Paläontologie : Zäher Vogel

Auch nach 150 Jahren gibt der Archaeopteryx Rätsel auf.

Es begann mit einer Feder und – ist man ehrlich – schon im Jahr 1860. Damals wurde der fossile Abdruck in Solnhofen entdeckt. Wissenschaftlich beschrieben wurde er ein Jahr später von dem Frankfurter Paläontologen Hermann von Meyer, der dem Fund den Namen archaeopteryx gab, »alte Feder«.

1861 wurde das dazu gehörige Tier entdeckt, das Skelett des Urvogels Archaeopteryx . Bis heute wurden zehn Exemplare geborgen. Eines der schönsten ist in Berlin zu besichtigen . Sein Finder hatte den toten Vogel einst gegen eine lebende Kuh eingetauscht.

Heute ist der Wert der Fossilien kaum zu beziffern, weder real noch ideell. Die Fossilien zählen zum Kostbarsten, was die Paläontologie vorzuweisen hat – und zum Rätselhaftesten. Seit 150 Jahren versuchen Forscher, ihre gefiederten Funde zu interpretieren, und wie bei kaum einem anderen Fossil zeigt sich das Elend des Historizismus: Niemand von uns war Zeuge, als der Archaeopteryx vor 150 Millionen Jahren lebte.

Über die Frage, ob Archaeopteryx noch Saurier oder schon Vogel war, streiten sich die Gelehrten bis heute. Das Fossil zeigt Merkmale beider Gruppen: Schwanz, Zähne, Schultergürtel und die drei krallenbewehrten Finger lassen ihn als Reptilverwandten erscheinen. Das Gabelbein und die Federn sind klare Vogelmerkmale.

Konnte Archaeopteryx fliegen? Kommt darauf an, was man darunter versteht. Sicherlich konnte das Federfossil zu Lebzeiten von einem Baum herabgleiten und dabei seinen Segelflug steuern. Einige Forscher trauen ihm zu, Kurzstrecken aktiv geflogen zu sein. Für längere Distanzen aber war das hühnergroße Tier nicht gerüstet.

Die Frage, mit welcher Technik zum allerersten Mal ein oberjurassisches Vieh vom Boden abheben konnte, kann das Fossil des Archaeopteryx letztlich nicht beantworten. Die Vertreter der Baumkletterer-Hypothese glauben, die Urvögel hätten erst große Höhen erklimmen müssen, um von dort hinabzugleiten. Fans der Bodenläufer-Hypothese sind hingegen der Ansicht, rennend und flügelschlagend hätten sich die ersten Flieger in die Lüfte erhoben.

Hat Archaeopteryx überhaupt die Feder »erfunden«? Und wenn ja, wozu? Lange Zeit wurde diese Innovation als klares Vogelmerkmal diskutiert – nach Funden aus China ordnen Wissenschaftler sie inzwischen eindeutig den Sauriern zu. Vermutlich war das erste Federkleid eine schlichte Isolierschicht zum Schutz vor Kälte, oder die Keratinstrukturen dienten – Hypothese 2 – zur Einlagerung überschüssiger Aminosäuren.

Unwichtig, wen die erste Feder schmückte, egal ob der Flug von oben nach unten oder von unten nach oben erfunden wurde – jetzt wird erst einmal gefeiert. Zum 150. Jahrestag werden in dieser Woche eine 10-Euro-Gedenkmünze und eine Briefmarke präsentiert. So kann der Archaeopteryx doch noch richtig fliegen lernen. Per Luftpost.

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