt mich immer wieder, mich besonders anzustrengen.

ZEIT: Gibt es Tage, an denen Ihnen nichts einfällt?

Eno: Öfter, als mir lieb ist. Dann trinke ich eine Tasse grünen Tee, das wirkt immer Wunder.