Es ist kein Wunder, dass sich die Linke dieser Tage wieder mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert sieht. Wie meist bei diesem Thema geht es um Feindseligkeiten gegenüber Israel, die auch für Parteifreunde die Grenze der Kritik überschreiten. Die Fraktion hatte sich am 6. Juni einstimmig gegen alle Formen des »antisemitischen Antizionismus« ausgesprochen – mit etlichen guten Gründen. So hatte der linke Duisburger Ratsherr Hermann Dierkes während des Gaza-Krieges zum Boykott israelischer Produkte aufgerufen. Zwei Bundestagsabgeordnete der Linken waren im Mai vergangenen Jahres mit dem Gaza-Solidaritätsschiff Mavi Marmara in Richtung Israel aufgebrochen. Der Verfassungsschutz glaubt, die Organisatoren stünden im Verbund mit radikalen türkischen Organisationen, die ihrerseits freundschaftliche Beziehungen zu Hamas unterhielten. Die Abgeordnete Inge Höger, die dabei war und gern wieder in See stechen würde, ließ sich mit einem Schal ablichten, auf dem eine Karte des Nahen Ostens ohne Israel zu sehen war (er sei ihr geschenkt worden, und sie habe nicht unhöflich sein wollen, verteidigte sie jetzt Fraktionschef Gregor Gysi). Als die Stadt Herford sich zur Unterstützung des Neubaus ihrer Synagoge entschied, stimmte nur ein Ratsmitglied dagegen: die Vertreterin der Linken.

Was schießt den Linken da immer wieder aus dem Knopfloch ? Ist es »klassischer« deutscher Antisemitismus oder eine spezielle linke Spielart? Einige Bundestagsabgeordnete der anderen Parteien wollten es genauer wissen und beantragten Ende Mai eine Aktuelle Stunde. Grundlage der Debatte war ein Thesenpapier zweier jüngerer Sozialwissenschaftler – Sebastian Voigt (Leipzig), Mitbegründer des Bundesarbeitskreises Shalom innerhalb der Linken-Jugendorganisation Solid, und Samuel Salzborn (Gießen). Sie schreiben, der »antizionistische Antisemitismus« sei inzwischen in der Linken zu einer »weitgehend konsensfähigen Position« geworden. Mit der Linken könne deshalb erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte eine antisemitische Partei zu einer Regierungsbeteiligung kommen. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), warf der Linken in der Debatte eine »Doppelstrategie« vor: Gysi warne »vor dem Haus« vor Antisemitismus, während »im Hinterhof« Linke-Politiker als Antisemiten in Erscheinung träten, weil sie sich davon die Erschließung neuer Wählerschichten in pro-palästinensischen Milieus muslimischer Zuwanderer erhofften.

Das mag durchaus sein. Gysis Position ist aber komplizierter, man könnte sie geradezu tragisch nennen. Schon 2008 hatte er – der selber als linker Jude lange gebraucht hat, um Israel und die »deutsche Staatsräson« gemeinsam in einem wohlwollenden Satz unterzubringen – in einer gewaltigen Kraftanstrengung versucht, die Verlogenheit des DDR-Antifaschismus ebenso zum Thema zu machen wie den aggressiven Antikolonialismus, den Teile der westdeutschen Linken mit Blick auf Israel pflegen.

Die Debatte im Bundestag zeigte jedenfalls Wirkung. Der Beschluss der Bundestagsfraktion, sich nicht an Initiativen für eine Ein-Staaten-Lösung zu beteiligen, keine Boykottaufrufe zu unterstützen und nicht an einer Gaza-Flottille teilzunehmen, kam Gerüchten zufolge aber nur zustande, weil einige Reformer gedroht hatten, zur SPD überzutreten. 14 Abgeordnete hatten den Sitzungssaal verlassen. Ihnen gegenüber soll Gysi mit Rücktritt gedroht haben, wenn sie nicht auf diese Weise die Einstimmigkeit ermöglichen. Die Rede ist nun von einem »Maulkorberlass«.

Gysi bestreitet all das. Er will auch von Antisemitismus bei der Linken nichts mehr wissen. Der taz gegenüber sagte er nur, es gäbe »bei einigen auch in unseren Reihen zu viel Leidenschaft bei der Kritik an Israel«.