Die trinkende Frau Ein Mann trinkt drei Schnäpse und begeht eine Dummheit

Man muss nicht nur Obstbrand vertragen, sondern auch die Folgen, die er haben kann. Zwei Frauen reden darüber beim Joggen – und über Freiheit.

Bei einem Abendessen, zu dem mich Freunde eingeladen hatten – es gab eine Lammkeule –, ließ sich Folgendes beobachten: Nach dem Kaffee zog sich B., die Gastgeberin, zurück; der Gastgeber blieb sitzen und trank drei Schnäpse, und zwar einen Obstbrand von einer kleinen Brennerei am Bodensee. Dann verschwand er mit einer der Eingeladenen – einer dieser Frauen, deren Schönheit Männer anzieht und Frauen kaltlässt – auf dem Balkon.

Verlegenes Kichern am Tisch. Zu viel Schnaps trinken, dann mit der erstbesten Frau knutschen, sobald die Ehefrau nicht guckt, so stelle ich mir die siebziger Jahre vor. Fast war ich stolz, Leute zu kennen, die offenbar nicht, wie es über meine Generation heißt, frühverspießert in serieller Monogamie lebend dem Burn-out entgegensteuern – während unsere Eltern es ja irgendwie geschafft haben, eine Studentenrevolte anzuzetteln, sich dreimal scheiden zu lassen und dabei trotzdem so viel Geld beiseitezulegen, dass sie ihren Ruhestand jetzt in einem Haus am Mittelmeer verbringen können.

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Um B. zu trösten, äußerte ich ihr gegenüber diese Gedanken, als wir uns ein paar Tage nach dem Balkon-Vorfall zum Joggen im Park trafen. Aber B., kleine Schweißperlen auf der Stirn, sagte nur, in den Siebzigern habe man auch geglaubt, sich im Auto nicht anzuschnallen sei Ausdruck persönlicher Freiheit. Sie sei überhaupt nicht stolz auf ihren dämlichen Ehemann, den sie leider sehr liebe und mit dem sie jetzt, nachdem er ihr die Episode treuherzig gebeichtet habe, Abend für Abend über die Begriffe Freiheit und Verantwortung diskutieren müsse. Obwohl sie gerade wirklich keine Zeit für ungeordnete Verhältnisse habe.

Im Übrigen bin ich sehr gern frühverspießert, schnaufte sie, als wir einen Hügel hinaufliefen, und sah dabei gar nicht spießig, sondern unglücklich aus. Sie hat einen Termin bei der Eheberatung gemacht, und den Schnaps, das teure Zeug aus Süddeutschland, hat sie am nächsten Tag in die Spüle gegossen. Denn Schnaps bleibt Schnaps, auch wenn er liebevoll aus Bio-Obst gebrannt ist, man muss ihn vertragen können, und Beziehungen sind Arbeit. Unbezahlte Arbeit übrigens.

Als die OECD neulich eine Studie zur unbezahlten Arbeit in der Welt herausgab, konnte man feststellen, was niemanden überrascht: dass Frauen mehr Zeit als Männer mit unbezahlter Arbeit im Haus verbringen, 100 Minuten am Tag nämlich. Beziehungsarbeit noch nicht mitgerechnet. Verzeihen, Reden, Nachfragen, Dableiben, Wiederversuchen, Weitermachen – neben Putzen, Waschen und Aufräumen sind das die Tätigkeiten einer Frau. Unser Lieblingsgetränk ist die Weinschorle, halb und halb, ein guter Kompromiss. Männer haben ihren Schnaps und das, was sie Freiheit nennen.

 
Leser-Kommentare
  1. Lammkeule ist nicht mein Ding. Allerdings habe ich noch riesige Vorräte an Obstbrand aller Art. - eine Hinterlassenschaft meines Vaters, der aus allem was gärte- und es gärt verdammt viel- Obstbrand herstellen ließ. Vom Nachbar - nebenan. Der Schnaps ist in riesigen Flaschen abgefüllt, die in eine Art Holzgeflecht eingelassen sind, mit zwei Griffen an der Seite. Den Schnaps muss man mit einem kleinen Schlauch raussaugen. Wohl so ähnlich, wie wenn man versucht Benzin zu klauen. Ich schrecke da immer ein wenig zurück, denn den richtigen Zug kriegt man erst, wenn man mindestens etwas von dem Schnaps in den Mund bekommt. Ich trinke keinen Schnaps. Ich frage mich, wie das die Benzindiebe hinkriegen. Vielleicht überreden die ja ihre Frauen, damit die etwas Beziehungsarbeit leisten können.
    Ob die Polizei wohl Akten über Benzindiebstähle hat. Dank E10 ist der Unterschide zum Schnapsschläucheln ja nicht mehr so groß? In den Siebzigern war das auch viel einfacher, da gabs noch keine Tankschlösser. Schöne Zeiten waren das, wenn man arm war, dennoch ne Freundin, die einem unbezahlte Bzeihungsarbeit leistend, das Benzin aus fremden Tanks raussaugen konnte. Damit fuhr man dann wohl in die Provence. Oder nach Griechenland. Die Leute waren damals noch ziemlich freundlich, und es kam vor, dass man zu einem Ouzo eingeladen wurde. Mir war das immer schon peinlich. Ich trinke ja nicht.Erwähnte ich das noch nicht? Und so toll waren die Siebziger auch wieder nicht.

    10 Leser-Empfehlungen
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    • Dafür
    • 17.06.2011 um 21:27 Uhr

    einfach köstlich.
    You made my day, wie das heutzutage so schön heisst.

    • Dafür
    • 17.06.2011 um 21:27 Uhr

    einfach köstlich.
    You made my day, wie das heutzutage so schön heisst.

  2. 2. O____o

    Wer Tiere verspeist betrügt auch die bessere Hälfte, oder was möchte der Artikel ausdrücken?

    Ich bin mir nicht schlüssig.

    So toll können die Siebziger nicht gewesen sein, schließlich gab es kein Internet :D

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  3. Frauen werden im Alkohol nie so wie Männer, das wussten schon die Trümmerfrauen.
    Trümmerfrauen waren ohne Alkohol, wie Männer, was sie immer wieder Erwähnen lassen muss, und nicht zu vergessen, was sie machten, ohne die Männer, im zerbommten Deutschland.

  4. Nennt das man heute so?
    Bei so dämlichen Begriffen bin ich lieber frühverspießert.

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    Ja, so nennt man das heutzutage. Daran ist doch schön zu erkennen, wie sehr wir allesamt schon durchökonomisiert sind.

    Alles ist monetarisierbar, wird monetarisiert und dann in einer Excel-Tabelle verwurstet und als Powerpoint präsentiert.

    Und rechnen, ja rechnen können die Frauen. Und sich darüber ärgern, das ihr Mann mehr bezahlte Arbeit draussen leistet als sie und dafür weniger unbezahlte Hausarbeit.

    Wobei die Frauen ja gerne so allerlei häusliche Tätigkeiten (Spinnen entfernen, Müll runterbringen, Wasserhähne reparieren, Siphons von Haaren befreien...) als Hobby des nichtsnutzigen Mannes deklarieren und irgendwie gar nicht erst als Hausarbeit in ihrer Excel-Liste aufführen.

    Dann ärgern sie sich doppelt und können so auch perfekt verdrängen, das genau dieses Feature beim Mann auf ihrer Wunschliste zur Partnersuche ganz weit oben stand.

    Welche Frau will schon nen häuslichen Mann der weniger Geld nach Hause bringt als sie...(ich weiss, ich weiss, die Foren sind voll von diesen Frauen...nur im realen Leben trifft man sie nie...)

    Darauf einen, zwei, viele Schnäpse...

    Ja, so nennt man das heutzutage. Daran ist doch schön zu erkennen, wie sehr wir allesamt schon durchökonomisiert sind.

    Alles ist monetarisierbar, wird monetarisiert und dann in einer Excel-Tabelle verwurstet und als Powerpoint präsentiert.

    Und rechnen, ja rechnen können die Frauen. Und sich darüber ärgern, das ihr Mann mehr bezahlte Arbeit draussen leistet als sie und dafür weniger unbezahlte Hausarbeit.

    Wobei die Frauen ja gerne so allerlei häusliche Tätigkeiten (Spinnen entfernen, Müll runterbringen, Wasserhähne reparieren, Siphons von Haaren befreien...) als Hobby des nichtsnutzigen Mannes deklarieren und irgendwie gar nicht erst als Hausarbeit in ihrer Excel-Liste aufführen.

    Dann ärgern sie sich doppelt und können so auch perfekt verdrängen, das genau dieses Feature beim Mann auf ihrer Wunschliste zur Partnersuche ganz weit oben stand.

    Welche Frau will schon nen häuslichen Mann der weniger Geld nach Hause bringt als sie...(ich weiss, ich weiss, die Foren sind voll von diesen Frauen...nur im realen Leben trifft man sie nie...)

    Darauf einen, zwei, viele Schnäpse...

    • Dafür
    • 17.06.2011 um 21:27 Uhr

    einfach köstlich.
    You made my day, wie das heutzutage so schön heisst.

    Antwort auf "So toll war das nicht."
  5. Antwort auf "O____o"
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    Sie sicherlich nicht das schlechteste aller Beispiele.

    Sie sicherlich nicht das schlechteste aller Beispiele.

    • rho
    • 17.06.2011 um 22:03 Uhr

    meine Kinder und die Mittelalten. Schade, dass die keinen Schnaps vertragen und dann gleich Beziehungskisten haben. Eheberatung statts Nachdenken. Was war das wohl fuer eine Frau, die da einfach auf dem Balkon mit dem Hausherrn knutscht? Hat die den vielleicht extra angemacht? Oder war sie besoffen (Schorle, haeh)? Oder brauchte einfach nur mal etwas Zuneigung? Alkohol macht ja sozial.
    Beim Hausherrn kann der Schnaps schon eine Rolle gespielt haben. Wir haben uns frueher auch die Weiber (herrlicher Ausdruck) schoengesoffen.

    Die armen Frauen, saufende Ehemaenner und viel Hausarbeit. Man kann sich auch Arbeit machen. Als Rentner habe ich nun keine Ehefrau und so viel Arbeit gibt es da nicht. Also die jungen Frauen um die 40 sollen sich nicht so anstellen.

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    "Wir haben uns frueher auch die Weiber (herrlicher Ausdruck) schoengesoffen."

    Ich habe letztens in einem Zeit-Kommentar das Wort "Eheweib" benutzt - das wurde von der Zensur rausgestrichen!

    Ich könnte mich darüber immer noch totlachen... das Wort "Weib" gefällt mir :)

    "Wir haben uns frueher auch die Weiber (herrlicher Ausdruck) schoengesoffen."

    Ich habe letztens in einem Zeit-Kommentar das Wort "Eheweib" benutzt - das wurde von der Zensur rausgestrichen!

    Ich könnte mich darüber immer noch totlachen... das Wort "Weib" gefällt mir :)

  6. Entfernt. Bitte achten Sie auf Ihren Umgangston. Danke, die Redaktion/se.

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  • Quelle ZEITmagazin, 16.6.2011 Nr. 25
  • Kommentare 33
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  • Schlagworte OECD | Familie und Partnerschaft | Bodensee | Mittelmeer
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