Gelegenheit für ein kleines Geständnis: Brennend war die Neugier nicht gerade zu nennen, mit der sich der Rezensent der Manesse-Ausgabe der Wellen von Keyserling zuwandte. Eduard von Keyserling – der wird alle paar Jahre wiederentdeckt, gelesen hat man trotzdem noch nicht viel von ihm, aber diese Wellen werden schon ein wackeres Zeitgemälde sein – Ostseebad, Fin de Siècle, Sonnenuntergänge en masse vermutlich, impressionistisch hingetupft und nicht ganz ohne das noble Ennui, das Thomas Mann bei der Lektüre Brochs empfand. Hatte nicht ein Kritiker zu einem Jubiläum des syphilitischen baltischen Adligen das Spottwort über ihn angeführt: »Als Gottes Atem leiser ging, schuf er den Grafen Keyserling«?

Aber hatte derselbe Kritiker, es war Tilman Krause, nicht auch die schöne Geschichte des Keyserling-Freundes Korfiz Holm zitiert, der sich daran erinnerte, wie er, wenn er mit seiner Frau in München dem schon erblindeten, leichenblassen und auf den Arm seines jungen Dieners gestützten Grafen entgegenkam, der nichts so sehr scheute wie Mitleid und seine Gebrechen gerne verhüllte – wie Holm also auf der Franz-Joseph-Straße schon von Weitem sah, wie der Diener dem Grafen etwas zuflüsterte und rasch einige kurze Sätze gewechselt wurden, und wie der Graf dann zehn Schritte vor ihnen zur Begrüßung den Hut gezogen und ausgerufen habe: »Ja, liebe gnädige Frau, Sie blühen wieder wie der Tag! Ach, und das schöne blaue Kleid!«?

Eine herrliche Geschichte, und Keyserlings beeindruckende Hässlichkeit, wie man sie dem Corinth-Gemälde entnimmt, sprach ja nun auch nicht gegen seine Schriftstellerei.

Nun gut, dann blättern wir ihn einmal an und überprüfen das Vorurteil. Wellen also, mit einem Nachwort von Florian Illies neu und schmuck herausgebracht, 1911, im Jahr des Tod in Venedig, geschrieben oder genauer: krank und verarmt der Schwester diktiert. Man liest das erste Kapitel und kommt ins Stutzen. Man liest mit erhöhter und dann wieder bang gebremster Geschwindigkeit weiter und sieht sich am Ende perplex. Ist das denn die Möglichkeit? Was für ein kapitaler Wurf, was für ein Meisterwerk! Der Bursche ist ja besser als Fontane!

Welche Prosa! Mit dem Grimm des frisch Konvertierten fragt man sich, warum sie ihrem Autor nicht mehr Ruhm eintrug. Wenn bei Fontane mit seinem immergleichen »Nu, Engelke«-Plauderton auf Dauer Übersättigung eintritt, wie bei Wassermelonen, an denen man sich einmal übergessen hat, obwohl gegen die Wassermelone als solche nichts zu sagen ist, so staunt man bei Keyserling über das völlige Fehlen von Kunstfehlern.