Sachbuch von Philip Manow Erst mal den König ermorden

Wofür Giganten gut sind: Philip Manows Buch "Politische Ursprungsphantasien".

Zeichnung von Charles I. auf dem Weg zu seiner Hinrichtung in London, 1649

Zeichnung von Charles I. auf dem Weg zu seiner Hinrichtung in London, 1649

In seinem 2008 erschienenen Essay Im Schatten des Königs spürt der Politikwissenschaftler Philip Manow dem Erbe monarchistischer Körper in den Repräsentationstechniken der Demokratien nach. Die Demokratie sei vor dem Hintergrund der Monarchie, die sie als Staatsform ablehne, umso verständlicher; diese Annahme führt den Politikwissenschaftler in seiner jüngsten Studie Politische Ursprungsphantasien aufs Neue in den »Schatten« überdimensionaler Gestalten.

Dem Leviathan Thomas Hobbes’, der auf dem berühmten Titelkupfer der staatstheoretischen Schrift von 1651 über einer idealen Landschaft sich zu fantastischer Größe aufrichtet, stellt er Sigmund Freud zur Seite, den »Riesen« der Psychoanalyse. Wo die Konturen der zwei Giganten sich überschneiden, zeichnet Manow ein anregendes und komplexes Bild. Der Mord, genauer: der Vater- beziehungsweise Königsmord, gerät zu dem geschliffenen Bezugspunkt der »Ursprungsphantasien« beider Autoren. Die 1649 vollstreckte Hinrichtung des englischen Königs Charles I. sei für Hobbes zu dem traumatisierenden Anlass geworden, seine bekannte Staatsphilosophie zu verfassen: Der »Naturzustand«, der Kampf eines jeden gegen alle, werde allein überwunden durch die Schöpfung einer Gemeinschaft und die Unterwerfung unter ihr Diktat.

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Philip Manow stellt nachvollziehbar dar, in welch vielschichtiger Weise Hobbes’ Vorstellung von dem »Naturzustand« beeinflusst ist durch die europäische Begegnung mit der indigenen Bevölkerung der »Neuen Welt«. Auf jene »wilden und halbwilden Völker« stütze sich auch Freud, dessen Schrift Totem und Tabu Manow hier zitiert.

Im Jahr 1913 erkläre Sigmund Freud die blutige Schuld des »Brüderbundes«, der an dem allmächtigen Vater einen Mord begeht, zu dem Impuls, der die »Ur-Horde« eine erste gesellschaftliche Ordnung finden lasse. Ähnlich argumentiere er in Der Mann Moses bezüglich des hypothetischen Mordes an dem Religionsstifter. Hobbes bediene sich ebenso der Figur des Moses. Er erkenne in ihm den Inhaber einer idealen Macht, die Staat und Religion vereine. Manow nennt deshalb zwei »Gründungsorte« der Hobbesschen Theorie, nach denen sich auch die Gliederung seiner Untersuchung richtet: »America«, den ethnologischen, sowie »Sinai«, den religiösen.

Wie Freud den Mann Moses 1939 habe auch Hobbes den Leviathan im Exil verfasst. Beide befanden sich auf der Flucht vor sich verändernden politischen Systemen; Hobbes vor dem »Naturzustand« des Bürgerkriegs, Freud vor ebenjenem Monster totalitärer Macht, das Hobbes beschrieben hatte, um den »Naturzustand« zu überwinden. Diese Beobachtung stärkt Manows Hypothese, Gesellschaften schüfen die Mythen ihrer Ursprünge, weniger um ihre Existenz zu erklären denn zu rechtfertigen. Sie zielen auf Erhaltung, florieren besonders in Zeiten, in denen die bestehende Ordnung bedroht scheint.

Manow zieht die Verbindung nicht, doch lässt sie sich herstellen zu einer gegenwärtigen »Ursprungsphantasie«. Die Betonung des christlich-antiken Erbes Europas stigmatisiert Teile der Gesellschaft als fremd. Diese stehen vor der Wahl, nicht bloß allgemeine Werte, sondern mit ihnen den Mythos ihrer Herleitung, der sie exkludiert, anzuerkennen oder vollends ausgestoßen zu werden. Mit Hobbes gesprochen, wendet sich ein »commonwealth of consent« nach innen, um manche seiner Mitglieder in ein »commonwealth of conquest« zu zwingen; die »Ursprungsphantasie« wird in diesem Sinne äquivalent mit der Chimäre der »Leitkultur«.

»Die demokratische Gesellschaft«, weiß Philip Manow, »hat für Gegendiskurse zur idealen Selbstbeschreibung, die sie von sich selber anbietet, keinen Platz (...).« Dazu gehöre eben auch, dass der Königsmord aus dem kollektiven Gedächtnis vollständig verdrängt worden sei. Dieser aber markiere den Beginn der Demokratie; »die urdemokratische Gemeinschaft ist ein Lynchmob«. Für die Erinnerung daran, mit der die implizierte moralische Überlegenheit der demokratischen Gesellschaft zur Disposition gestellt und diese vor allem zur Reflexion verpflichtet wird, ist Philip Manow und seiner neuen Studie über »Ursprungsphantasien« zu danken.

 
Leser-Kommentare
  1. Nun, daß selbst eine Berufsarmee die Tyrannen nur bedingt schützt, sollte auch in Berlin zu Kenntnis genommen werden.

    Selbst das suchen ständig neuer Feinde taugt wohl nicht ewig.

    Sic semper Tyrannis!

    Aber momentan scheinen sich die eingeschläferten Massen wieder in Bewegung zu setzen, nur die kommende Stampede vermag ich mit Sorge zu betrachten.

    Leider folgt ein Tunichtgut auf den nächsten. Der König ist tot, es lebe der König.

  2. Hannah Arendts Theorie von der "Banalität des Bösen" in Betracht gezogen? Hier ist der "Lynchmob" bei weitem nicht urdemokratisch, sondern zeigt sein hässliches, den Totalitarismus des 20. Jh. ermöglichendes Gesicht.
    greetz, BG

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vielleicht muss man totalitäre Systeme als pervertierte demokratische Systeme , und nicht als deren absolutes Gegenstück sehen.
    Der Lynchmob ist urdemokratisch, ein Gemeinschaftsbund, vereint gegen einen Feind. Die Gemeinschaft, die etwas verlangt, der Einzelne, der sich ihr unterwirft - das sind Prinzipien der Demokratie - und doch auch totalitärer Systeme. Mit dem Unterschied, dass hier der Einzelne unterworfen WIRD.

    Ich sehe eindeutige Parallelen zwischen dem "urdemokratischen" Lynchmob aus Königsmördern und jener Masse, die als Eines einem Führer oder einer Idee folgt.

    Sie beziehen sich auf Arendt - man könnte sich hier auch auf Canetti beziehen, Seine Analyse von Masse und Macht sielt in diesem Zusammenhang wohl auch eine Rolle.

    Vielleicht muss man totalitäre Systeme als pervertierte demokratische Systeme , und nicht als deren absolutes Gegenstück sehen.
    Der Lynchmob ist urdemokratisch, ein Gemeinschaftsbund, vereint gegen einen Feind. Die Gemeinschaft, die etwas verlangt, der Einzelne, der sich ihr unterwirft - das sind Prinzipien der Demokratie - und doch auch totalitärer Systeme. Mit dem Unterschied, dass hier der Einzelne unterworfen WIRD.

    Ich sehe eindeutige Parallelen zwischen dem "urdemokratischen" Lynchmob aus Königsmördern und jener Masse, die als Eines einem Führer oder einer Idee folgt.

    Sie beziehen sich auf Arendt - man könnte sich hier auch auf Canetti beziehen, Seine Analyse von Masse und Macht sielt in diesem Zusammenhang wohl auch eine Rolle.

  3. Die Hinrichtung des englischen Königs Charles I. erregte besonders die deutschen Zeitgenossen enorm. Eine Unzahl von Pamphleten diskutierte die juristischen Fragen, die sich aus dem Mord des "von Gott eingesetzten" Monarchen ergaben. Selbst die berühmtesten Dichter der damaligen Zeit griffen in die Diskussionen ein.

  4. Vielleicht muss man totalitäre Systeme als pervertierte demokratische Systeme , und nicht als deren absolutes Gegenstück sehen.
    Der Lynchmob ist urdemokratisch, ein Gemeinschaftsbund, vereint gegen einen Feind. Die Gemeinschaft, die etwas verlangt, der Einzelne, der sich ihr unterwirft - das sind Prinzipien der Demokratie - und doch auch totalitärer Systeme. Mit dem Unterschied, dass hier der Einzelne unterworfen WIRD.

    Ich sehe eindeutige Parallelen zwischen dem "urdemokratischen" Lynchmob aus Königsmördern und jener Masse, die als Eines einem Führer oder einer Idee folgt.

    Sie beziehen sich auf Arendt - man könnte sich hier auch auf Canetti beziehen, Seine Analyse von Masse und Macht sielt in diesem Zusammenhang wohl auch eine Rolle.

    Antwort auf "Hat der Autor auch..."

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