1. Sonnensegler

Bertrand Piccard hat ein Flugzeug bauen lassen. Keinen Jet, keine gewöhnliche Propellermaschine, das hätte man auch kaum erwartet bei einem Mann, der ein Enkel des Ballonfahrers Auguste und Sohn des Tiefseeforschers Jacques Piccard ist. Nein, Piccards Flugzeug wird von 12.000 Solarzellen auf dem Rumpf und auf den Flügeln angetrieben. Im Mai 2011 unternahm die Solar Impulse den ersten internationalen Solarflug : von Bern nach Brüssel.

Piccard, Nachfahre großer Abenteurer, möchte das Flugreisen vor seinem sicheren Ende retten. Der Treibstoff Kerosin könnte in Zukunft unbezahlbar werden, und schon heute zerstören die Abgase moderner Linienmaschinen den Planeten. Wer nach Amerika fliegt und zurück, überschreitet damit bereits sein klimaverträgliches Jahresbudget von drei Tonnen Kohlendioxid.

Bisher allerdings ist der Piccardsche Sonnenflieger so weit vom praktischen Luftverkehrseinsatz entfernt wie der erste Doppeldecker der Gebrüder Wright im Jahr 1903: Nur ein einziger Mensch passt an Bord. Das Gerät hat zwar die enorme Spannweite eines Airbus 340, aber die Solarzellen sammeln gerade genug Energie, um vier kleine 10-PS-Propellermotoren anzutreiben.

Kein Mensch hat seriöse Prognosen darüber, ob es wirklich eines Tages Solar-Linienflugzeuge geben wird, wie sie aussehen werden, welche Techniken darin zum Einsatz kommen, ob sie noch Ähnlichkeiten haben mit der Solar Impulse . Vielleicht sind die Fluggeräte der Zukunft wieder so etwas wie Zeppeline ? Vielleicht werden sie am Ende gar nicht von Solarkraft angetrieben, sondern von zuvor aufgeladenen, hochgradig leistungsfähigen Batterien?

Das ist Stoff für Designstudien an Forschungseinrichtungen, Stoff auch für Science-Fiction-Romane , doch in der Zwischenzeit bleibt alles beim Alten. Flugzeuge werden noch sehr lange mit Kerosin fliegen. Damit das trotzdem bezahlbar bleibt und halbwegs umweltschonend abläuft, werden wir eine Menge von Veränderungen in kleinen Schritten sehen. Eine Hoffnung lautet, dass man das Kerosin zunehmend aus Biomasse gewinnen kann. Die Lufthansa testet das demnächst im Linienverkehr: Auf der Strecke Hamburg-Frankfurt wird ab Jahresende 2011 eines der beiden Triebwerke eines Airbus 321 mit 50 Prozent Kompost-Kerosin betankt.

Neue Triebwerkskonstruktionen, leichtere Werkstoffe, bessere Routenplanung, abgesenkte Reisegeschwindigkeiten, neue Aerodynamik, eine höhere Auslastung der Flugzeuge – mit solchen stetigen, unspektakulären Verbesserungen lässt sich aus der alten Technik einiges rausholen. Eine Expertenkommission bei der EU hält es für möglich – und fordert –, dass 2050 ein Flugzeug pro Person und geflogenen Kilometer drei Viertel weniger Kohlendioxid erzeugen soll als die modernsten Flugzeuge des Jahres 2000. Und alle Flugzeuge sollen komplett recycelbar sein. Bis die Sonnensegler übernehmen – vielleicht, eines Tages. Dirk Asendorpf

Wunderpflanzen

2. Wunderpflanzen

Es gibt sie schon, die Wunderpflanze. Sie kann Menschen vor Blindheit bewahren, vor Mangelernährung, vor dem Hungertod. Golden Rice heißt sie, der Name ist im eigentlichen wie im übertragenen Sinn treffend. Die Reiskörner sind gelb, denn die Pflanze produziert Carotin, das lebensnotwendige Provitamin A. An Vitamin-A-Mangel sterben täglich weltweit 6.000 Menschen. 250 Millionen Vorschulkinder leiden unter der Mangelernährung, 250.000 Kinder pro Jahr erblinden, die Hälfte von ihnen stirbt ein gutes Jahr später.

Doch der rettende Reis hat ein Akzeptanzproblem. Die Menschen in den Entwicklungsländern sind strahlend weiße Körner gewohnt, gelben trauen sie nicht so recht. Vor allem aber ist Golden Rice eine gentechnisch veränderte Pflanze. Seine segensreiche Eigenschaft hat ihm der heute emeritierte Schweizer Professor Ingo Potrykus eingebaut. Darum wird die Pflanze von Gentechnik -Kritikern bekämpft, die auch in Ländern wie China und Indien an Einfluss gewinnen. Das Argument dort: Warum sollten Menschen in Entwicklungsländern essen, was die Deutschen mehrheitlich nicht auf dem Teller haben wollen – Gen-Food?

Die Befürworter sagen: Grüne Gentechnik ist die große Hoffnung für unseren Planeten. In den Labors ist eine neue Generation von Pflanzen herangewachsen, die der Dürre widersteht oder wertvolle Nähr-, Roh- und Arzneistoffe liefert. Die Pflanzen können nur nicht raus ins freie Feld, das wurde verhindert, und viel davon hat damit zu tun, dass die Vorteile der ersten kommerziell angebauten Genpflanzen nur den Landwirten erkennbar waren – weniger Unkraut- und Schädlingsbekämpfung. Der Konsument sah dagegen nur Risiken: Felder mit gewaltigen Monokulturen, Quasimonopole bei den Herstellern, unklare Gesundheitsrisiken. Der fehlende Fortschritt auf dem Feld verstellt den Kritikern bis heute den Blick auf die Fortschritte in den Versuchs-Gewächshäusern, wo viele Risiken inzwischen methodisch ausgeschlossen wurden.

So wird der nächste große Durchbruch eine neue Wunderpflanze sein: die Gentechnik-Akzeptanzpflanze. Ein Gewächs, das die Vorzüge der neuen Technik über jeden Zweifel erhaben demonstrieren kann, das Kritik an der grünen Gentechnik entkräftet und ein Umdenken möglich macht. Und Inge Broer, eine Agriobiotechnologin an der Universität Rostock, hat bereits eine recht konkrete Vorstellung von dieser Wunderpflanze: Eine Erbse soll es sein.

Erbsen sind in der agrarischen Fruchtfolge äußerst wertvoll, die Pflanzen binden Stickstoff aus der Luft und verbessern so als natürlicher Dünger die Bodenqualität . Doch dies sind keine guten Zeiten für Erbsen. Als Nahrungsmittel haben sie drastisch an Bedeutung verloren, und ihr Anbau ist so aufwendig, dass Bauern und Züchter die Finger davon lassen.

Dies würde sich aber ändern, wenn man zusätzliche Wertstoffe aus der Erbse gewinnen könnte. Mit ein paar veränderten Genen kann man Erbsen züchten, die Polyaspartat enthalten. Das ist ein Stoff, der bisher aus Rohöl gewonnene synthetische Polymere in Waschpulver, Betonmischungen oder Farben ersetzen könnte. In Erbsen können Gentechniker auch die natürliche Aminosäure Arginin erzeugen, daraus lässt sich Nylon herstellen – oder Schweinefutter.

Sprich: Inge Broers Erbse soll ein pflanzlicher Ökodünger sein, der sich bestens in die Fruchtfolge einfügt und nachhaltig wertvolle Rohstoffe liefert. Ein kleiner grüner runder Sympathieträger, Botschafter einer Zeit der gentechnischen Wunder. Andreas Sentker

Powerzwerge

3. Powerzwerge

Die Baupläne für manche Wundermaschinen liegen längst in den Schubladen ihrer Entwickler: Elektromobile , Elektrobusse und Elektroflugzeuge. Smartphones der überübernächsten Generation, die nur noch wie ein hauchdünnes Plättchen anmuten, oder die sich gar – wenn sie erst aus biegsamen Materialien gefertigt werden können – wie Armbänder um unsere Handgelenke schmiegen.

Doch den Wundermaschinen fehlt bislang die wesentliche Zutat: genügend Strom für unterwegs . Weltweit fahnden Techniker nach der ultraleichten, unbegrenzt haltbaren, ungiftigen, kostengünstigen und unendlich oft wiederaufladbaren Batterie , die zugleich so klein ist, dass sie in den neuartigen Geräten Platz findet. Powerzwerge.

Doch der Fortschritt ist mühsam. Bisher sind Batterien noch viel zu groß und schwer, und wenn man sie kleiner macht, können sie nicht ausreichend viel Strom speichern. Während ein alter Bleiakku für die Speicherung einer Kilowattstunde über 30 Kilo wog, bringt ein moderner Lithium-Ionen-Akku gleicher Kapazität bloß noch fünf Kilo auf die Waage. Das ist aber immer noch zu viel und außerdem zu teuer.

Die Akku-Herstellung ist aufwendig, und beim Umwandeln von Strom in chemische Stoffe geht ein Zehntel bis ein Drittel der Energie verloren . Bisher können Batterien elektrischen Strom deshalb nur zu Kosten speichern, die um ein Vielfaches höher sind als der Preis seiner Erzeugung – egal, ob der nun von einem Kohlekraftwerk oder aus dem Windpark stammt.

Kommt jetzt Bewegung in die Sache? "Mit der Massenfertigung von Elektroautos wird jetzt der nötige Marktdruck entstehen, um die Technologie noch einmal stark voranzubringen", hofft Marco Voigt, Mitautor einer Studie über die Zukunft der Batterie, die das Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hat. In den eineinhalb Jahren seit ihrer Veröffentlichung sei der Herstellungspreis eines mobilen Lithium-Ionen-Akku-Systems bereits um fast die Hälfte gefallen. Das weckt Hoffnung auf weitere Fortschritte.

Doch mit dem Wunder-Akku für alle Zwecke ist nicht zu rechnen. Stattdessen erwarten die meisten Experten einen Batterien-Zoo, so vielfältig wie der Einsatz. Abnutzungsfreie Doppelschichtkondensatoren für die Mikroelektronik (klein und schnell ladend), Polymer-Akkus für Fahrzeuge (stark), sogenannte Flow-Batterien mit flüssigem Elektrolyt in zwei Tanks für Polarstationen (ausdauernd).

Trotzdem: Was heute jeden iPhone-Benutzer nervt, wird wohl auch für künftige Technologien gelten: Die Akkus halten nicht ewig und werden schwächer. Deshalb überlegen Techniker häufiger, wo anstelle eines Stromspeichers eine Stromquelle eingebaut werden kann. Piezoelektrische Elemente nutzen – ähnlich denen in der alten Automatikuhr –, die ruckartigen Bewegungen des Arms zur Stromerzeugung. Durchsichtige Solarzellen machen Geräteschalen zu Minikraftwerken, medizinische Sensoren gewinnen ihre Antriebsenergie aus Blutzucker, und tragbare Computer werden mit einem Gläschen Methanol aufgeladen. Super: ganz ohne Batterie. Dirk Asendorpf

Alchemie

4. Alchemie

In einem Industriegebiet am Rande von Antwerpen, acht Kilometer von der Innenstadt entfernt, ragen die Türme einer gigantischen Metallhütte in den Himmel. Ein System aus Rohren und Förderbändern verbindet Hochöfen, Lagerhallen und Hexenkessel, in denen ätzende Chemikalien blubbern. Als hätte jemand einen Chemiebaukasten aufgebaut und zu gewaltigen Dimensionen aufgeblasen.

Das Hüttenwerk der Firma Umicore gewinnt hier Gold und Platin, Blei und Kupfer sowie eine Reihe heiß begehrter Technologiemetalle mit Namen wie Lithium und Selen. Es schmilzt diese Stoffe aber nicht aus Minenerzen, wie es anderswo üblich ist, sondern aus Elektroschrott. Lastwagen fahren vor und kippen haufenweise alte Handys, Computerplatinen, Fernseher ab. Umicore rührt sie zu einer gelb glühenden Suppe zusammen, mehrere Tausend Grad heiß, zerlegt sie in chemischen Abtrennbecken in ihre Bestandteile. Hochtechnologie, großteils ein streng gehütetes Firmengeheimnis. Moderne Alchemie.

Die Sache lohnt sich wirtschaftlich – schon weil eine Tonne Althandys 60-mal mehr Gold enthält als eine Tonne Golderz –, aber auch ökologisch. Umicore muss keine Löcher in Berge graben, keinen Schutt verladen, keine Felsspalten mit giftigen Chemikalien ausspülen. Den Stoff aber brauchen wir so oder so. Die Versprechungen des Hightech-Zeitalters lassen sich nur halten, wenn man genug Baumaterial für die vielen neuen Maschinen und Leitungen und Handys und Mobilcomputer auftreibt. Die Minen sind überlastet, es toben wahre Schlachten um knappe Erden und Metalle .

Die größte Problem beim Hightech-Recycling, sagt der Umicore-Experte Christian Hagelüken, seien aber gar nicht die Hightech-Verfahren. Es sei der Mangel an Schrott. Alte Geräte landen üblicherweise eben nicht bei Umicore, sondern in Schubladen, sie werden auf Müllhalden gekippt oder illegal nach Afrika verschifft. Für Hagelüken ist die wahre Zukunftstechnologie eine ganz banale: Mülltrennung und Recycling. Banal? Wenn man es praktisch umsetzen will, wird die Sache zum gesellschaftlichen Großprojekt. Wie setzt man den richtigen Anreiz dafür, dass gebrauchte Handys, Fernseher oder Elektroroller am Ende zu den richtigen Wiederverwertern gelangen? Reichen Appelle aus, soll man ein Pfand erheben, oder kann man so weit gehen, den Verkauf elektronischer Güter ganz zu verbieten und sie nur noch vermieten? "Ideal ist es, wenn an solchen Gegenständen nur ein paar Jahre Nutzung verkauft werden", sagt Michael Braungart, Professor für Verfahrenstechnik und Leiter des Hamburger Umweltinstituts (HU). Thomas Fischermann

Unterwelten

5. Unterwelten

Bei James Bond hat sie so ziemlich jeder Schurke: kleine Elektroautos , die wahrhaft automatisch und wie auf Schienen von einem Ort zum anderen fahren, ohne Gas, ohne Lenkrad, ohne Fahrer. In Masdar City verkehren sie auch schon, und bislang ist dort noch kein Schurke aufgetaucht, der die Menschheit vernichten wollte.

Masdar City ist noch ein sandiges Areal im Osten des Golfemirats Abu Dhabi , aber hier soll die erste emissionsfreie Stadt entstehen, am Ende für gut 40.000 Einwohner und 50.000 Pendler. Die Stadt soll mit einem Viertel der Energie auskommen, die sonst am Golf verbraucht wird. Alles wird solar betrieben. Noch steht nicht viel, auffällig ragt vor allem die von Norman Foster gebaute grüne Universität in der Mitte des Areals hervor.

Doch die eigentliche Attraktion läuft unterirdisch. Eiförmige, eierfarbene Elektromobile, die wie Industrieroboter von ihren Halteboxen im Parkhaus zu denen im Keller der Universität fahren. Wie eine Mischung aus einem Fiat Cinquecento und einer Bergbahngondel sehen die Produkte der kleinen holländischen Firma 2getthere aus. Eingestiegen wird nur von einer Seite, sitzen kann man hinten oder vorn. Auf dem Touchscreen gibt man das Ziel ein und tippt dann auf Start. Das Gefährt bewegt sich mit maximal 40 Stundenkilometern auf den vorgezeichneten Bahnen. Am Ziel sucht es sich eine leere Haltestelle, die Tür öffnet sich, das Gefährt lädt derweil seine Batterie nach.

Rapid Personal Transit nennt sich diese Art der Fortbewegung, individuell und doch nicht selbst gesteuert. Später soll sich die ganze Bevölkerung von Masdar so fortbewegen, 130.000 Fahrten am Tag sollen möglich werden, zwischen 85 Stationen. Eine ganz neue Welt unter der neuen Welt.

Man stelle sich vor: die überlauten und übervollen Straßen von Megacitys wie dem indischen Mumbai – Fußgängerzonen und Rollerwege. Und ein Stockwerk tiefer fahren die Bürger in den öffentlichen E-Eiern rasend schnell und ganz eng hintereinander zum Ort ihrer Wahl. Emissionsfrei natürlich. Bezahlt wird übers Handy. Zusammenstöße? Fehlanzeige. Fahrstress? Vorbei. Die rasenden Roboter nutzen, ähnlich wie die Informationspakete im Internet, jeden sich bietenden kleinen Raum aus, sodass mehr Verkehr möglich wird.

Der Weg ist lang von den niedlichen Versuchsvehikeln in Masdar – die eine Weile stehen bleiben und mühsam rechnen, wenn die von ihnen angesteuerte Parkbucht besetzt ist – bis in ein neues Zeitalter der Mobilität. Aber hier unter dem Sand entsteht gerade die richtige Mischung aus Individualität und Massensteuerung, die Mensch und Planer gleichermaßen zufriedenstellt. Uwe Jean Heuser

Augen Gottes

6. Augen Gottes

Das Geheimnis eines längeren Lebens heißt PHS6000 und sieht so ähnlich aus wie ein iPad, nur dicker und wulstiger und in Weiß. Das PHS6000 sagt Dinge wie: Guten Morgen, es ist an der Zeit, zu frühstücken. Und wehe, man isst das Frühstück nicht! PHS6000 lässt seinen Besitzer nicht aus den Augen. Es ist drahtlos mit der Waage im Badezimmer verbunden und weiß, was hier gegessen wird. PHS6000 empfängt auch die Signale anderer Geräte, die den Blutdruck messen, die Körpertemperatur oder den Blutzucker , die Joggingerfolge verbuchen und nachsehen, ob der Nutzer sich noch bewegt. PHS6000 schickt diese Daten über das Internet an einen Arzt, bei dem ein Computer sie auswertet. Im Notfall kommt der Arzt auch selbst – gerufen vom Computer.

Das ist keine Science-Fiction aus der "Big Brother"-Tradition. Es ist ein Produkt der Firma Intel, das in den USA verkauft wird, Pioniererzeugnis einer neuen Hightechsparte namens " Fernüberwachung von Gesundheitsdaten". In den USA erhoffen sich Health-Care-Konzerne und Ärzte davon demnächst den ganz großen Schub: gesündere Menschen, obwohl die Bevölkerung im Schnitt immer älter wird, weil man Krankheiten und Risiken viel früher erkennt. Das Erkennen großer Krankheitswellen, weil Epidemieforscher live am Monitor zuschauen, um sie im Keim zu ersticken. Die Technik dafür werde allmählich reif und billig, glaubt Jonathan Linkous, Chef der American Telemedicine Foundation. "Die nächste Generation dieser Technologie bekommt man beim Elektrohändler."

Sensoren, die die Gesundheit der Menschen überwachen: Eigentlich ist das nur ein Teil eines noch viel größeren technischen Durchbruchs. Nie haben wir – beziehungsweise Computer – so viele Informationen in Echtzeit über unsere Welt gesammelt: Fiebermessdaten von den Krankenbetten. Verkehrsflussdaten von den Autobahnen. Wetterdaten von Berggipfeln und Satelliten, Energieverbrauchsdaten aus den Schaltkästen im Keller, Finanztransaktionen in aller Welt. Suchinteressen von Internetsurfern, Verbrauchsgewohnheiten von Supermarktshoppern. Wir haben unsere Welt mit Sensoren überzogen, tragen ihre Messergebnisse per Internet zusammen und speisen sie in Computerhirne ein. Es ist das ehrgeizigste Projekt, das die Menschheit je unternommen hat: Wir bauen die Augen Gottes .

Wenn diese Technik am Ende aber auch eine bessere Welt schaffen soll, sind noch ein paar wichtige Dinge zu klären. Erstens: Was tun mit den ganzen Daten? Die nächste große technische Herausforderung, sagen Experten, liege in mathematischen Innovationen, die Trends und Muster in der Datenflut erkennen helfen. Computer müssen für uns das Interessante vom Rest trennen und Informationen liefern. Wir brauchen mehr künstliche Intelligenz .

Zweitens: Wie bringt man es schonend den Menschen bei? Wenn die Pläne der Forscher aufgehen, dann werden Computer ein für allemal schlauer sein als wir. In vielen Fällen wird es klug sein, Entscheidungen auf der Basis von Computerempfehlungen zu treffen, obwohl wir Menschen keine Chance haben, die Grundlage dieser Empfehlungen zu verstehen. Frühstück oder nicht? Investieren oder nicht? Regenschirm einpacken oder nicht? Stadt evakuieren oder nicht? Atomkraftwerke abschalten oder nicht? Fragen wir die neugierigen, allgegenwärtigen, datenverschlingenden Computer. Thomas Fischermann

Mobilmacher

7. Mobilmacher

12.46 Uhr. Unterhaching. Das Handy vibriert rhythmisch in der Hosentasche. Es ist das vertraute Signal: Lieber ein bisschen schneller die Treppe hinauflaufen, sonst verpassen wir um 12.48 Uhr den Anschluss nach Gröbenzell. Geschafft. Die Türen der S-Bahn schließen sich, "gut gemacht", flüstert das Gerät, ein brandneues allPhone Jahrgang 2017, die Stimme überträgt es durch das Headset. "Und jetzt die schlechte Nachricht: Es regnet in Gröbenzell. Ich habe das Mietfahrrad abbestellt und stattdessen ein überdachtes Elektromobil ausgeliehen!"

Welche Technik müssen wir entwickeln, damit wir in ein paar Jahren noch so beweglich reisen können wie heute – ohne dass explodierende Treibstoffpreise uns lahmlegen oder der Planet an Autoabgasen zugrunde geht? Die Mobilität von morgen ist heute Diskussionsthema an der Westsächsischen Hochschule Zwickau. Zwei Dutzend Studenten, angehende Fahrzeugbauer und Elektrotechniker, Informatiker und Betriebswirte, suchen nach Ideen.

Man kennt sich hier aus mit innovativen Verkehrslösungen: Gerade erst ist das studentische Rennteam von Benzin auf Strom umgestiegen, mit großem Erfolg. In der Formula Student, einer internationalen Rennserie der Hochschulen, liegt Zwickau ziemlich weit vorn: Weltranglistenplatz 12. Der Rennwagen des Teams heißt eGon, ein selbst entworfener, selbst gebauter, 260 Kilogramm schwerer Prototyp. Ein Stück Zukunftstechnik, made in Germany.

Junge Ingenieure – man hat so seine Klischeevorstellungen, wie die denken. Mehr PS! Bessere Aerodynamik! Wunderspoiler! Tatsächlich fallen den Studenten zu dem Thema Leichtbau, bessere Akkus, mehr Elektronik ein. Es hallen aber noch ganz andere Vokabeln durch die Halle. Da ist von Carsharing und Onlinebuchung die Rede, von Psychologie und Akzeptanz.

Die Organisation von Verkehr ist heute ebenso zu einer Hochtechnologie geworden wie die Konstruktion neuer Maschinen. Eine sozialwissenschaftliche Hochtechnologie sozusagen. Alle beeilen sich, damit Erfahrungen zu sammeln. Autohersteller experimentieren mit Carsharing (DriveNow, car2go ), die Deutsche Bahn erprobt Leihfahrräder und Elektromobile (eFlinkster). Neues kommt auf die Straße: Fahrräder mit elektrischem Hilfsmotor , sogenannte Pedelecs. Und bei Renault ist der Twizy in Arbeit, halb Zweisitzer-Roller, halb Elektroauto. Solche Minifahrzeuge, zugeschnitten auf kurze Citystrecken und knappe Parkplätze, könnten die Ikonen eines neuen Mobilitätszeitalters werden.

"Intermodaler Verkehr gewinnt immer mehr an Bedeutung", sagte der Siemens-Forschungschef Reinhold Achatz beim Technologie-Gipfel des Konzerns im Mai. Intermodal bedeutet, dass man auf einer Reise allerhand Verkehrsträger miteinander kombiniert. Öffentlicher Transport und Individualverkehr verschmelzen. Der eigene Wagen vor der Haustür? Der ist weg.

Intermodal bedeutet aber auch: Vorsicht, Verwirrungsgefahr! Mit welchen Verkehrsmitteln kommt man nun von A nach B? Welche Lösung ist die günstigste, welche ist die schnellste, welche die bequemste? Die wichtigste Technologie zur Lösung dieses Verkehrsproblems steckt nicht unter der Motorhaube, sondern in der Hosentasche. Die Leute brauchen Verkehrsberater-Taschengeräte: Fahrplan, Ticketautomat, Staumelder und Straßenkarte in einem. Stefan Schmitt

Superhirne

8. Superhirne

Der moderne Superheld braucht keine Muskelpakete, er muss auch nicht fliegen können. Statt mutig und stark soll er wach sein und jederzeit hoch konzentriert. Sein Gedächtnis ist phänomenal, seine Superkräfte beschränken sich auf ein Organ – das Gehirn .

Er ist ein Held des Alltags. Vor zwei Jahren ergab eine Umfrage der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK), dass fünf Prozent der Befragten ihrer Gehirnleistung am Arbeitsplatz auf die Sprünge helfen – mit Medikamenten, obwohl sie gar nicht krank sind. Die Menschen wollten mehr "Auffassungsgabe, Erinnerungsvermögen, Kreativität sowie Aufmerksamkeit neben Ausdauer und Stressresistenz".

Ob sich dieser Trend noch aufhalten ließe? Psychologen und Hirnforscher bezweifeln es. In anderen Ländern ist er schon viel weiter: 2008 machte das britische Wissenschaftsjournal "Nature" eine Umfrage unter seinen Lesern, und heraus kam, dass jeder fünfte Umfrageteilnehmer bereits leistungssteigernde Medikamente genommen hatte. Und aus den USA kommen Berichte über einen schwunghaften Handel mit Wachmachern und Aufputschmitteln an den Universitäten. Von Ärzten, Piloten und anderen Leuten in extremen Ausdauerjobs weiß man, dass sie regelmäßig zu Wachmachern greifen.

Der Grund für all das: die steigenden Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft. Aus den bisherigen Untersuchungen über die Pillenschlucker kann man ablesen, dass die Betroffenen sich unter dem Druck einer intensiveren Arbeitswelt sehen, dass sie unter extremen Überstunden oder unregelmäßigen Tagesabläufen leiden. Anderen Kopfdopern geht es offenbar eher um die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Kollegen und Konkurrenten. Viele ältere Menschen müssen noch in fortgeschrittenen Jahren arbeiten und sich dabei in einer schneller wandelnden Arbeitswelt zurechtfinden – einige versuchen, dabei die Nachteile ihres Alterns medikamentös wettzumachen.

Ob das wirklich funktioniert, ist keineswegs bewiesen. Gerne eingenommen wird etwa Modafinil – ursprünglich für Kampfpiloten entwickelt, um sie bei Langstreckenflügen hellwach zu halten. Und Ritalin: ein Mittel, das die Konzentration erhöht. Für beide Arzneien gibt es legitime arzneiliche Anwendungen, aber DAK-Zahlen legen nahe, dass in Deutschland jeder Vierte sie ohne Krankheitsdiagnose verschrieben bekommt, oft von befreundeten oder verwandten Ärzten. Weder über Wirkungen noch Nebenwirkungen bei solchem Einsatz liegen richtige Studien vor. Ein Übergangsproblem. Das Streben nach geistiger Perfektion ist ein uralter Traum; allzu unzuverlässig erscheint das Gehirn als Partner für den modernen Menschen. Der nächste logische Schritt sind also Präparate, die von Anfang an für Gesunde konzipiert werden.

Der Chefredakteur von "Nature", Philip Campbell, forderte vor einiger Zeit eine öffentliche Debatte über eine solche Zukunft: ob es nicht jedermann freistehen sollte, seinen Geist zu optimieren, ob durch Espresso, Meditation, Tabletten oder Operationen!

Der Mainzer Philosoph und Neuroethiker Thomas Metzinger glaubt, dass das Hirndoping noch weit über die Konzentrationsfähigkeit hinausgehen kann: Durch Pillen könnte man auch Menschen einfühlsamer für die Nöte anderer machen – sprich, sie gleich moralisch optimieren. Josephina Maier