Ohne das Dreieck gibt es keine gute Erzählung, kein Spiel, keinen Fortschritt. Selbst die ruhmreichen Fußballer des FC Barcelona haben verraten, dass ihre ganze Spielkultur auf dem Bau eines variablen Dreiecks beruhe (Messi, Iniesta, Xavi), zwischen dessen Spitzen dann der Ball zirkuliert. Und was wäre die Erzählkunst ohne das Figurendreieck? Zwei Männer erzeugen bloß eine Grundlinie. Erst die dritte Figur, die Frau zwischen ihnen, gibt dem Spiel Raum, Schmerz, Tiefe. Man kann das schön studieren an einem amerikanischen Gebrauchstheaterstück, Tape von Stephen Belber, das jetzt am Deutschen Theater Berlin Premiere hatte.

Jon und Vince sind die besten Freunde. Sie brauchen sich, um alte Rechnungen aufzumachen und um einander Salz in die Wunden zu reiben. Sie hassen einander so sehr, wie sie sich lieben. In Jons Worten: »Jeder ist ein Arschloch in der Highschool, Vince. Es ist das Vorrecht der weißen männlichen Football spielenden Rasse. Der Trick ist, etwas anderes zu werden, wenn man einmal draußen ist.«

Dieser Mitwisser- und Konkurrenzzusammenhang prägt die Freundschaft der beiden: Man war einmal ein Arschloch. Vince lebt im Bann dieser Vergangenheit. Er ist ein kleiner Drogendealer, und er hat zweierlei nicht überwunden: a) dass Amy, seine große Liebe, ihn vor zehn Jahren verlassen hat, ohne je mit geschlafen zu haben, und b) dass Amy, nachdem sie Vince verlassen hatte, sofort mit Vinces bestem Freund Jon ins Bett gegangen ist. Der Schmerz beherrscht Vince bis heute, und sein von Eifersucht vergiftetes Hirn hat sich im Lauf der Jahre eine Version der Geschehnisse erfunden, die ihm erträglich ist: Jon muss Amy vergewaltigt haben; Amy kann sich ihm nicht freiwillig hingegeben haben.

Mit dieser Geschichte kann Vince leben; aber er will sie von Jon persönlich hören. Er reist in die Stadt, in der Amy lebt und in der Jon als erfolgreicher Jungregisseur an einem Filmfestival teilnimmt. Vince lädt Jon zu sich ins Motel und verwickelt ihn in ein Gespräch, welches er heimlich mit einem Tonbandgerät dokumentiert.

Stephen Belber entpuppt sich als Schüler des Dramatikers David Mamet, denn wie bei Mamet ist auch hier die Konversation ein Duell um Kopf und Kragen, ein als Bagatellgeschwätz getarntes Machtspiel. Aus dem Gespräch über alte Zeiten schält sich etwas anderes heraus: ein Verhör. In kleinen rhetorischen Zügen verschieben sich die Gewichte der Macht, und Vince, der Trinker und Kiffer, entpuppt sich als eine uramerikanische Figur – als Moralist und Staatsanwalt.

Jon füttert den erbittert wissbegierigen Vince mit Details über eine Intimität, die dieser nie erlebt hat. Und Vince ringt um Fassung. Bei dem Schauspieler Felix Goeser ist Vince ein hochtouriger, schwerschädliger, bulliger Zartseeler, der seine Unschuld hinter Härte panzert und seine Wunden mit Koks pudert. Er will alles verstehen und fürchtet doch das Begreifen, sein Gesicht trägt einen begriffsstutzig kindlichen Ausdruck, es ist gleichsam stehen geblieben im Moment vor der Erleuchtung. Er hält sich aus dem Erwachsensein heraus, weil er es für die schlimmste Art der Bestechlichkeit hält. Sein Gegenspieler Jon (Bernd Moss) hingegen ist schon zu Hause unter den Erwachsenen, er ist ein lakonisch-bewegliches Erfolgswesen, ein geborener Davonkommer.