Warum Libyen und nicht Syrien? Gründe für den Eingriff gäbe es genug. Der Damaszener Diktator macht das Gleiche wie Gadhafi, nur effizienter und kaltblütiger. Assads Panzer machen platt , was sich zu regen wagt – wie zu Zeiten von Assad senior, der vor dreißig Jahren Hama buchstäblich ausradiert hatte. Wir kennen die Antwort. Syrien hat eine mächtige Armee; Moskau blockiert selbst eine Missbilligungs-Resolution; Iran hat geübte Straßenkämpfer nach Syrien verlegt; es wird seinen einzigen Verbündeten nicht fallen lassen und Hisbollah aufbieten.

Das heißt: Diese dynastische Diktatur ist gefährlicher als das Gadhafi-Regime. "Syrien", doziert der Kolumnist der Al-Arabiya, "könnte ein Strudel der Instabilität werden, der Nah- und Mittelost verschlingt." Wie gefährlich das Killer-Regime ist, demonstrierte Assad, als Horden von Palästinensern am Jahrestag des Sechstagekrieges die Grenze nach Israel zu stürmen versuchten – zum zweiten Mal.

Wer jemals auf den Golanhöhen war, weiß, dass es in diesem Niemandsland – Minenfelder, Panzerfallen, Stacheldraht auf beiden Seiten – keine "spontanen" Proteste gibt. Da hat Assad, assistiert von getreuen Palästinenser-Führern, bedenkenlos Menschen in den Minentod getrieben. Nicht, um den "Friedensprozess" zu beleben, sondern um an der ruhigsten Grenze in Nahost eine Botschaft zu versenden: "Wer gegen mich sät, wird den Sturm ernten." Washington und Jerusalem haben sie sehr wohl verstanden; deshalb ihre peinliche Zurückhaltung. Je mehr Assad in die Enge getrieben wird, desto aggressiver wird er agieren, um Israel in einen Krieg zu ziehen. Er könnte sogar "den Nasser machen", der nach der vernichtenden Niederlage von 1967 das eigene Volk sowie ganz Arabien hinter sich vereinen konnte.

Grundsätzlicher: Nach einem halben Jahr schält sich hinter dem Arabischen Frühling der Arabische Bürgerkrieg hervor: Libyen, Jemen, Bahrain, Syrien, vielleicht Jordanien, wo während eines Besuches von König Abdallah am Montag Straßenschlachten ausbrachen.

"Demokraten vs. Despoten" wird dem Arabischen Bürgerkrieg nicht ganz gerecht. Der Konflikt besteht zwischen Alawiten und Sunniten-Mehrheit in Syrien, östlichen und westlichen Stämmen in Libyen, zwischen den Clans des Jemen, den Schiiten und Sunniten-Herrschern in Bahrain, den Kopten und Muslimen in Ägypten, den Palästinensern von Fatah und denen von Hamas, die gerade, nach der "Versöhnung", den moderaten Salam Fajad als Premier verworfen hat.

In einem Bürgerkrieg zu intervenieren ist schwerer , als Tripolis zu bombardieren. Das Wörtchen "Friedensprozess" hat plötzlich, nach Jahrzehnten der Unterdrückung, eine neue Bedeutung erfahren. Gesucht: ein innerarabischer Friedens- und Versöhnungsprozess. Das Problem: Assad wird den zu verhindern suchen, so wie er und sein Vater jedes israelische Golan-Angebot (im Austausch für Frieden) abgewiesen haben. Es regiert der Machterhalt. Die Hoffnung: Die probaten Ablenkungsmanöver nutzen sich ab. Deshalb wurden in Tunis, Kairo, Bengasi, Sanaa und Manama keine israelischen und US-Flaggen verbrannt.