American FootballWilde Kerle

In den USA die größte Nummer im Profizirkus, in Österreich ein Exotensport für Amateure. Dennoch ist die Austrian Football League europäische Spitzenklasse. von Christoph Zotter

Die Helme schlagen laut krachend aneinander. Andrej Kliman klemmt sich den Ball aus Schweinsleder unter den Arm und läuft los. Die Gegner kommen von allen Seiten. Hundert Kilo schwere Kolosse aus Muskeln und Fett. Andrej Kliman weiß, sie haben nur ein Ziel: ihn niederrennen, niederreißen, stoppen, vor der Endzone, irgendwie. Er läuft schneller.

Der Erste trifft ihn mit dem Helm an der Brust. Der Zweite springt ihm mit der Schulter voran gegen die Hüfte. Der Dritte bekommt sein Trikot zu fassen und verkrallt sich so lange darin, bis Kliman kopfüber in den Rasen kracht. »Da denkt man nicht viel, es geht alles wahnsinnig schnell«, sagt der 23-jährige Offensivspieler. »Du rennst und suchst die Lücke.« So fühlt sich American Football an – in den USA ein Milliardengeschäft, in Österreich ein Amateursport.

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Es ist ein heißer Sonntagnachmittag am Rande Wiens. Im Stadion Hohe Warte, zehn Gehminuten von der U-Bahn-Station Heiligenstadt entfernt, testet das österreichische Football-Nationalteam in einem Freundschaftsspiel gegen eine amerikanische Collegemannschaft, ob es genug gefinkelte Spielzüge kennt, ob es genug Biss und genug Muskeln hat für die Weltmeisterschaft im eigenen Land, zu der es in zwei Wochen antritt. Mit etwas Glück ist eine Medaille möglich.

Der Polizist stellt sich mit einem Exhäftling dem Gegner in den Weg

Bereits zwei Stunden bevor Andrej Kliman seinen Kopf in den Rasen gräbt, beginnt die Show. Eine zierliche Rothaarige mit ewigem Lächeln treibt blutjunge Cheerleader in die pralle Sonne. Am Eingang blecht eine Marching Band Born To Be Wild. Fünfjährige wuseln zwischen Ständen, an denen Fanartikel verkauft werden. Die Mitglieder des Wiener Harley-Davidson-Klubs tuckern auf ihren Motorrädern um das Spielfeld. Es stinkt nach Benzin. »Ich steh auf die Show. Ist was für Familien«, sagt ein Mittfünfziger in Lederweste und Cowboyhut. Ein paar Minuten später stürmen die Mannschaften auf das Spielfeld. Konfetti. Feuerwerk. Einer der rund 4.000 Zuschauer hat die Stars and Stripes in Riesenformat mitgebracht. Sogar der heutige Gegner, die Mannschaft des Rose-Hulman-Colleges aus Indiana, hat eigene Schlachtenbummler eingeflogen. Bob D’Agnillo nippt auf der schattigen Tribüne an einem Bier, während sich sein Sohn Brad unten auf dem Rasen wieder einmal an Kliman festkrallt. »Fast wie zu Hause«, kommentiert er das Spektakel höflich.

Die amerikanischste aller Sportarten ist in Österreich angekommen. Kaum ein Teenager, der heute nicht wüsste, was Football ist. Hollywoodfilme, TV-Serien aus den USA und das Internet haben das ihre dafür getan. Einer wie Andrej Kliman fängt mit zwölf Jahren zu spielen an. Beginnt ein paar Jahre darauf, Gewichte zu heben, und verbringt jedes Jahr mit den Vereinsfreunden eine Woche im Trainingscamp. Sieben, acht oder neun Jahre später landet er in der Nationalmannschaft, die bei der vergangenen Europameisterschaft den dritten Platz belegte. Oder bei einem der heimischen Klubs, die in den vergangenen acht Jahren siebenmal die gesamteuropäische Liga gewonnen haben. »Angefangen hat es damit, dass mein Vater mir die nächtliche Superbowl-Übertragung aufgenommen hat«, erzählt Kliman. So heißt das Endspiel der amerikanischen National Football League (NFL). Zum zwölften Geburtstag bekommt er ein eierförmiges Spielgerät geschenkt, den Football. Kurz darauf tritt er dem Klosterneuburger Verein Dragons bei.

Wer weiß, ob Kliman je einen Football in die Hand genommen hätte, wäre nicht das Superbowl-Spektakel im österreichischen Fernsehen ausgestrahlt worden. Verantwortlich dafür war Christopher D. Ryan. Der Sohn eines Kanadiers und einer Österreicherin setzte Ende der neunziger Jahre im ORF die Übertragung des wichtigsten Sportereignisses Amerikas durch. Beim Football geht es um Zeitgeist, um Hunderte von Zeitungen und Sendern, die über die Spiele berichten. Eine Werbeminute in den Pausen der Superbowl-Schlacht kostet mehr als bei jeder anderen Sendung. »Das können Faustball oder Fechten nicht bieten, auch wenn wir dort sportlich gut sind«, sagt Ryan. Er entwickelte im ORF eine Sendung über die NFL und eine andere über deren kleinen österreichischen Sprössling, die Austrian Football League. Gegen alle Widerstände von oben. »Wir hatten viele Seher unter den Jungen und Gebildeten«, sagt Ryan. Doch seine Chefs wollten lieber Fußball sehen oder Autorennen. Vor einem Jahr verabschiedete sich der ORF vom Football, übertrug nicht einmal mehr das große Finale. Der Privatsender Puls 4 übernahm dankend. Die Weltmeisterschaft wird nun wieder vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt.

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