Martenstein "Pädagogik muss man sich selber beibringen"
Harald Martenstein über Unterrichtsausfall und schimpfende Lehrer
Mein Sohn hat gerade Abitur gemacht. Was jetzt noch aussteht, sind der Abi-Ball und der Abi-Streich. Für den Abi-Streich ist von der Schule ein bestimmter Tag festgelegt worden. Ich fragte meinen Sohn, welchen Streich sie zu verüben gedenken. Er sagte, es gebe ein Streich-Komitee, welches sich, unter Zuhilfenahme einer Streich-Liste der vergangenen Jahre, den Streich ausdenke und anschließend die Lehrer über den geplanten Streich informiere. Oft denke ich, dass unserem Land ein bisschen mehr Spontaneität guttäte.
Ich mache nur selten konstruktive Vorschläge zur Verbesserung der Gesellschaft. Seit Jahren ärgere ich mich allerdings über die vielen Schulstunden, die ausfallen. Also habe ich in mehreren Artikeln vorgeschlagen, dass pensionierte Lehrer oder auch andere Personen ehrenamtlich und kurzfristig als Ersatz einspringen dürfen, natürlich nicht dauerhaft, sondern als Feuerwehr. Endlich hatte ich ein Anliegen. Ich dachte, dass es Kindern sicher etwas bringen würde, wenn mal ein Arbeitsloser, ein Biologieprofessor, ein Computerexperte oder ein Handwerker eine Stunde abhält, es wäre jedenfalls besser als gar keine Stunde. Dann würden in Deutschland weniger Stunden ausfallen. Ich habe betont, dass ich nicht etwa glaube, Lehrer seien beliebig ersetzbar, es handele sich eben um einen Notbehelf. Ich kenne eine Frau, die im Krankenhaus Schwerkranken, die niemanden haben, seelischen Beistand leistet. Vielleicht könnten ein Psychologe oder ein Seelsorger dies qualifizierter tun, aber es ist jedenfalls sehr viel besser als gar nichts.
Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung los, nein, es heißt ja heute »Tsunami der Entrüstung«. Ich glaube, ich habe noch nie etwas derart Provokantes gesagt. Bei mir stapeln sich die Briefe sehr aggressiv aufgelegter Lehrer, von weiteren Einsendungen bitte ich abzusehen.
Ein Lehrer schrieb: »Man kann keine Dilettanten auf die Schüler loslassen, die von Pädagogik keine Ahnung haben.« Ich habe ein Lehramtsstudium absolviert und unterrichtet, deshalb weiß ich zufällig, dass man am Ende eines solchen Studiums von Pädagogik auch keine Ahnung hat, man muss sich das leider selber beibringen.
Eine Lehrerin schrieb, dass die Schüler sich über Freistunden freuen, ich wolle den Schülern diese kleine Freude nehmen. Andere schrieben, dass man in den Zeitungen doch auch keine journalistischen Laien zu Wort kommen lässt. Dabei gibt es doch oft Gastbeiträge von Schriftstellern, Politikern oder Wissenschaftlern. Durchweg vertraten die wütenden Menschen die Ansicht, dass es zur Lösung der Bildungsprobleme nur einen einzigen denkbaren Weg gebe, dieser bestehe in weiteren Erhöhungen der staatlichen Etats. Alles andere sei moralisch fragwürdig.
In jeden Artikel zu diesem Thema schrieb ich, wie gesagt, hinein, dass Lehrer unersetzbar sind und dass es sich nur um einen Notersatz handeln kann, so, wie man bei einem Zimmerbrand ja auch selber schon mal mit den Löscharbeiten beginnt, statt auf die Feuerwehr zu warten, obwohl ein Feuerwehrmann diese Arbeit zweifellos kompetenter tun kann. Trotzdem stand in jedem einzelnen Brief, dass ich die Lehrer abschaffen will. Das hat mich total traurig gemacht. Deshalb gibt es Kriege – die Menschen hören einander nicht zu, sie wollen alles oder nichts. Schließen, meine Damen und Herren, möchte ich mit einem Zitat des Dichters Boris Vian: »Es hat tatsächlich den Anschein, dass die Massen im Unrecht sind und die Einzelnen immer recht haben. Es gibt nur zwei Dinge, die Liebe und die Musik von Duke Ellington. Alles Übrige mag verschwinden.«
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- Datum 17.06.2011 - 10:50 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 16.6.2011 Nr. 25
- Kommentare 51
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deren Existenz belegen, dass ein Lehramtsstudium noch lange nicht zum lehren befähigt, und schon gar nicht automatisch gute Lehrer macht. Nicht wenige haben sich einen für sie unpassenden Beruf ausgesucht, und lassen sich von den Schüler auf der Nase tanzen, weil sie sich nicht durchsetzen können, oder sich das nicht trauen. Gemeinsame mit Gleichgesinnten gehen sie dann gerne gegen engagierte Lehrer vor, die "die Ruhe stören".
Politische Korrektheit und vermeintliche "Kultursensibilität" sind weitere Faktoren, die zum Zerfall des Bildungswesen in Deutschland, vor allem in den großen Städten, geführt haben.
...deren Existenz belegt...Lehren...
Lehrer ähneln Zahnärzten: Der Versuch eines Gesprächs mit ihnen endet immer als Monolog.
Die Glosss finde ich als Leser sprachlich nicht gekonnt. Liegt das am Thema - dass man so streng und logisch sein muss - und Recht hat.
Aber, als Ex-Lehrer (in doppelter Bedeutung: nach Berufswechsel und nach Altersabschied):
Lehrern beizukommen, ist selten eine angenehme Partie. Außer man trifft einen, der mit einem das Gespräch fortsetzt, mit Kritik, mit Humor, mit Effe, mit Zukunft!
In 25 Lehrer-Jahren hbe ich e i n e n solchen Kollegen getroffen!
Der Boris Vian-Schluss war auch bemerkenswert. Ob viele Lehrer oder gar Lehrerinnen Boris Vian kennen? gar schätzen? Oder den Duke?
So. Martenstein gelesen, Kreuzworträtsel ausgedruckt, nun kann ich wieder gehen. Alles was DIE ZEIT ausmacht, hab ich ja.
Wir brauchen keine Krankenschwestern oder Handwerker, die als LehrerInnen fungieren! Auch Unterrichtsausfall muss nicht sein. Ich studiere Lehramt und werde mein Studium demnächst abschließen. Verlässt man heute das Referendariat, bekommt man in einigen Bundesländern das Formular, mit dem man Sozialhilfe beantragen kann, zumeist gleich mitgeliefert. Es gibt zu viele Lehramtsstudenten (unbestreitbar auch zu viele, die ungeeignet sind, denn man sollte schon ein pädagogisches Händchen haben, um diesen Beruf auszuüben).
Stundenausfall muss also nicht sein! Es gibt genug junge Lehrer, die gern unterrichten würden!
Hallo Ylrik ,
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Lehrer behaupten immer, sie - und nur sie - würden das Unterrichten beherrschen. Wenn man heimlich von außen an den Klassenraumtüren lauscht, dann hört man fast nie konzentrierte Ruhe, sondern das Toben der Schüler - unterbrochen von einer erwachsenen Stimme: "Wenn nicht gleich Ruhe ist, dann passiert was! Jetzt sag ich's aber wirklich zum allerletzten Mal!!!"
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"Pädagogik muss man sich selber beibringen". Muss man. Kann man es auch?
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Stimmt: "Es gibt genug junge Lehrer, die gern unterrichten würden!" Aber sehr wenige alte unterrichten noch gern.
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Mehr zum Thema: (Hier klicken!).
Hallo Ylrik ,
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Lehrer behaupten immer, sie - und nur sie - würden das Unterrichten beherrschen. Wenn man heimlich von außen an den Klassenraumtüren lauscht, dann hört man fast nie konzentrierte Ruhe, sondern das Toben der Schüler - unterbrochen von einer erwachsenen Stimme: "Wenn nicht gleich Ruhe ist, dann passiert was! Jetzt sag ich's aber wirklich zum allerletzten Mal!!!"
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"Pädagogik muss man sich selber beibringen". Muss man. Kann man es auch?
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Stimmt: "Es gibt genug junge Lehrer, die gern unterrichten würden!" Aber sehr wenige alte unterrichten noch gern.
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Mehr zum Thema: (Hier klicken!).
"Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn! Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen." Und so freut sich auch die breite Masse meiner Mitschüler über Ausfall. Ich gebe zu, es ist wirklich nett mal einfach nach Hause gehn zu können. Aber ich höre ihre unkonventionelle Idee heut zum ersten Mal und finde sie an sich gut. Andererseits, selbst wenn soclhe Programme eingeführt werden würden, glaube ich scheitert es an der fast überall vorzufindenden Lerneinstellung unserer momentan dekadenten, verhätschelten Schülergeneration.
Ich zähle mich aus verschiedenen Gründen noch nicht ganz dazu, aber wenn ich sehe, welche Kinder heute schon aufs Gymnasium kommen und durch meine Schulflure rumkrakelen, als wärs nen Rummelplatz, wird mir Angst und Bange um meine Zukunft.
Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass solche Behelfslehrer niemals von der Masse unserer undiszplinierten Schülergeneration akzeptiert werden würden. Ich weiß nicht, wie die Situation konkret in anderen Bundesländern ist, aber als Brandenburger aus dem Kreis Oberhavel, wo mittlerweile mehr als 50% der Schüler aufs Gymnasium gehen dürfen, kann ich sagen, dass der Fall bei uns so bescheiden aussieht.... Fazit: Einzig ein strafferes, effizienteres Bildungsystem, meinetwegen abgeschaut von anderen Ländern, könnte beim gleichen Etat vom Staat unsere jetzigen Kindergartenkinder wieder eine gute Bildung bieten.
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