Dies also ist der Ort, an dem Sachsens Regierung gleich um die Wirtschaftskraft des Landes kämpfen will: die Autobahnraststätte Vogtland Süd an der A72, eine Bratwurst mit Brötchen gibt es hier für zweiachtzig. Im Raum hocken kauende Bauarbeiter und Monteure, die müde auf ihr Schnitzel stieren. Doch plötzlich an diesem späten Nachmittag ist es vorbei mit der Feierabendruhe. Tische werden zu einer Tafel zusammengeschoben, Kuchengabeln klirren. Männer in schwarzen Anzügen eilen durch die Raststätte, begleitet von hübschen Damen mit Sachsenfähnchen. Pressefotografen polieren ihre Objektive. Was jetzt kommt, muss wichtig sein.

Dann ist es soweit, der Stargast trifft auf einem Silbertablett ein: die sächsische Eierschecke! Später kommt auch noch Sven Morlok (FDP). Der Wirtschaftsminister hat zum ersten sächsischen » Pendlerstammtisch « geladen. Es ist der Versuch, mit Kaffee und Kuchen und guten Worten den Arbeitsmarkt zu retten.

Die Aktion ist Teil einer großen Rückhol-Initiative: Sachsen, die anderswo arbeiten, sollen sich wieder einen Job in der Heimat suchen. Laut Staatsregierung gibt es hier etwa 15.000 offene Stellen für Fachkräfte. Arbeiter würden vor allem in der Automobilindustrie, der Solarbranche und im Maschinenbau gesucht. Doch auch in Gesundheits- und Pflegeberufen seien gut ausgebildete Leute begehrt, sagt Morlok. »Wer eine gute Ausbildung hat, der ist in Sachsen so gefragt wie noch nie seit der Wende.« Da wird jeder gebraucht. Das gilt vor allem auch für die 130.000 sächsischen Pendler.

Deshalb will der Minister direkt hier an der Autobahn mit dem fahrenden Arbeitsvolk sprechen. Die Aktion in der vorletzten Woche war tagelang so ausgiebig im Radio und in Zeitungen beworben worden, als erwarte man einen Milliardär, der gleich vor Ort Jobs verteile.

Trotzdem ist nur eine Handvoll Pendler gekommen, man hat sie an der Kaffeetafel drapiert. Etwa viermal so viele Journalisten und Regierungsmitarbeiter umringen sie. Eben, als Morlok eingetroffen ist, haben die hübschen Damen in Grün-Weiß ihre Fähnchen geschwenkt und mit Kuchenstücken für Fotografen posiert: ein Häppchen für die eine Zeitung, ein Häppchen für eine weitere. Das gibt gute Bilder.

Neben dem Minister sitzt Uwe Spatzier aus Glauchau. Spatzier hat graumeliertes Haar und trägt eine Brille, er ist gelernter Bautischler. Ende der neunziger Jahre verlor er seinen Job. »Danach habe ich Autos fürs Verkehrsamt gezählt, Äpfel gepflückt, an einer Supermarktkasse gesessen«, sagt der 45-Jährige. Er ließ sich zum Industriemechaniker umschulen. Eine Stelle in seiner Heimat fand er trotzdem nicht. Also heuerte er bei einer Zeitarbeitsfirma an. Die entlieh ihn nach Regensburg. Spatzier wurde Pendler.

Seine Frau blieb mit den beiden Söhnen in Glauchau bei ihrer Arbeitsstelle und ihrem Haus. »Am Anfang habe ich abends ganz traurig in meinem Zimmer in Regensburg gesessen, wie ein begossener Pudel«, sagt Spatzier. »Dann habe ich mich dran gewöhnt.«

Zerrissene Familien wie diese solle es bald weniger geben, verkündet die Staatsregierung. Die Rückhol-Initiative ist eines ihrer zentralen Vorhaben. Bald schon sollen mobile Teams auf Bahnhöfen und an Autobahnraststätten gezielt Pendler ansprechen und sie über freie Stellen in der Heimat informieren. Das Ganze kommt vergleichsweise spät. Sachsen ist neben Brandenburg das letzte Bundesland im Osten ohne ein Programm und eine Agentur eigens für Rückkehrer.

Knäckebrot und Zeitungen aus der Region sollen Heimatgefühl erzeugen

Andere Länder experimentierten auch schon länger mit Werbeaktionen: Sachsen-Anhalt verschickte »Heimatschachteln« mit Skatblatt, Knäckebrot und Zeitungsabo aus der Region; Mecklenburg-Vorpommern verteilte »Pendlertaschen« mit Stellenanzeigen und Informationen für Exilanten. In Sachsen existieren bisher vereinzelte regionale Stellenbörsen wie » Sachse komm zurück « von der Industrie- und Handelskammer (IHK) oder » ProfiSachs « von der Unternehmensberatung RKW Sachsen. Die leisten jedoch keine tiefer gehende Unterstützung beim Fußfassen in der neuen alten Heimat.