ZEIT: Außerdem scheint er erneuerbar zu sein. Man muss ja nur düngen...

Flasbarth: Die Nachkriegsgenerationen hierzulande sind in einer Zeit groß geworden, in der nicht mehr Mangel an Lebensmitteln herrschte, sondern Überproduktion zum Problem wurde. Aber diese Erfahrung verdeckt, dass ausgelaugte Böden längst einen immer höheren Einsatz an Dünger und Agrarchemikalien erfordern, um die Erträge zu erhalten. Rechtliche Maßnahmen wie die europäische Bodenschutz-Richtlinie scheiterten außerdem an einer Argumentation, die leider auch in Deutschland vertreten wird: Der Boden sei eine lokale Ressource, also könne man seine Probleme auch am besten vor Ort lösen. So wird der Blick auf die globalen Dimensionen verstellt.

ZEIT: Werden Ressourcen nicht am besten den lokalen Bedingungen entsprechend gepflegt?

Flasbarth: Schon – aber die Nutzungsrechte sind doch häufig längst transferiert. In Afrika etwa sind die Nutzer des Landes oft nicht die Besitzer. Auch Kambodscha ist ein Beispiel dafür, dass Eliten ihre Macht nutzen, um sich große Landflächen anzueignen. Die Verlierer sind immer die Gleichen: Kleinbauern. Auch deshalb gehört das Thema auf die Agenda der Vereinten Nationen. Wir brauchen verbindliche Grundregeln dafür, wie wir den Boden bearbeiten, welchen Beitrag er zur Anpassung an den Klimawandel leisten kann, worauf sich Investoren in anderen Ländern verpflichten müssen.

ZEIT: Auf UN-Ebene bewegt sich doch schon etwas. Vor wenigen Tagen hat die Welternährungsorganisation FAO einen Bericht über nachhaltige Landwirtschaft veröffentlicht, darin steht der Boden im Fokus. Auch im Rahmen des Klimaschutzabkommens UNFCC wird über Böden verhandelt.

Flasbarth: Aber da geht es nur um die Rolle der Böden als Kohlenstoffspeicher, nicht um Regeln für die Bewirtschaftung. Auch die Initiativen der FAO sind zu begrüßen, doch es sind meist nur Empfehlungen. Das Problem muss rechtlich verbindlich gelöst und an einer Stelle gebündelt werden. Ein Beispiel: Seit einiger Zeit diskutieren wir über Nachhaltigkeitsstandards bei Energiepflanzen. Im Kern geht es dabei um Bodenfragen: Welche Flächen sind geeignet, was ist ein guter, nachhaltiger Anbau? Global haben wir keine Institution, bei der solche Regeln verankert werden könnten.

ZEIT: Um die Degradierung der Böden kümmert sich auch das UN-Wüstensekretariat in Bonn.

Flasbarth: Diese Konvention betrifft nur aride Gebiete und damit hauptsächlich den afrikanischen Kontinent. Man könnte das UNCCD-Mandat ausweiten. Auch Unep könnte sich des Themas annehmen. Über eine Aufwertung des UN-Umweltprogramms wird ohnehin gerade diskutiert.

ZEIT: Es dauert oft Jahrzehnte, bis globale Vereinbarungen zustande kommen. Sie selbst haben das beim globalen Biodiversitätsabkommen erlebt, dessen Präsident Sie bis vor Kurzem waren. Dabei sagen Sie selbst, dass beim Boden die Zeit drängt.

Flasbarth: Ich sehe da keine Alternative. Einiges können wir sofort angehen, und parallel dazu sollten wir an verbindlichen Regeln arbeiten – auch wenn das lange dauert.

ZEIT: Beim Thema Boden geht es auch um eine der brisantesten Fragen: das Eigentumsrecht. Wie realistisch ist eine internationale Vereinbarung, wenn Großgrundbesitzer schon auf nationaler Ebene heftigen Widerstand gegen eine Beschneidung ihrer Eigentumsrechte leisten?

Flasbarth: Umso wichtiger, dass man Kleinbauern – den Schwächsten – eine Stimme gibt. Wollen wir ausgerechnet bei diesem existenziellen Thema die Türen für den Turbokapitalismus geöffnet lassen? Die Biodiversitätskonvention ist ein Beispiel dafür, wie viel auf globaler Ebene möglich ist. Da hatten die Entwicklungsländer gleich zu Beginn der Verhandlungen in den neunziger Jahren gefordert: Die größte Ressourcenvielfalt gibt es bei uns, also wollen wir auch an den Profiten teilhaben, die daraus erwachsen. Auch damals hieß es immer: Gegen diese Forderung wird es so viel Widerstand geben – das kommt nie zustande. Letzten Oktober haben wir in Nagoya ein völkerrechtliches Protokoll unterzeichnet, das den Entwicklungsländern diese Möglichkeiten einräumt. Das muss nicht heißen, dass es wieder gelingt. Aber man muss es versuchen.

Das Gespräch führte Christiane Grefe .