Jagd auf Nashorn-HörnerAus dem Schaukasten gewildert

Eine gut organisierte Bande klaut in großem Stil Nashorn-Hörner aus deutschen Museen. Die Branche ist entsetzt. von Claudia Füßler

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Nashorn in Deutschland: Dieses Exemplar lebt im Berliner Zoo.  |  © John Macdougall/AFP/Getty Images

Der Ton in Norbert Niedernostheides E-Mail war ernst. »Seien Sie hiermit informiert und gewarnt«, schrieb der Sprecher der Fachgruppe Naturwissenschaftliche Museen am Montag vergangener Woche in einer Rundmail an seine Kollegen. In Deutschland greife der »Diebstahl von Nashorn-Gehörnen« um sich. »Es macht den Eindruck, als würde sehr professionell und gezielt vorgegangen.«

Da hatte es das Naturkundemuseum Bamberg , das Jagdmuseum Wulff im niedersächsischen Oerrel und das Zoologische Museum der Universität Hamburg bereits erwischt. In Letzterem wurden Anfang Juni gleich fünf Hörner entwendet. Museumschef Alexander Haas ist noch immer schockiert von der gut geplanten Tat: Die Diebe wussten offenbar genau, welche Tür sie öffnen mussten, um direkt bei jener Vitrine zu landen, in der vier echte Nashorn-Hörner und der Schädel eines Spitzmaulnashorns nebeneinander gezeigt wurden. »Wertvolle Originalstücke sind unwiederbringlich verloren«, klagt Haas. Eines der gestohlenen Hörner stammt zum Beispiel von einem Java-Nashorn, von dem es weltweit noch höchstens 50 Exemplare gibt. »So etwas können Sie nicht wieder neu beschaffen«, sagt der Hamburger Zoologe. Die Nachbildungen hingegen ließen die Diebe liegen.

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Wie gut organisiert die Bande ist, bewies die Reaktion auf Niedernostheides Alarmmail: Daraufhin meldeten sich Museen aus ganz Deutschland mit ähnlichen Fällen. So wurde bereits am 31. Dezember im Allwetterzoo Münster in die Ausstellung Verbotene Geschenke eingebrochen. Entwendet wurden neben Schlangenleder, Elfenbein und Leopardenfell auch hier: Nashorn-Hörner.

Nashorn-Zahlen

Afrikas Nashörner – das sind nach Schätzungen von Umweltschützern noch knapp 25.000 Tiere. Der Großteil davon sind Breitmaulnashörner, die in Südafrika leben. Die wesentlich selteneren Spitzmaulnashörner werden auf nur noch 4.880 geschätzt.

In Südafrika werden Nashörner zuverlässig erfasst und gewilderte Tiere dem Umweltministerium gemeldet. Die Regierung veröffentlicht aktuelle Zahlen. Auch Grundbesitzer, auf deren Land Nashörner leben, zählen ihre Tiere und melden Verluste.

In anderen afrikanischen Staaten ist das Nashorn-Monitoring ungenauer. "Gerade wegen der Wilderei sind viele Nashorn-Staaten gegen die öffentliche Bekanntgabe der Verluste, weil das aufzeigt, wo sich die Tiere befinden. Das könnte neue Wilderer anziehen", sagt Brit Reichelt-Zolho, Afrika-Referentin beim WWF.

Aus Namibia, Simbabwe oder Kenia sind keine sicheren Zahlen zum Vorkommen und zur Wilderei von Nashörnern zu bekommen. Umweltorganisationen sind in diesen Staaten auf Angaben eigener Mitarbeiter, Wissenschaftler und Behörden angewiesen.

Quellen: Traffic, IUCN, WWF, IFAW

Elefanten-Monitoring

Afrikanische Elefanten gibt es weitaus mehr als Nashörner. Ihr Bestand wird auf 470.000 bis 690.000 Tiere geschätzt. Dass diese Schätzungen so weit auseinander gehen, zeigt bereits: Es ist extrem schwierig, die über viele Kilometer wandernden Tiere zu erfassen. Sie leben in teils dichteren, teils versprenkelten Populationen im gesamten Subsahara-Gebiet bis hinein in die Sahara.

Eine weitere Schwierigkeit ist, dass sie in Nationalparks und Reservaten von unterschiedlichem Schutzstatus leben. Einige leben ganz außerhalb von Naturschutzgebieten. Auch über die Ländergrenzen hinweg haben es die Elefanten nicht leicht. Die Rechtssysteme in den afrikanischen Staaten sind grundverschieden, dazu kommen politische und finanzielle Schwierigkeiten, wie etwa in Simbabwe oder Angola.

All dies erschwert auch ihre Einstufung in der Roten Liste bedrohter Arten der IUCN. Derzeit wird der Afrikanische Elefant (Oxodonta africanaals) als gefährdet (vulnerable) geführt.

Die Staaten des Washingtoner Artenschutzübereinkommens CITES riefen 2006 ein Programm namens Mike (Monitoring of illegal Killing of Elephant) ins Leben, an dem sich Nationalparks in Afrika beteiligen, die ihre Wilderei-Zahlen melden. Bisher funktioniert das aber nur lückenhaft, da in vielen Staaten Wildhüter und Verwaltungspersonal fehlen.

Korruption erschwert die Strafverfolgung. Ein neuer Aktionsplan erfasst und beobachtet in Zentralafrika nun neben den getöteten Tieren auch die Anzahl gefasster und bestrafter Wilderer.

Schmuggel und Wilderei

Welche Arten und deren Produkte gehandelt werden dürfen, regeln die verschiedenen CITES-Anhänge. Hinzu kommen lokale Gesetze und Bestimmungen zur Einfuhr und zum Export von Tier- und Pflanzenprodukten.

Nashorn-Grafik
WWF Nashorn-Wilderei Afrika

Der WWF hat die Nashorn-Wilderei 2012 visualisiert. Klicken Sie auf das Bild, um das PDF zu laden.  |  © WWF

1976 gründeten die Weltnaturschutzunion IUCN und der WWF das Programm Traffic (Trade Records Analysis of Flora and Fauna in Commerce), das den Handel mit Wildtieren überwacht, Verstöße erfasst, Handelswege nachvollzieht und Maßnahmen entwickelt, Wilderei und Schmuggel einzudämmen.

Traffic betreibt die Monitoring-Plattform ETIS (Elephant Trade Information System) zur Elefanten-Wilderei und veröffentlicht Zahlen zur Jagd auf Nashörner.

Ebenso wurden Museen in Spanien, Portugal, England, Italien und Frankreich zu Opfern von Dieben. Laut dem Consortium of European Taxonomic Facilities (Cetaf), einem Netzwerk naturwissenschaftlicher Forschungssammlungen in ganz Europa, wurden seit Februar neun Einbrüche in Museen gemeldet, sieben davon in den vergangenen sechs Wochen. Und ein Museumsmitarbeiter aus Dortmund erinnerte sich nach Niedernostheides E-Mail plötzlich wieder an jenen merkwürdigen Anruf, den er vor einigen Wochen erhalten hatte: In gebrochenem Englisch erkundigte sich ein Mann danach, ob man sich in dem Museum vielleicht echte Nashorn-Hörner anschauen könne.

»In solchen Fällen müssen sofort die Alarmglocken schrillen«, sagt Johanna Eder , Vorsitzende der Deutschen Naturwissenschaftlichen Forschungssammlungen (DNFS) und Direktorin des Naturkundemuseums Stuttgart. Sie empfiehlt ihren Kollegen mittlerweile dringend, alle Nashorn-Originale aus den Schausammlungen zu entfernen. »Hier geht wissenschaftliches Erbe wegen Geldgier vor die Hunde, da müssen wir uns wehren«, sagt Eder. So sieht das auch Alexander Haas, der nun nicht mehr darüber sprechen möchte, ob das Hamburger Museum noch weitere Nashorn-Hörner besitzt. »Uns war bewusst, dass Nashorn-Hörner auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden«, sagt Haas, »aber nicht, dass der Preis derart in die Höhe geschossen ist, dass dafür Raubzüge veranstaltet werden.«

Tatsächlich gilt Mehl aus Nashornhorn als beliebtes Heilmittel in ostasiatischen Ländern. In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird dem Hornmehl eine fiebersenkende Wirkung zugeschrieben, außerdem soll es gegen Epilepsie, Malaria, Abszesse und Vergiftungen helfen. (Die Verwendung als Potenzmittel, die gern kolportiert wird, ist hingegen zweitrangig.)

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Verharmlosung von Straftaten. Danke, die Redaktion/se.

  2. Ein gestohlenes Horn, mit Arsen konserviert, für den Schwarzmarkt Asiatischer Wellnes/Heilsubstanzen in den Umlauf zu bringen ist auf Grund der tatsache daß Menschen daran zu Schaden kommen definitiv kein Kavaliersdelikt.

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