Auf einem ausgetrockneten Weizenfeld in England © Oli Scarff/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Flasbarth, derzeit dümpeln die UN-Klimaverhandlungen vor sich hin, die Skepsis gegenüber solchen Weltabkommen wächst eher. Ausgerechnet da schlagen Sie ein internationales Boden-Übereinkommen vor. Was treibt Sie zu dieser Forderung?

Jochen Flasbarth: Die alarmierende Entwicklung. 79.000 Quadratkilometer Agrarland sind in den vergangenen dreißig Jahren weltweit unbrauchbar geworden. Das ist eine Fläche, so groß wie Österreich. Und wir verlieren den Boden immer schneller. Wie beim Peak Oil , der die maximal nutzbare Menge bezeichnet, liegt auch der Peak Soil bereits hinter uns. Die Ampel steht auf Rot, wir sind dabei, sie zu überfahren. Deshalb brauchen wir globale Regeln, wie wir verantwortungsvoller mit diesem Gemeingut umgehen.

ZEIT: Aber es wird doch auch neues Ackerland erschlossen.

Flasbarth: Stimmt. Wir hatten im selben Zeitraum Zugewinne von 25.000 Quadratkilometern. Doch für dieses Neuland wurden oft wertvolle Ökosysteme wie der Regenwald unter den Pflug genommen.

ZEIT: Weshalb schwindet der Ackerboden?

Flasbarth: Es gibt einen immer höheren Nutzungsdruck, ausgelöst durch das Bevölkerungswachstum; überdies wollen die Konsumenten in den Industrieländern und wachsende Mittelschichten weltweit mehr Fleisch konsumieren, deshalb werden mehr Flächen für den Anbau von Futtermitteln gebraucht. Außerdem steigt die Nachfrage nach Energiepflanzen. Auch durch Wetterextreme als Folge des Klimawandels werden Böden verweht, verwüstet oder einfach weggespült.

ZEIT: Ein komplexes Ursachenbündel...

Flasbarth: Die Entwicklung ist umso dramatischer, wenn man bedenkt, dass wir im Jahr 2050 rund neun Milliarden Menschen ernähren müssen. Schon jetzt führt die drohende Knappheit zu exterritorialen Landnahmen. Private oder staatliche Anleger suchen anderswo nach Ackerflächen. Besonders oft kommen sie aus bevölkerungsreichen Ländern wie China, Südkorea oder Saudi-Arabien, die selbst über wenig fruchtbaren Boden verfügen. Dieses land grabbing bedroht den sozialen Frieden, weil das Land dann für die Versorgung der lokalen Bevölkerung fehlt. Es ist kaum vorstellbar, dass afrikanische oder südamerikanische Bauern ruhig bleiben, wenn ihre Familien Hunger leiden, während neben ihrem Dorf auf den Feldern ausländischer Investoren die Nahrungspflanzen üppig gedeihen.

ZEIT: Ist der Verlust der Böden nur in Afrika oder Asien ein Problem? Jüngst kam es in Mecklenburg-Vorpommern zu einer Massenkarambolage , weil Staubverwehungen von offenen Äckern den Autofahrern die Sicht versperrten.

Flasbarth: Auch in Mitteleuropa gibt es Erosion, auch bei uns ist der Humusgehalt der Böden oft gering, und sie sind mit Schadstoffen belastet. Täglich werden in Deutschland rund 100 Hektar Land durch Neubauten und Straßen neu versiegelt, und von dem erklärten Ziel, wenigstens auf 30 Hektar herunterzukommen, sind wir noch immer weit entfernt. Aber in Schwellen- und Entwicklungsländern ist die Lage ungleich ernster.

ZEIT: Warum ist die bodenlose Lage bisher fast nur unter Fachleuten ein Thema?

Flasbarth: Das liegt wohl daran, dass man ein Problem wie den Artenschwund leichter vermitteln kann. Bilder von wunderschönen, bedrohten Tieren und Pflanzen berühren uns. Aber Boden? Der sieht für viele Menschen nur aus wie Dreck.