Es gab eine Zeit, da war Kairo für Adel Tawil der trostloseste Ort der Welt. Damals, als er die Sommerferien bei seiner Großmutter in Heliopolis am nordöstlichen Stadtrand Kairos verbringen musste. Hier war sein Vater aufgewachsen. Sechs lange Wochen streifte Adel dann mit seinen ägyptischen Cousins umher und war doch in Gedanken bei Sergio, Volkan und den anderen Berliner Kumpeln. Viel lieber hätte er mit ihnen am Ku’damm herumgehangen, im Freibad Jungfernheide Mädchen angebaggert oder auf der stillgelegten S-Bahn-Brücke heimlich geraucht. Nein, sagt Adel Tawil, Kairo sei nicht sein Ding gewesen.

Ferne Erinnerungen – aus dem Berliner Jungen mit den Kairoer Wurzeln ist ein deutscher Popstar geworden und aus Kairo das Zentrum der arabischen Revolution. Da ist Adel Tawils Freundschaft mit dem ägyptischen Sänger Mounir, der Stimme dieser Revolution. Und da ist unsere Idee, ausgebrütet in einer Berliner Bar: Lass uns gemeinsam hinfliegen und einander unser jeweiliges Kairo zeigen – du mir die Stadt deiner Sommerferien und ich dir das härtere Kairo, das du bisher nur aus meinen Büchern kennst.

Es gibt ein Ankunftsritual seit Adels Kindheitsreisen: kaum gelandet, erst einmal per Taxi zum Shawarma-Stand Urdani. Wenn der kleine Adel aus Berlin mit seinen Kairoer Cousins hierherkam, war das ein Höhepunkt der sonst ereignisarmen Ferien. Das Geheimnis seien die hauchdünnen Fladen, schwärmt Adel Tawil heute noch, mit 32 Jahren.

Es hat sich offenbar herumgesprochen, denn vor dem Urdani parken im Herbst 2010 Autos in langer Schlange – geduldet von den zahlreich herumstehenden Polizisten. Hier im bürgerlichen Heliopolis, unweit von Mubaraks Präsidentenpalast, scheint die Welt noch in Ordnung. Viel weiter als bis zu diesem Shawarma-Stand ist Adel Tawil bis jetzt nur selten in das riesige Kairo hineingekommen.

Wir nehmen Quartier im Tulip. Das einfache Hotel liegt vier Gehminuten von jenem Platz entfernt, der schon bald Schlagzeilen machen wird – für Adel Tawil absolutes Neuland. Hier auf dem Tahrir-Platz ist er ein Ägypter unter vielen. Niemand schenkt dem Popstar, der noch am Morgen auf dem Flughafen Tegel aufgeregten Teenies Autogramme geben musste, Beachtung.

Im Zentrum von Kairo ist die Unzufriedenheit überall zu spüren. Nur dass jeder etwas anderes beklagt. An den Gemüseständen schreien die Hausfrauen den verzweifelten Händlern ihren Unmut entgegen, weil sich der Preis von Tomaten innerhalb weniger Tage verfünffacht hat. Im Restaurant Estoril, Treffpunkt liberaler Intellektueller, beklagen junge Journalisten, dass ihnen regimenahe Chefredakteure vor die Nase gesetzt wurden.

Auf der Dachterrasse des Hotels Odeon treffen wir Ismail, einen jungen Autor, und seinen Freund Adham, der als Choreograf schon in der Berliner Tanzfabrik gearbeitet hat, der eine ist 27, der andere 29 Jahre alt. Sie suchen die Anonymität unverdächtiger Restaurants. Obgleich Homosexualität in Ägypten offiziell nicht unter Strafe steht, hat fast jeder aus der Kairoer Schwulenszene polizeiliche Übergriffe erdulden müssen. Zwei Tage später wird auch die Dachterrasse des Odeon von der Polizei hochgenommen. Szenen aus dem Herbst 2010.