Ein heißer Mai, jedenfalls hier in Wien. Die Nachbarin sieht sich bei dröhnender Lautstärke Schnulzenserien an, vom Altersheim gegenüber ist das Stöhnen der Sterbenden zu hören. Dieselben Menschen, die im Winter auf Facebook über die Kälte schimpfen, schreiben nun, dass die Hitze sie umbringt. Aber ich kann sie verstehen, denn die meisten von ihnen müssen im Büro sitzen, während es mir immerhin freisteht, ins Auto zu steigen und die Stadt zu verlassen, mit einem Buch oder einer Zeitschrift oder dem Notebook. Und genau das mache ich jetzt, denn ich habe gestern zwei Bücher von und über Thomas Bernhard geschickt bekommen.

Am Margaretengürtel bauen sie. Ich stehe 20 Minuten vor derselben Ampel. Rothäutige Arbeiter schleppen schwere Geräte über die Straße, im Radio sagen sie, es gibt Stau, ein gut gelaunter Moderator weiß über mein Horoskop nur das Günstigste zu berichten. Ich schiebe eine CD von Sophie Hunger ins Dock. Ich beobachte einen Streit zwischen einem Taxifahrer und einem Fußgänger. Der Fußgänger schlägt auf das Auto ein und schreit: »Drecksjud!« Der Taxifahrer sieht orientalisch aus, er lacht, schüttelt den Kopf und fährt davon.

Auf der Autobahn versuche ich die eingebüßte Zeit durch ein entsprechendes Tempo aufzuholen. Nein, das stimmt so nicht, ich fahre eigentlich immer so. Im Vorwort des Gesprächsbandes schreibt Peter Hamm, Thomas Bernhard sei mit dem Auto stets ziemlich rasant unterwegs gewesen, das gefällt mir, ich kann das Gerede von der Vorsicht und der Umsicht sowieso nicht hören, und ich kann nicht langsam fahren, dafür habe ich keine Geduld.

Es verschlägt mich an den Neusiedlersee. Ich liege im Gras, ich lese, wechsle zwischen beiden Büchern hin und her. Im ersten Buch, Der Wahrheit auf der Spur, findet man Reden, Leserbriefe und Interviews, allesamt Originaltexte von Bernhard. Das zweite, Sind Sie gern böse?, enthält ein Gespräch zwischen Peter Hamm und Thomas Bernhard aus dem Jahr 1977, das die beiden offenbar nicht mehr vollständig nüchtern geführt haben, was das Gespräch vermutlich eher besser macht. Von Seite zu Seite wächst in mir der Verdacht, dass man alle berühmten Künstler ab und zu betrunken vor ein Mikro setzen sollte, es würde sich lohnen.

Während vor mir auf dem See ein ungarischer Segler mit seinem Boot kämpft und mit seltsam hoher Stimme Flüche über das Wasser schreit, ziehen allerhand Gedanken durch meinen Kopf. Sie haben viel mit Thomas Bernhard, aber auch viel mit mir selbst zu tun, mit dem, was ich von Thomas Bernhard weiß, wie ich seine Literatur kennengelernt habe, wie ich ihn abgelehnt habe, ihn in gewisser Weise nach wie vor ablehne, nicht ihn, doch seine Bücher, die mit einer Ausnahme von jeher an mir abgeprallt sind. In der Schule gab es Bernhard und Handke zu lesen, beide mochte ich nicht. Einmal las ich einen Satz von Handke, der mir sehr gut gefiel, er lautete: »Jedes Arschloch kann sich auf die Weltliteratur berufen.«

Wie wahr dieser Satz ist, war mir damals noch nicht bewusst. Die Richtigkeit dieses Satzes wird vor allem dann anschaulich, wenn man ein deutschsprachiger Schriftsteller wird und erlebt, wie gern sich gerade die Menschen, die Thomas Bernhard gehasst und verabscheut hätte, auf ihn berufen, wie oft Kritiker einem Autor, dessen jüngster Roman ihnen missfällt, Thomas Bernhard um die Ohren schlagen, ebenjenen Bernhard, der diesen Kritikern ihre eigene Zeitung um die Ohren geschlagen hätte. Solche Leute waren es, die mir mit neunzehn erklärten, wie man schreiben müsse und was man schreiben müsse und dass man am besten ja gar nicht schreiben solle oder nichts mehr zu schreiben brauche, weil es Thomas Bernhard gegeben habe. So etwas geht einem dann ja doch auf die Nerven, zumal es immer der gleiche Typus von Mensch war, der einem mit Thomas Bernhard (oder Peter Handke) kam, nämlich solche, die so auftraten, als hätten sie die Bücher, auf die sie sich ständig beriefen, selbst geschrieben. Da wird es schwierig für den jungen, aufstrebenden Autor, nicht von vornherein in eine oppositionelle Haltung zu fallen und den Zeitschriftenredakteuren und lokalen Literaturfürsten und anderen Fachleuten nicht zu sagen, sie sollten sich ihren Thomas Bernhard und ihren Peter Handke sonst wohin stecken.