Mein Sohn hat gerade Abitur gemacht. Was jetzt noch aussteht, sind der Abi-Ball und der Abi-Streich. Für den Abi-Streich ist von der Schule ein bestimmter Tag festgelegt worden. Ich fragte meinen Sohn, welchen Streich sie zu verüben gedenken. Er sagte, es gebe ein Streich-Komitee, welches sich, unter Zuhilfenahme einer Streich-Liste der vergangenen Jahre, den Streich ausdenke und anschließend die Lehrer über den geplanten Streich informiere. Oft denke ich, dass unserem Land ein bisschen mehr Spontaneität guttäte.

Ich mache nur selten konstruktive Vorschläge zur Verbesserung der Gesellschaft. Seit Jahren ärgere ich mich allerdings über die vielen Schulstunden, die ausfallen. Also habe ich in mehreren Artikeln vorgeschlagen, dass pensionierte Lehrer oder auch andere Personen ehrenamtlich und kurzfristig als Ersatz einspringen dürfen, natürlich nicht dauerhaft, sondern als Feuerwehr. Endlich hatte ich ein Anliegen. Ich dachte, dass es Kindern sicher etwas bringen würde, wenn mal ein Arbeitsloser, ein Biologieprofessor, ein Computerexperte oder ein Handwerker eine Stunde abhält, es wäre jedenfalls besser als gar keine Stunde. Dann würden in Deutschland weniger Stunden ausfallen. Ich habe betont, dass ich nicht etwa glaube, Lehrer seien beliebig ersetzbar, es handele sich eben um einen Notbehelf. Ich kenne eine Frau, die im Krankenhaus Schwerkranken, die niemanden haben, seelischen Beistand leistet. Vielleicht könnten ein Psychologe oder ein Seelsorger dies qualifizierter tun, aber es ist jedenfalls sehr viel besser als gar nichts.

Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung los, nein, es heißt ja heute »Tsunami der Entrüstung«. Ich glaube, ich habe noch nie etwas derart Provokantes gesagt. Bei mir stapeln sich die Briefe sehr aggressiv aufgelegter Lehrer, von weiteren Einsendungen bitte ich abzusehen.

Ein Lehrer schrieb: »Man kann keine Dilettanten auf die Schüler loslassen, die von Pädagogik keine Ahnung haben.« Ich habe ein Lehramtsstudium absolviert und unterrichtet, deshalb weiß ich zufällig, dass man am Ende eines solchen Studiums von Pädagogik auch keine Ahnung hat, man muss sich das leider selber beibringen.

Eine Lehrerin schrieb, dass die Schüler sich über Freistunden freuen, ich wolle den Schülern diese kleine Freude nehmen. Andere schrieben, dass man in den Zeitungen doch auch keine journalistischen Laien zu Wort kommen lässt. Dabei gibt es doch oft Gastbeiträge von Schriftstellern, Politikern oder Wissenschaftlern. Durchweg vertraten die wütenden Menschen die Ansicht, dass es zur Lösung der Bildungsprobleme nur einen einzigen denkbaren Weg gebe, dieser bestehe in weiteren Erhöhungen der staatlichen Etats. Alles andere sei moralisch fragwürdig.

In jeden Artikel zu diesem Thema schrieb ich, wie gesagt, hinein, dass Lehrer unersetzbar sind und dass es sich nur um einen Notersatz handeln kann, so, wie man bei einem Zimmerbrand ja auch selber schon mal mit den Löscharbeiten beginnt, statt auf die Feuerwehr zu warten, obwohl ein Feuerwehrmann diese Arbeit zweifellos kompetenter tun kann. Trotzdem stand in jedem einzelnen Brief, dass ich die Lehrer abschaffen will. Das hat mich total traurig gemacht. Deshalb gibt es Kriege – die Menschen hören einander nicht zu, sie wollen alles oder nichts. Schließen, meine Damen und Herren, möchte ich mit einem Zitat des Dichters Boris Vian: »Es hat tatsächlich den Anschein, dass die Massen im Unrecht sind und die Einzelnen immer recht haben. Es gibt nur zwei Dinge, die Liebe und die Musik von Duke Ellington. Alles Übrige mag verschwinden.«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio