Sixtinische KapelleEin Abend mit Michelangelo

Am schönsten ist die Sixtinische Kapelle in Rom, wenn die Massen verschwunden sind – eine Führung nach Toresschluss. von Karin Ceballos Betancur

An der Decke Adam und sein Schöpfer (oben, Mitte) – die berühmtesten Zeigefinger der Welt

An der Decke Adam und sein Schöpfer (oben, Mitte) – die berühmtesten Zeigefinger der Welt  |  © Franco Origlia/Getty Images

Hinter dem steinernen Rücken Laokoons, der sich im Cortile Ottagono im Todeskampf windet, hinter der Galerie der Teppiche und der Galerie der Landkarten, wenn dem Besucher längst der Kopf von Marmor, Gold und Mosaiken schwindelt, ihm die Augen vor Fresken, Vasen und Statuen übergehen, kurz vor dem Ausgang der Vatikanischen Museen führt ein schmaler Gang in ein unscheinbares Treppenhaus. Ein paar Stufen abwärts, dann steht man vor der Tür, die weniger wuchtig ist, als man sie sich vorgestellt hat.

Mehr als viereinhalb Millionen Rom-Touristen stehen Jahr für Jahr noch mehr Millionen Stunden Schlange – früh am Morgen und bis zum Abend, im kalten Wind, im Regen und unter sengender Sonne –, um das Museum zu besuchen. Und den meisten von ihnen geht es dabei um das, was sich hinter dieser Tür verbirgt: den Superlativ der Malerei, die Sixtinische Kapelle mit ihren Fresken von Michelangelo , Botticelli , Perugino. Das Heiligtum der Renaissance. Was die Guides in den Straßen nicht davon abhält, den Besuch mit einer Beharrlichkeit anzupreisen, wie man es sonst nur von Türstehern vor Striplokalen kennt.

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Vatikan: Museen

Ein normales Eintrittsticket ohne Tour kostet 15 Euro; unter http://mv.vatican.va kann man Tickets vorbestellen, um die Wartezeit am Eingang zu verkürzen

VIP-Touren

Die exklusive »Vatican After Hours«-Tour kostet 275 Euro pro Person und dauert etwa zwei Stunden. Alle Termine für 2011 sind im Internet unter www.italywithus.com zu finden. Es empfiehlt sich, rechtzeitig zu reservieren, Tel. 0039-06/39723051.

Eine kostengünstige Alternative ist die VIP-Tour für 50 Euro, die morgens um 8 Uhr, eine Stunde vor Beginn der regulären Öffnungszeit, anfängt. Allerdings müssen sich die Besucher das Museum mit anderen geführten Gruppen teilen

Wer sich all das ersparen möchte, den Lärm, die Schlangen, das Gedränge, der wendet sich zur Agentur Italy With Us, wenige Hundert Meter vom Museumseingang entfernt. Neben den Markisen an der Via Vespasiano 16 hängt eine enorme irische Fahne von der Fassade, die dem kleinen Sternenbanner an ihrer Seite die Show stiehlt. Helen Donegan sagt, sie habe keine Ahnung, wie lange sie schon nicht mehr in Belfast lebe, nach 35 Jahren in Italien habe sie aufgehört zu zählen. In Perugia hat sie früher Italienern Englisch beigebracht, später für Amerikaner Touren an den Lago Maggiore, in die Toskana und nach Rom organisiert.

Und eines Abends, als sich hinter ihrer Gruppe die Pforten der Vatikanischen Museen nach Betriebsschluss noch einmal für eine kleine Gesellschaft öffneten – womöglich Broker von der Wall Street oder Konzernmanager auf VIP-Besuch –, fragte eine Frau aus Helens Gruppe: »Warum kann man dieses Museum eigentlich nicht auch als normaler Mensch mal einen Abend lang für sich allein haben?«

Wie es ihr gelungen ist, dem strengen Vatikan die Genehmigung für ihre Sondertouren abzutrotzen, darüber spricht Helen nur in vagen Schleifen, die um persönliche Kontakte, irische Sturheit und den italienischen Hang zum Chaos kreisen. Geschafft hat sie es jedenfalls, als Pionierin. Inzwischen bieten zwar auch andere Veranstalter ihren Kunden die Exklusivtour an, sagt Helen, aber sie sei mit rund 140 Abenden im Jahr Marktführerin.

Dass sie sich keine Sorgen darüber macht, diesen Status zu verlieren, liegt am vergleichsweise hohen Risiko, das die Veranstalter tragen: Die Abende müssen beim Vatikan ein Jahr im Voraus verbindlich gebucht werden, für eine vierstellige Summe, die Helen nicht genauer beziffern will. Der Preis gilt für zehn Besucher. Wenn sich nicht genügend Leute für die Tour anmelden, bleibt der Veranstalter auf den Kosten sitzen. Und nicht jeder Tourist hat für den exklusiven Abend im Museum satte 275 Euro übrig.

Helen Donegan kann reden – sie kann es mit heller Stimme und mädchenhaftem Augenaufschlag aus 165 Zentimetern Höhe, wenn sie im Restaurant an der Ecke einen groß gewachsenen Römer um einen Tisch bittet. Mit Nachdruck, wenn sie mit ihrem Partner Adrian beim Essen das nächste Tourprogramm bespricht. Mit gehobener Lautstärke, wenn das Handy klingelt, was es den ganzen Tag über tut. Helen Donegan rudert mit Worten durch die Hektik des Nachmittags wie ein Schwimmer auf rauer See. Nur wenn sie von der Sixtinischen Kapelle spricht, überkommt sie Ruhe, die einer Erleuchtung gleicht. Den Raum den Touristen möglichst menschenleer zu präsentieren ist so etwas wie Helens Mission. »Die Kapelle ist einfach unfassbar schön«, sagt sie. »Aber am schönsten ist sie, wenn du sie nicht mit Hunderten anderen Touristen teilen musst, ein unglaubliches Erlebnis – du wirst sehen.«

Am Fuß der hohen Mauern, die den Vatikan umgeben, lehnen abends junge Menschen am warmen Stein, halten ihre Gesichter in die letzten Sonnenstrahlen des Tages. 30 Gäste haben sich für die »Vatican After Hours«-Tour angemeldet, verteilt auf drei Gruppen mit jeweils eigenem Guide. In der Eingangshalle hinter den Sicherheitskontrollen schiebt ein Mann einen Putzeimer mit Wisch mopp in Richtung Aufzug. Die Souvenirstände liegen verwaist. An einem Tresen entwirren zwei Angestellte die Kopfhörerschnüre der Audio-Geräte.

Wir folgen den Guides über Marmortreppen und Bodenmosaiken und fühlen uns dabei wie die ungeladenen Gäste eines royalen Empfangs. Das Schnalzen unserer Sandalen hallt unanständig wider von den Bogendecken, die geschmückt sind mit Putten und Päpsten. Die Vatikanischen Museen sind ein Irrgarten aus Ausstellungen, Bibliotheken, Sammlungen und Galerien, verteilt auf etliche Gebäudetrakte. Im Cortile Ottagono, dem Innenhof des Belvedere-Palasts, jagen Möwen am Himmel, während uns Jay, ein Kenner der Kunstgeschichte und ehemaliger Theologiestudent aus den USA, über die antiken Skulpturen in den Nischen ringsherum aufklärt, auf die Finessen ihrer Beschaffenheit hinweist. Ein Vortrag, von dem man sich auch ganz zwanglos entfernen kann, um dem marmornen Apollo von Belvedere zu begegnen, aus nächster Nähe und ganz für sich allein.

Leserkommentare
  1. Sehr schön geschrieben.

    Den vorletzten Satz verstehe ich nur nicht so richtig, mit den Brad Pitt.

    Ich habe mir schon die Kronjuwelen angeschaut, und die Mona Lisa, aber son gedränge war da nicht.

    2 Leserempfehlungen
    • habe8
    • 28. Juni 2011 21:35 Uhr

    @ champ2001. Was den Inhalt meiner Überschrift betrifft: In diesem Punkt sind wir uns einig.
    Wieso Sie den Spaß mit Bad Pritt nicht verstehen, ist mir nicht verständlich. Ich vermute die Autorin meint, wenn ein so schöner Brunnen in Rom - wie der in den man sehnsüchtig Münzen wirft - von unzähligen Frauen umlagert ist, ruft man auf eine Gasse zeigend den Namen eines berühmten Filmstars, dann stürzen sich die herum lungernden Damen alle in die Gasse und man kann ganz in Ruhe seinen Cents in den Brunnen werfen.
    Ich hoffe, Sie haben das nun verstanden ( Na ja okay. Vielleicht ist Bad Pritt nicht der richtige Mann, er ist ja Jolie Angela verheiratet. Vielleicht hätte die Autorin besser George Banski genannt, der mehrfach als "sexiest man" ausgezeichnete amerikanische Mieme, soll sich ja von seiner italienischen Model-Partnerin getrennt haben und ist wieder zu haben. )

    Mit den Kronjuwelen meinen Sie sicherlich die Stefanskrone, die ist aber in Budapest und nicht in Rom. Und die Mona Lisa wird in der Galerie Lafayette in London ausgestellt - auch nicht Rom.
    Außerdem - lieber Mitkommentator - ein freundlicher Rat von mir: Wenn sie nicht wissen, was Sie schreiben, sollten Sie es lieber lassen. Danke.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es ist schon richtig, dass die Mona Lisa (auch Gioconda genannt) nicht in Rom zu sehen ist, jedoch auch nicht in der "Galerie Lafayette in London " sondern in Louvre ausgestellt (Paris).

    Was die berühmte Kronjuwelen betrifft, da dürfte @champ2001 an die Kronjuwelen der englischen Könige gedacht haben, zu sehen in "Tower of London."

    Warum muß ich jetzt eigentlich an Wilhelm Bendow denken?

  2. Es ist schon richtig, dass die Mona Lisa (auch Gioconda genannt) nicht in Rom zu sehen ist, jedoch auch nicht in der "Galerie Lafayette in London " sondern in Louvre ausgestellt (Paris).

    Was die berühmte Kronjuwelen betrifft, da dürfte @champ2001 an die Kronjuwelen der englischen Könige gedacht haben, zu sehen in "Tower of London."

    Eine Leserempfehlung
    • habe8
    • 28. Juni 2011 22:07 Uhr

    @Thmasius - Ich habe die leise Kritik Ihres Beitrags verstanden und werde mich bemühen, den Rat, den ich champ2001 gegeben habe, erst mal selbst berücksichtigen, bei meinem nächsten Kommentar - wenn ich wieder nüchtern bin.

  3. Ich weiß nun nicht on ich Blau anlaufen soll, oder Rot.
    Ich danke für die, Aufklärung.

    Ihr und euer Wissen bringt mich an die grenze meines schlecht auspesrochenen, ver´lob`ungs Effektes.

    Drei Kommentare wie ein Leckerbissen.

    Danke, geneigt gesagt/geschrieben.

  4. ... gibt's meines Wissens außerhalb Frankreichs nur noch in Berlin und in Dubai.

  5. Warum muß ich jetzt eigentlich an Wilhelm Bendow denken?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • habe8
    • 29. Juni 2011 23:46 Uhr

    werter llechwedd: Wie haben Sie denn herausgefunden, dass mein Schwips gestern (@2) durch "Einbecker Bier" verursacht wurde?
    http://www.steffi-line.de...

    • habe8
    • 29. Juni 2011 23:46 Uhr

    werter llechwedd: Wie haben Sie denn herausgefunden, dass mein Schwips gestern (@2) durch "Einbecker Bier" verursacht wurde?
    http://www.steffi-line.de...

    Antwort auf "Habt acht!"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich mußte nur beim Lesen Ihres betüterten Kommentars an einen Satz aus Bendows Rennbahn-Sketch denken, auf den der Angesprochene mit der Frage, ob ihn der andere eventuell zurücknehmen würde, reagierte ...

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  • Schlagworte Brad Pitt | Jesus | Apollo | Galerie | Museum | Italien
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