Als man schließlich zwischen avantgardistisch gekleideten jungen Menschen in einer maroden Fabrikhalle steht, muss man sich seiner Einfältigkeit wegen fast schämen. Hier in Łódź , wo die Trendsetter asymmetrisch geschnittene Trenchcoats tragen, wo sie Hosen anhaben, deren tief sitzender Schritt genau im richtigen Verhältnis zum eng gerafften Knöchelbund schlackert, kommt man sich in seiner eigenen faden Jeans jedenfalls ziemlich hausbacken vor.

»Fashion Week Poland«? Das wird was sein, hatte man gedacht. Hatte mit postkommunistischem Schick gerechnet, wie man ihn etwa aus Moskau kennt: Pumps, so hoch wie Konservendosen, gürtelbreite Röcke, blauer Lidschatten. Vor dem geistigen Auge waren falsche Blondinen mit wogenden Hüften aufmarschiert, die in wild bedruckten Stoffen martialisch posieren. Dass in Łódź zeitgemäße Mode produziert wird, dass Fashionistas aus ganz Polen (zum Teil auch von weiter her) in die Metropole mit den knapp 800.000 Einwohnern reisen, um die neuesten Schnitte, Stoffe, Accessoires mit ihren eigenen stilbewussten Looks abzugleichen, das hätte man nicht gedacht.

Dabei macht sich Łódź perfekt als Kulisse für die Modewelt. Schon die Eröffnungsschau der Fashion Week findet in einer ehemaligen Tuchfabrik aus dem 19. Jahrhundert statt, die man unlängst in ein nobles Designhotel umgebaut hat: Jetzt steht modernes Lounge-Mobiliar im Sixties-Stil zwischen Stahlträgern und unverputzten Ziegelmauern. Im »Ballsaal« präsentiert ein bulgarisches Designerduo namens »On Aura Tout Vu« glamouröse Kreationen aus Strass, Spitze und Angora. Lady Gaga, bekennender Fan der Modeschöpfer, soll davon so begeistert gewesen sein, dass sie die gesamte Kollektion gekauft hat.

Die Bürgermeisterin von Łódź beäugt unterdessen sichtlich verunsichert ein goldenes Kunststoffkleid, das an Plastiktischdecken vom Import-Export-Laden erinnert. Hinterher wird sie mit angespanntem Lächeln die Hände diverser Paradiesvögel schütteln und dabei ihr Abend-Handtäschchen – einer großen roten Satinrose nachempfunden – schüchtern hinter dem linken Bein verschwinden lassen. Offenbar hatte auch die Bürgermeisterin mit deutlich weniger Avantgarde gerechnet.

Am nächsten Morgen sollen ein ortsfremder Busfahrer und ein kurzfristig eingesprungener Reiseführer die geladene internationale Presse zu den Fashion-Shows kutschieren. Was als fünfminütiger Transfer angekündigt war, entwickelt sich jedoch zu einer ausgedehnten Stadtrundfahrt wider Willen mit abrupten Kehrtwendungen zwischen alten Industrieanlagen. Davon gibt es in Łódź, das sich vor 200 Jahren von einer kleinen Siedlung zum Zentrum der Textilindustrie entwickelte, jede Menge. In Windeseile schossen hier die Fabrikschlote aus dem Boden; die gigantischen Ziegelbau-Komplexe, in denen Webereien, Bleichereien, Spinnereien untergebracht waren, und die dazugehörigen Arbeitersiedlungen prägen noch heute das Stadtbild – zusammen mit den ehemaligen Prachtresidenzen millionenschwerer Textil-Mogule.

Die Gelegenheit, einen dieser Paläste zu besichtigen, ergibt sich dann eher spontan: Auf unserer Irrfahrt landen wir versehentlich bei einem Fotofestival in der Willa Grohmana, einst Residenz eines deutschen Textilfabrikanten. Klassizistische Säulen, opulente Stuckverzierungen und Wandvertäfelungen beschwören den Glanz der Gründerzeit herauf, als im »Manchester des Ostens« polnische, russische und deutsche Industrielle mit Stoffen ein Vermögen erwirtschafteten. Heute befindet sich all das in einem äußerst effektvoll heruntergekommenen Zustand. Umgeben von bröckelndem Putz und splitternden Fußleisten, zeigen internationale Künstler Fotografien und Science-Fiction-Filme, in denen sich Frauen fingergroße Balken unter die Gesichtshaut transplantieren lassen, aus modischen Gründen.

Männer tragen Handtaschen von kurzurlaubtauglicher Größe spazieren

Apropos Mode: Eben hat der Reiseführer in der Ferne hinter einer Baumgruppe einen gelben Fummel aufblitzen sehen. Und tatsächlich – nur wenige Hundert Meter von Grohmans Villa entfernt strömen junge Menschen auf ein ausgedientes Fabrikgelände zu. Zurück zur Fashion Week also, hier muss sie sein. In der Schlange vorm Eingang stehen männliche Bohemiens im New-Wave-Look neben akkurat frisierten James-Dean-Wiedergängern. Wer hätte gedacht, dass sich Achtziger- und Fünfziger-Jahre-Outfits so harmonisch zusammenfügen? Ein Dandy in Röhrenhosen trägt eine Handtasche von kurzurlaubtauglicher Größe spazieren. Überhaupt sind es erstaunlicherweise vor allem Männer, die in Łódź ihr Faible für freakige Looks ausleben: hier ein Typ mit Goldanzug und gelb gekleidetem Schoßhund, dort ein Exzentriker mit silbernem Haarreif, Plateaustiefeletten und androgynem Spitzentop – der eine ist, wie sich später herausstellt, der Chefredakteur des Magazins Fashion Insider, der andere Dawid Tomaszewski, ein gefragter Jungdesigner , dessen Kollektion zuletzt auf der Fashion Week in Berlin gefeiert wurde.