Schulzeitverkürzung : Turbo? Von wegen

Zur diesjährigen Reifeprüfung: Ein nachdenkliches Plädoyer für G 8, das Abitur nach zwölf Jahren.

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, mit welchem ideologischen Überschwang und mit welch kitschiger Verklärung der eigenen Schulzeit über die Verkürzung der Gymnasialzeit geklagt wird. Ab und an auch in dieser Zeitung, kürzlich zum Beispiel im Brief eines Kollegen an seine Tochter ( Liebe Marie , ZEIT Nr. 22/11).

Alle Bundesländer außer Rheinland-Pfalz sind dabei, die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre zu reduzieren, als Abkürzung für diese Reform hat sich G8 eingebürgert. In diesem Jahr machen erstmals in den bevölkerungsstarken Ländern Bayern und Niedersachsen G-8-Schüler ihr Abitur . Rechnet man die Grundschulzeit dazu, dann wird das Abitur in Deutschland nun in der Regel nach zwölf statt wie früher nach dreizehn Schuljahren abgelegt. Einigen neuen Bundesländern bleibt diese Umstellung erspart, weil sie nach der Wende das Abitur nach zwölf Jahren beibehalten haben.

In der Sprache der Kritiker führt G8 zum "Turbo-Abi", das die Kindheit zerstöre. Manch einer schwingt gar die Nazi-Keule und verweist darauf, dass auch vor dem Zweiten Weltkrieg die Gymnasialzeit verkürzt wurde, damit der Nachwuchs schneller an die Front kam.

Mir ist das viel zu viel Theater um eine sinnvolle, wenn auch handwerklich vermurkste Schulreform. Sinnvoll finde ich sie für die Kinder, denen ein Jahr Zeit geschenkt wird, die sie, je nach Temperament und sozialer Lage, schlendernd oder schaffend verbringen können. Und sinnvoll finde ich sie für unsere Gesellschaft, die bei schrumpfender Bevölkerungszahl ihren Wohlstand erhalten will – was wir ohne eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht schaffen werden.

Selbstredend kann man das anders sehen; G8 ist nicht zwingend notwendig. Was mich stört, ist die Gedankenlosigkeit vieler G-8-Kritiker. Sie zeigt sich am deutlichsten daran, dass sie ständig von "Beschleunigung" reden, um zu beschreiben, was an der Schule geschieht.

Es mag ein subjektives Beschleunigungsgefühl geben, das kann ich niemandem nehmen. Schaut man sich jedoch die Schule der vergangenen Jahre an, dann ist sie nicht durch Beschleunigung gekennzeichnet, sondern im Gegenteil durch Entschleunigung. Erst kürzlich hat das Statistische Bundesamt gemeldet: "Junge Menschen 2009: Länger in Ausbildung, später erwerbstätig". Von den 20- bis 24-Jährigen zum Beispiel waren im Jahr 2009 nur rund 37 Prozent erwerbstätig, 1999 waren es noch 44 Prozent. Fast die Hälfte dieser Altersgruppe hingegen befand sich 2009 in Bildung oder Ausbildung, 1999 war das nur gut ein Drittel. Das sind nüchterne Zahlen, vielleicht zu nüchtern für jemanden, der sich im Rausch der Beschleunigung wähnt.

Wer die Entwicklung der Schule in der letzten Zeit beobachtet hat, den können diese Zahlen nicht überraschen. War das Gymnasium in den fünfziger Jahren noch eine Eliteinstitution für fünf bis zehn Prozent der Kinder, so besuchen es heute 35, bald 50 Prozent eines Jahrgangs. Mit der Zahl der Abiturienten steigt auch die Zahl jener, die ein zeitaufwendiges Studium aufnehmen. Zudem gehen Hauptschüler nicht mehr wie früher acht Jahre, sondern zehn Jahre zur Schule. Also: Mehr Schüler drücken länger die Schulbank.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

66 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Null Zustimmung

Warum will man uns Deutschen eigentlich staendig einreden unsere Ausbildungszeiten (ob nun in der Schule oder in der Universität) müssten drastisch verkürzt werden? Was soll der Schmarn? Gebt den Menschen doch bitte etwas mehr Zeit, sie werden nach Hinten hinaus eh immer laenger arbeiten muessen.
Die Deutschen beginnen zu spaet zu arbeiten? Hieraus erwachsen Wettbewerbsnachteile, da Schul- und Studienabgaenger in anderen Laender frueher in den Beruf einsteigen? - Nun frage ich mich, wieso Deutschland im EU-Vergleich so extrem Wettbewerbsfaehig ist, koennte es vielleicht auch daran liegen, dass wir bis vor kurzem Menschen zu selbststaendigem Denken erzogen in dem wir Ihnen Zeit gegeben haben sich zu entwickeln?
Muss man das alles unbedingt verkuerzen, verdichten? Warum? Damit private Nachhilfeschulen noch mehr Geld verdienen, damit die vielen joblosen Psychologen endlich was zu tun haben, wenn sie dann damit betraut werden die Folgen dieser Verdichtungsidiotie abzumildern?
Es tut mir sehr Leid, aber ich sehe keinen, aber auch wirklich gar keinen Vorteil von G8!

Studierfähigkeit herstellen!

Hallo Chrisperator,
.
solange es nur darum geht, 9 Schuljahre auf 8 zu pressen, ist da tatsächlich kein Sinn zu sehen. Aber die letzte Schulklasse einfach wegzuschneiden - das macht für mich Sinn.
.
Uni-Profs der MINT-Fächer klagen viel über die Studenten, die von der Schule nicht genug Mathe und Physik mitbringen. Der Anteil der aus diesem Grund studier-unfähigen Studenten wird von den Profs mit 50 bis 80 Prozent angegeben. Ich meine, was die Schule in 8 Jahren verbockt hat, das repariert sie auch im 9. Jahr nicht. Besser ist es, den versäumten Stoff in Uni-Brückenkursen nachzuholen. Wer die Abschlussprüfung des Brückenkurses nicht besteht, kann dann auch nicht zum Studium in Natur- oder Ingenieurwissenschaften antreten. So lässt sich auch vermeiden, dass die jungen Leute allzu lang in Watte gepackt werden, wie das in manchen Schulen leider die Regel ist.

Weil die Schulen die

Schüler schlecht ausbilden, sollte man die Jahre in der Schule kürzen? Das ist ja mal ne Logik. Warum werden die Schuljahre gekürtzt?
Meiner Meinung nach geht es ums Geld, wie es immer überall ums Geld geht. Wetbewerbsfähig heißt, einsparungen zu machen! Die Argumente der Politiker für die G8 Schule sind unhaltbar. Die Schulen sind nicht vorbereitet darauf, die Schüler schneller auszubilden. Was passiert, wenn ein Lehrer krank wird? Ja, dann gibt es Übergangslehrer, die meißt gar nicht die Fächer unterrichten, in denen sie Vertretungsuntericht machen. Das bedeutet, dass die Schulen überhaupt gar keine Kapazitäten besitzen, so etwas aufzufangen. Diese diskussion sollte von Eltern geführt werden, die erfahrung damit haben. Nicht aber von Leuten, die von Irgendwelchen Professoren an irgendeiner Uni etwas "gehöhrt" haben.

nicht noch ein neuntes Glas!

Hallo pat,
.
Zitat: "Weil die Schulen die Schüler schlecht ausbilden, sollte man die Jahre in der Schule kürzen?"
Allerdings! Das ist wie bei schlechtem Bier - da wollen Sie auch nicht noch ein neuntes Glas ;)
.
Ihr Vorschlag: "Diese diskussion sollte von Eltern geführt werden, die erfahrung damit haben"
Womit haben denn die Eltern Erfahrung? Ihre Kinder auch ohne Bildung durch die Schule zu mogeln.
.
Bloß nicht!

Volle Zustimmung

Danke für den Artikel! Das [...]Gejammer über G8 geht mir auf den Nerv.

Leider hat man hier in Sachsen-Anhalt das 13. Schuljahr erst eingeführt - um es dann kurze Zeit später wieder zu streichen. Nun ja, besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende...

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Provokationen. Danke. Die Redaktion/sc

Nicht Kleckern sondern Klotzen

also weniger rumdiskutieren, sondern zielgerichtete Umsetzung von G8. Der Autor hat das schön ausgeführt, das emotionale Lamentieren und Diskutieren ist doch nur peinlich und lächerlich...

Zu empfehlen wäre auch ein Blick nach z.B. Sachsen, keiner beschwert sich dort und das auch noch bei sehr guten Leistungen und keiner vermisst Etwas. Der Autor führt schön aus, dass eine gute Organisation der Abläufe in der Schule (inklusive Mittagessen) die Grundlage für konzentriertes Arbeiten ist.

Und dann muss wohl auch an einem doch immer noch sichtbaren Unterschied zwischen einer Ost und einem Westschüler gearbeitet werden, der vor allem in den 90ziger Jahren nach eigenem Erleben sichtbar war. Letzterer verwendeten viel Energie auf das selbstbewusste Diskutieren und Vertreten eines Standpunktes mit dem Ergebnis, dass Westabiturienten die eloquenteren Redner waren, aber bei substanziellen Wissen und Fähigkeiten vor allem bei Naturwissenschaften (aber nicht nur dort!) lange Gesichter bekamen, während selbst durchschnittliche Ost-Abiturienten gelangweilt Lehrveranstaltungen verlassen haben...
Wollte ein Ost-Schüler irgendetwas wegdiskutieren kam vom Lehrer nämlich ab und an auch folgender Satz: "Ich habe mein Abitur und einen Studium dazu, Du nicht."

Reichlich naiv

ist die Position des Autors aus mehreren Gründen:
- Fakt ist, dass die Hauptmotivation der politischen Entscheidungsträger für die Einführung von G8 in der Entlastung des Staatshaushaltes liegt und nicht darin, die Situation für Schüler und Eltern zu verbessern.
- Daher kommt auch die diletantische Umsetzung, die der Autor richtig darstellt. Hauptsache, es wird Geld eingespart, der Rest spielt dann nur noch eine untergeordnete Rolle.
- Das vom Autor genannte Arbeiterkind hat laut Pisastudie heute Migrationshintergrund und ist ohnehin bezüglich des Schulerfolges benachteiligt. Verschlechterte schulische Rahmenbedingungen (verkürzte Schulzeit bei gleichem Stoffumfang) verschlimmern deren Situation noch.
- Für die persönliche Entwicklung der Kinder bzw. Jugendlichen ist in diesem Alter weniger Zeit in der Schule besser. Es bliebe dann mehr Zeit für die persönliche Gestaltung der Zeit z.B. für Hobbies in Vereinen oder auch einfach nur zum Lesen.

Geschreibsel

Es ist in Bildungsfragen wie immer, man, hier TK, kann irgendetwas schreiben, ohne sich besonders kundig gemacht oder Sorgfalt auf Vollständigkeit gelegt zu haben, alles nicht so wichtig, jeder kann mitreden.
Ich kann den Einwänden von weltenbummler 2010 u. anderen mit ähnlicher Meinung nur zustimmen.
Noch ein internes Detail dazu, was gerade im Fach Chemie, nicht ganz untypisch, abgeht:
1. Damit die Verkürzung der Bildungspläne stattfinden konnte, ohne dass sich die Verantwortlichen massiver Kritik ausgesetzt haben, haben sie die Verkürzung den Kollegien vor Ort überlassen, die Rahmenpläne hießen dann Bildungsstandards und nicht mehr Lehrplan.
2. Nach Jahren stellt man jetzt fest, dass das offensichtlich so nicht funktioniert und macht jetzt eine flächendeckende - von allen Gymnasien sollten möglichst alle KollegInnen teilnehmen - eintägige Fortbildung, vermutlich in der sich selbst betrügenden Meinung, damit die Probleme in den Griff zu bekommen.
3. Zunächst gehört der Bildungsföderalismus abgeschafft, allen Widerständen zum Trotz
4. Parallel dazu müssten sich bundesweit die Didaktiker zusammensetzen und Pläne mit Freiraum erarbeiten, was sinnvollerweise unterrichtet wird.
5. Dann muss überlegt werden, wie die sinnvollen Pläne sinnvoll umgesetzt werden.
6. Bildungspolitik ist schon lange nur Geld sparen, man braucht nur die Anteile am BIP verschiedener Länder zu vergleichen, nichts davon bei TK. Es reicht nicht, wenn gerade der Sohn ABI gemacht hat.

Teils, teils

Leider ist mein Kommentar für den begrenzten Platz zu lang, darum in der Kürze:
Da die Welt immer schnelllebiger wird, wo bleibt hier überhaupt noch die Zeit für Kinder? Ein Durchschnittspaar muss mindestens zwei Kinder zeugen zuzüglich derer Kinder, die keine bekommen können. "Für unsere Gesellschaft, die bei schrumpfender Bevölkerungszahl ihren Wohlstand erhalten will", benötigt es Kinder, aber es gibt die Zeit hierfür nicht.

Außerdem haben Sie meines Erachtens den Punkt vergessen, dass Politik von Leute gemacht wird, die keine Ahnung haben. Frau Schavan zum Beispiel, da für mich aktueller, fordert mehr Flexibilität von Bachelorabsolventen bei ihrer Suche nach einem Masterplatz. Studiert hat die gute Frau, allerdings trug sich fast ihr gesamtes Leben im Großraum Köln zu, ob Schulzeit, Studium oder Beruf. Menschen bestimmen etwas und regulieren etwas, von dem sie keine Ahnung haben und sich auch nicht in die entsprechende Situation herein versetzen können. Hinzu kommt noch von meinen Vorrednern erwähntes Geld: Solange der Staat spart, ist alles gut! Solange eine Schule kein Sport-, Musik- und "Freizeit"-verein ist, haben nur noch wenige Gymnasiasten die nötige Zeit für Freizeitangebote wie Fußball, Gitarre oder Gruppenstunde der Ministranten - und das sehe ich in meinem eigenen familiären Umfeld.

Wo kommt diese Hypothese her?

Lieber Kommentator,

ich frage mich immer, wo kommt diese Hypothese her:

"Um Kinder zu kriegen, brauchen die Menschen ein sicheres Einkommen und mehr Zeit"

Das Frage ich mich: In welchem Land leben wir? In welchem Land der Erde hat man mehr Zeit, um sich um sich selbst zu kümmern und in welchem Land der Erde hat man ein noch sicheres Auskommen?

Und in welchen Ländern bekommen die Menschen viele Kinder?

Könnte es sein, dass die Menschen weniger Zeit und weniger Sicherheit brauchen, um mehr Kinder zu bekommen?

Gruß,

matths

Nein können sie nicht,

da es ein ost-west-Unterschied gibt. Die Mehrzahl der im Osten lebenden Frauen bekommen Kinder, wenn sie im Job sind usw., während im Westen der Republik der Anteil der gutverdienenden Frauen weniger Kinder bekommt. Im Osten der Republik bekommen Frauen, die unsichere Lebensverhältnisse haben, eher weniger Kinder. Frauen im Osten haben, wenn sie schlecht verdienen, eher weniger Kinder usw.
Nachlesbar im Bundesfamilienbericht (ich glaube 2010 oder 2009).

Global,

stimme ich ihnen auch nur bedingt zu. Die einen bekommen viele Kinder, weil von der Religion noch immer Kondome verboten sind, ungenügendes Wissen über Schwangerschaftsverhütung herrscht usw. Auch in für uns ärmeren Ländern ist eine hohe Kinderzahl, die vorallem aber durchgebracht wird, auch ein Anzeichen von Reichtum.
Desweiteren lege ich die neue Familienpolitik so aus, dass genau das erreicht werden soll. Elterngeld ist am vorherigen Einkommen berücktsichtigt und orientiert sich somit nicht mehr am eigentlichen Bedarf von frischen Eltern und deren Nachwuchs, sondern am Haushaltseinkommen. Das zielt klar auf eine nach 1945 in der BRD abgelehnte Bevölkerungslenkung ab. Die reicheren Menschen sollen zum Kinderkriegen durch finanzielle Anreize animiert werden, ärmere aber abgeschreckt werden. (Kein Elerngeld, kein Kindergeld, kein Unterhalt, nichts all der staatlichen Familienförderungen erhalten HartzIV-Bezieherinnen.) Und Beethoven hat uns trotzdem die 9. beschert.

Ein guter Kommentar!

Aber ich möchte noch was zu diesem Thema ergänzen:

Ich kenne einige Männer in den Dreißigern, von denen manche durchaus für Kinder bereit wären. Denen mangelt es auch nicht an Geld, sondern an... der Frau. Ich habe mir auch mal sagen lassen, dass es in der gleichen Altersgruppe wohl auch viele Frauen geben muss, die ein ähnliches Problem haben. Ich habe ferner einen Freund, der Osteuropäer ist, und der schon nach einem halben Jahr in Deutschland richtig bemerkt hat, dass es kein Wunder ist, dass die "Deutschen aussterben", weil Frau und Mann offensichtlich einfach nicht mehr zusammenfinden. Ob das am Einkommen liegt? An der Zeit? Also meine Großeltern mussten auch arbeiten - habe ich zumindest mal von meinen Eltern erzählt bekommen, die aus irgendwelchen Gründen ja trotzdem ihren Weg in diese Welt gefunden haben...

Meiner Meinung nach liegt das Problem in erster Linie ganz woanders als beim Einkommen.