Die Journalistin und Buchautorin Katja Kullmann (Archivbild) © Hermann Wöstmann / dpa

ZEITmagazin: Frau Kullmann, 2002 waren Sie Bestsellerautorin, 2008 Hartz-IV-Empfängerin. Wie verlief der Absturz ins Prekariat?

Katja Kullmann: Das ging langsam. Ich war als junge Journalistin in der New Economy bei einem Wirtschaftsmagazin tätig und habe 2001 gekündigt. Meine erste Amtshandlung als Freie war, ein Buch zu schreiben, mit ganz kleinem Vorschuss. »Generation Ally« wurde ein Bestseller, und ich hatte auf einen Schlag sehr viel Geld.

ZEITmagazin: Was haben Sie mit dem Geld gemacht?

Kullmann: Ich habe es ganz ordentlich auf ein Sparkonto gelegt für schlechtere Zeiten und beschloss, frei zu bleiben. Im Grunde habe ich mir sieben Jahre lang die Freiberuflichkeit finanziert und es mir erlaubt, sehr wählerisch zu sein.

ZEITmagazin: Haben Sie sich keinen Luxus geleistet?

Kullmann: Ich habe in Berlin in einer Charlottenburger Drei-Zimmer-Altbauwohnung mit Fischgrätparkett und Flügeltüren gelebt. Ich stand auf dieses hochgradig bourgeoise Ambiente.

ZEITmagazin: Was ist so schlecht an bourgeoisem Leben?

Kullmann: Gar nichts, nur dass ich es mir als Hartz-IV-Empfängerin nicht mehr leisten konnte. Die Existenzangst, die mich dann überfiel, hat sehr viel mit meiner Herkunft zu tun.

ZEITmagazin: Wie meinen Sie das?

Kullmann: Meine Eltern sind einfache Kaufleute. Ich bin in einem Reihenhaus aufgewachsen. Mit Prominenten Interviews führen, in großen Städten in teuren Hotelzimmern sitzen, das ist eine sehr andere Welt als die, aus der ich komme. Ich denke, es ging vielen gut ausgebildeten Mittelschichtskindern so: dass sie ihre Möglichkeiten in den nuller Jahren grandios überschätzt haben.

ZEITmagazin: Haben Sie sich als Hochstaplerin gefühlt?

Kullmann: Nicht, solange es gut lief. Als der freie Journalismus zur mies bezahlten Tagelöhnerei wurde, habe ich versucht, wenigstens die Fassade der glücklichen, kreativen Freelancerin zu wahren. Eine unglaubliche Verdrängungsleistung.