Philosophie Europas Kirchen sind so leer wie immer

Ist die Rede von der "Rückkehr der Religion" ein Medienphänomen? Eine Tagung in Frankfurt zu Ehren von Charles Taylor.

Vor einigen Tagen machte die Meldung die Runde, der Vatikan führe mit inquisitorischer Genauigkeit ein Geheimdossier über missliebige deutsche Papstkritiker. Wem die schismatische Stimmung in der katholischen Kirche vor Augen steht, den konnte die Meldung nicht überraschen. Wie soll sich die Kirche gegenüber der modernen Gesellschaft verhalten? Soll sie überfällige Reformen anstrengen, Frauen zum Priesteramt zulassen und sich selbstbewusst der säkularen Gesellschaft öffnen? Oder soll sie das Gegenteil tun: Soll sich die Kirche in pontifikaler Einsamkeit auf den Fels Petri zurückziehen und in lateinischen Messen dafür beten, dass die sündhafte Moderne im Sumpf des Säkularismus endlich untergeht?

An kaum einem anderen Buch lässt sich die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Moderne derzeit so profund und leidenschaftlich erörtern wie an Charles Taylors Riesenwerk Ein säkulares Zeitalter (Suhrkamp). Auf 1.300 Seiten beschreibt der kanadische Philosoph darin den Wandel, der »von einer Gesellschaft, in der es praktisch unmöglich war, nicht an Gott zu glauben, zu einer Gesellschaft führt, in der dieser Glaube nur eine Möglichkeit neben anderen ist« – lediglich eine beliebige Option im Supermarkt der Lebensstile (»Try Jesus!«).

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Im November wird Taylor achtzig Jahre alt, und auch deshalb standen Autor und Werk im Zentrum einer Tagung, zu der das Frankfurter Exzellenzcluster »Die Herausbildung normativer Ordnungen« eingeladen hatte. Hartmut Rosa (Jena) zitierte Isaiah Berlins schönen Satz »Der Fuchs weiß viele Dinge, der Igel aber weiß ein großes Ding« – und ließ keinen Zweifel daran, dass Charles Taylor für ihn der Igel ist. Das »große Ding«, von dem er Kenntnis hat, lautet: Die Ursehnsucht des Menschen ist das »Verlangen nach Resonanz«, und seine größte Angst besteht darin, die Natur könne verstummen und die Gesellschaft im sozialen Tod verenden. »Monomanisch« sei Taylors Blick deshalb auf Resonanz-Systeme gerichtet, und die Religion sei eines davon. Sollte der Gottesglaube verschwinden, wäre die Moderne mit sich allein, sie hätte sich im Kloster des Säkularismus eingemauert, und alle Welt-Beziehungen wären nur noch technischer oder ökonomischer Natur. Das verändert auch das Wesen des Subjekts. Es ist nicht mehr »porös« und offen; es schrumpft, wird »punktförmig« und verschlossen. Wie der Rockmusiker Roger Waters (The Wall) ruft es in die Welt: »Is there anybody out there?« – und die Welt schweigt zurück.

Taylor entfaltet die Geschichte der (christlichen) Religion als Stationendrama der »Exkarnation«. Das Spirituelle zieht sich zurück, es wird »körperlos«, verliert an Tiefe und Fülle und findet nur noch im Kopf statt. »Subtraktionsgeschichte« nennt Taylor das – alles wird weniger, und am Ende aller »Subtraktionen« ist die Welt bleich und ohne Transzendenz. Doch wie verhält sich diese Diagnose zur frohen Botschaft von der »Wiederkehr der Religion«, zur Rede von der »postsäkularen Situation«? Ist Taylors Säkularisierungsthese nicht längst widerlegt? Nein, meinte der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack, sie stehe zwar unter Beschuss, aber die Wiederkehr der Religion lasse sich in Westeuropa statistisch nicht nachweisen. Die Kirchen seien nicht voller geworden, lediglich die Sichtbarkeit der Religion, ihre Medienpräsenz, habe zugenommen. Es sei nun einmal so: Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft habe die Religion aus dem Herzen der Macht vertrieben, der Bischof stehe nicht mehr neben dem Regenten. Das sei der Religion nicht gut bekommen, und selbst Okkultismus und Spökenkiekerei könnten ihre Verluste nicht ausgleichen.

Ist die Rede von der »postsäkularen Gesellschaft« also nur ein Diskursphänomen ohne empirische Evidenz, nur Small Talk »bei Kaminrunden im Kanzleramt und akademischen Tagungen« (Micha Brumlik)? Pollacks klug abwägender Vortrag lockte den Religionssoziologen José Casanova (Washington) heftig aus der Reserve. Er zweifelte daran, ob die bei Luhmann geborgte These von der sozialen Ausdifferenzierung überhaupt stimmt (»regiert nicht ständig die Wirtschaft in die Politik hinein?«), und er konnte auch nicht erkennen, warum sich Religion und Moderne nicht vertragen sollten. Südkorea zum Beispiel werde immer moderner und seine Bevölkerung immer religiöser. Mit einem Wort: Die »Meistererzählung« der Soziologen, wonach in der Moderne alle Religion verdunste, sei Schnee von gestern.

In solchem Hin und Her steckt immer der kleine Teufel der Dialektik: Man redet über Religion und vergisst die Theologie. Thomas M. Schmidt mahnte deshalb die »radikale Differenz« des Glaubens an; Micha Brumlik erinnerte am Beispiel von Giorgio Agambens »eindringlicher« Paulus-Deutung an den Messianismus, an die Idee einer »in Raum und Zeit erlösten Zukunft«. Agamben wende den Messianismus des »hellenistischen Juden« Paulus politisch und stelle alles, auch die Demokratie (»stillgestellter Bürgerkrieg«), unter Vorbehalt, um jederzeit die »Hinfälligkeit und Verderbtheit der Verhältnisse zu enthüllen« – allerdings ohne Hoffnung auf politische Befreiung.

Charles Taylor verfolgte die Frankfurter Exegese mit souveräner Nachsicht, und selbst ein Disput mit Jürgen Habermas endete wie ein Meinungsaustausch unter Freunden, die sich zu gut kennen, um noch in Streit zu geraten. Für Habermas muss es in einer Gesellschaft der explodierenden Gegensätze eine inklusive säkulare Sprache geben, mit der Normen begründet werden. Für Taylor ist das eine rationalistische Illusion; für ihn gibt es in radikal heterogenen und spannungsgeladenen Gemeinwesen keine Metasprache, die alle Differenzen »managt«. Deshalb müssten wir selbst vielsprachig werden, wir müssten lernen, uns »im Tanz des Verstehens« auf Unterschiede einzulassen. Sein Wort in Gottes Ohr.

 
Leser-Kommentare
  1. "Sollte der Gottesglaube verschwinden, wäre die Moderne mit sich allein, sie hätte sich im Kloster des Säkularismus eingemauert, und alle Welt-Beziehungen wären nur noch technischer oder ökonomischer Natur."

    Es müßte dies ja auch für einzelne ungläubige Menschen gelten. Tut es aber offenkundig nicht: Auch ohne Gottesglaube können sie lieben und irrationale Vorlieben oder Hoffnungen pflegen.
    Warum sollte dies bei einer rein säkularen Gesellschaft anders sein?

    Allein die menschliche Empathiefähigkeit wird dafür sorgen, daß immer etwas jenseits ökonomischer und technischer Beziehungen übrigbleibt. Dafür braucht es keine Religion!

    Oder ist gemeint, daß der Säkularismus den Gottesglauben wenigstens in Spuren braucht, um sich seiner selbst zu vergewissern, so wie das Immunsystem wenigstens ein paar Bazillen braucht, um nicht Allergien zu entwickeln? Selbst wenn man das annähme, würde die Kenntnis des historischen Phänomens "Religiosität" völlig genügen, um die Vernunft daran zu schulen.

  2. Die Kirchen haben sich von ihrer Aufgabe der religiösen Auseinandersetzung entfernt und sind heute der Ort wo geschiedene(!) Predigerinnen wie M. Käßmann Politik machen. Es gibt zum Beispiel überhaupt gar keine Versuche in irgendeiner Art und Weise Muslimen unseren Glauben vorzustellen und zu einer Konversion zu bewegen.

    Es gibt keine kritische Auseinandersetzung mit Ultramontanismus und Islam mehr. Der Geist der ökomenischen Versöhnungssehnsüchte führt zu einer Hinwendung auf materielle und politische Auseinandersetzungen, der Kernbestand des Protestantismus wird zu einer Sehnsuch nach besserer Welt weichgespült, die mit Luthers streitbarer Auseinandersetzung nichts mehr zu tun hat. Und dieses Verlernen des zivilisierten Konfliktes führt auch in der wissenschaftlichen Debatte zu reiner Langeweile.

    Alles nicht ganz neu: "Wieso versteht ihr denn nicht, daß ich nicht vom Brot zu euch geredet habe?" - Mt 16,11

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    "Es gibt zum Beispiel überhaupt gar keine Versuche in irgendeiner Art und Weise Muslimen unseren Glauben vorzustellen und zu einer Konversion zu bewegen."
    Gewöhnlich nennt man das MISSIONIEREN ... und in der Tat ist es ein wenig aus der Mode gekommen. Missioniert man die Ungläubigen und Heiden eigentlich immer noch mit Feuer und Schwert? Oder reichen Ihnen zündende Gespräche, um diesen Herätiker von ihrer - natürlich falschen - Religion abzubringen und sie den einzig wahren Glauben annehmen zu lassen.
    Wir dürfen nicht vergessen, dass hier die Seele dieser armen, armen Menschen auf dem Spiel steht. Manche muss man halt zu ihrem Glück zwingen. Also am besten, man bekehrt sie gleich mit Gewalt, wo es doch um die Ewigkeit geht. Und wenn diese Ketzer das nicht überleben, dann ist das auch nicht so schlimm, denn das bisschen Leben und Leiden in dieser Welt ist die Exigkeit in der Nächsten doch wohl Wert.
    Hatten Sie sich diese 'Versuche' so vorgestellt?

    "Der Geist der ökomenischen Versöhnungssehnsüchte führt zu einer Hinwendung auf materielle und politische Auseinandersetzungen..." Grauenvoll - weil die Menschen sich nicht mehr ganz so viel aus religiösen Gründen umbringen, haben sie jetzt Zeit dafür, sich realer Probleme anzunehmen. Das geht nun wirklich nicht. Am Ende fangen sie noch an Nachzudenken. Das geht nun wirklich nicht. Wir brauchen einen neuen Kreuzzug.

    "Es gibt zum Beispiel überhaupt gar keine Versuche in irgendeiner Art und Weise Muslimen unseren Glauben vorzustellen und zu einer Konversion zu bewegen."
    Gewöhnlich nennt man das MISSIONIEREN ... und in der Tat ist es ein wenig aus der Mode gekommen. Missioniert man die Ungläubigen und Heiden eigentlich immer noch mit Feuer und Schwert? Oder reichen Ihnen zündende Gespräche, um diesen Herätiker von ihrer - natürlich falschen - Religion abzubringen und sie den einzig wahren Glauben annehmen zu lassen.
    Wir dürfen nicht vergessen, dass hier die Seele dieser armen, armen Menschen auf dem Spiel steht. Manche muss man halt zu ihrem Glück zwingen. Also am besten, man bekehrt sie gleich mit Gewalt, wo es doch um die Ewigkeit geht. Und wenn diese Ketzer das nicht überleben, dann ist das auch nicht so schlimm, denn das bisschen Leben und Leiden in dieser Welt ist die Exigkeit in der Nächsten doch wohl Wert.
    Hatten Sie sich diese 'Versuche' so vorgestellt?

    "Der Geist der ökomenischen Versöhnungssehnsüchte führt zu einer Hinwendung auf materielle und politische Auseinandersetzungen..." Grauenvoll - weil die Menschen sich nicht mehr ganz so viel aus religiösen Gründen umbringen, haben sie jetzt Zeit dafür, sich realer Probleme anzunehmen. Das geht nun wirklich nicht. Am Ende fangen sie noch an Nachzudenken. Das geht nun wirklich nicht. Wir brauchen einen neuen Kreuzzug.

  3. Wie wahr. Auch besonders hier in diesem Artikel, der ja eigentlich etwas erklären wollte?!

    > Monomanisch - Stationendrama der Exkarnation - Verlangen nach Resonanz - postsäkularen Gesellschaft - Diskursphänomen ohne empirische Evidenz - radikale Differenz des Glaubens - Messianismus - in Raum und Zeit erlösten Zukunft - hellenistischen Juden - inklusive säkulare Sprache <

    Den Politikern wird vorgeworfen sie würden sich unklar ausdrücken und niemand könne sie verstehen ....

    Wenn damit Religion transparent werden soll, dann ist sie den Hochschulabsolventen vorbehalten.

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    kommt immer darauf an wer den artikel lesen soll und wo er erscheint.....

    an einem gewissen fachjargon kommt kein thema vorbei, einsteiger müssen sich da immer erst einlesen. und phrasen wie "Diskursphänomen ohne empirische Evidenz" bedienen sich eines standardfremdwörtervokabulars. diese werden nicht aus angeberei benutzt sondern weil sie (eigentlich) allgemein verständlich sind und auf engem raum viel aussage tätigen, kinderzeitungen z.b. müssen auf solche wörter verzichten und daher immer erst umständlich beschreiben....

    mfg

    Lieber Bernauheim,

    unter dem Vorbehalt, dass ich Begriffe falsch bzw. anders verstehe, als Sie der Autor gemeint hat, hier ein Versuch:

    Monomanisch - psych. Störung, die sich nur auf einen bestimmten Bereich beschränkt.

    Stationendrama ... - erklärt der Text: "Das Spirituelle zieht sich zurück, es wird »körperlos«, verliert an Tiefe und Fülle und findet nur noch im Kopf statt."

    Verlangen nach Resonanz - These, dass der Mensch in Bezügen auf die Welt lebt, und daher nach Antworten von anderen Dingen in der Welt verlangt, Bsp. hier: Natur.

    postsäkulare Gesellschaft - nach einer zunehmend säkulareren Gesellschaft ab etwa 1965ff. eine nun neue Haltung der vormals säkularen Gesellschaft zum Spirituellen.

    Diskursphänomen ohne empirische Evidenz - gegenstandloses Gespräch, das keinen Anhalt an der Welt hat.

    radikale Differenz ... - grundlegende Unterscheidung des Glaubens vom Nichtglauben, etwa bei der Selbstdeutung des Lebens, der Deutung der Welt oder den Antworten auf die sog. W-Fragen (Warum bin ich?, Was ist der Sinn des Lebens? usw.).

    Messianismus - von hebräisch: משיח = Messias, griechisch: Χριστός = Christus, deutsch: Gesalbter) Glaubensvorstellung, dass der gesalbte Gotteskönig auf die Erde kommen wird und ein universelles Friedensreich aufrichtet und die Welt vom Leid erlöst.

    in Raum und Zeit erlösten Zukunft - s. Messianismus.

    (...)

    hellenistische Juden - antikes Judentum, dass seit Alexander dem Großen einen positiven Umgang mit der hellenistischen Leitkultur der Zeit pflegte, mitunter verbunden mit einer Aufgabe eigener kultureller, d.h. jüdischer Bezüge (hebräische Sprache, jüdische Religion, Beschneidung u.a.m.)

    inklusive säkulare Sprache - Sprache und Ausdrücke, die nicht aufgrund einer spirituellen oder religiösen Herleitung oder Konnotation gesellschaftliche Normen begründen und so anschlussfähig sind auch für Nicht-Glaubende.

    LG
    am Rande

    PS: ☺

    kommt immer darauf an wer den artikel lesen soll und wo er erscheint.....

    an einem gewissen fachjargon kommt kein thema vorbei, einsteiger müssen sich da immer erst einlesen. und phrasen wie "Diskursphänomen ohne empirische Evidenz" bedienen sich eines standardfremdwörtervokabulars. diese werden nicht aus angeberei benutzt sondern weil sie (eigentlich) allgemein verständlich sind und auf engem raum viel aussage tätigen, kinderzeitungen z.b. müssen auf solche wörter verzichten und daher immer erst umständlich beschreiben....

    mfg

    Lieber Bernauheim,

    unter dem Vorbehalt, dass ich Begriffe falsch bzw. anders verstehe, als Sie der Autor gemeint hat, hier ein Versuch:

    Monomanisch - psych. Störung, die sich nur auf einen bestimmten Bereich beschränkt.

    Stationendrama ... - erklärt der Text: "Das Spirituelle zieht sich zurück, es wird »körperlos«, verliert an Tiefe und Fülle und findet nur noch im Kopf statt."

    Verlangen nach Resonanz - These, dass der Mensch in Bezügen auf die Welt lebt, und daher nach Antworten von anderen Dingen in der Welt verlangt, Bsp. hier: Natur.

    postsäkulare Gesellschaft - nach einer zunehmend säkulareren Gesellschaft ab etwa 1965ff. eine nun neue Haltung der vormals säkularen Gesellschaft zum Spirituellen.

    Diskursphänomen ohne empirische Evidenz - gegenstandloses Gespräch, das keinen Anhalt an der Welt hat.

    radikale Differenz ... - grundlegende Unterscheidung des Glaubens vom Nichtglauben, etwa bei der Selbstdeutung des Lebens, der Deutung der Welt oder den Antworten auf die sog. W-Fragen (Warum bin ich?, Was ist der Sinn des Lebens? usw.).

    Messianismus - von hebräisch: משיח = Messias, griechisch: Χριστός = Christus, deutsch: Gesalbter) Glaubensvorstellung, dass der gesalbte Gotteskönig auf die Erde kommen wird und ein universelles Friedensreich aufrichtet und die Welt vom Leid erlöst.

    in Raum und Zeit erlösten Zukunft - s. Messianismus.

    (...)

    hellenistische Juden - antikes Judentum, dass seit Alexander dem Großen einen positiven Umgang mit der hellenistischen Leitkultur der Zeit pflegte, mitunter verbunden mit einer Aufgabe eigener kultureller, d.h. jüdischer Bezüge (hebräische Sprache, jüdische Religion, Beschneidung u.a.m.)

    inklusive säkulare Sprache - Sprache und Ausdrücke, die nicht aufgrund einer spirituellen oder religiösen Herleitung oder Konnotation gesellschaftliche Normen begründen und so anschlussfähig sind auch für Nicht-Glaubende.

    LG
    am Rande

    PS: ☺

  4. Nun die Transzendenz scheint so alt wie die Menschheit zu sein.

    Atheismus (Ohne Gott, ohne Glaube) gab es noch nie. Die Alternativen sind dann eben Zwangshandlungen, wie beliebige Ideologien, oder das Ich, mit denen der Mensch dann sein Sein rechtfertigt. Der Mensch der Nichts glaubt, also ein wirklicher Atheist, muß erst noch gebaut werden, vielleicht im wahrsten Sinne des Wortes. Treffen würde ich diesen gerne, wäre spannend.

    Ob Ipod, DSDS, Youporn, Greenpeace, oder Scheinitellektualität die Lücke füllen konnten, werden spätere Generationen beantworten.

    Über was gesprochen wird ist müßig, was man erfahren und beobachten kann, eine andere Sache. Wer sich wachen Auges umschaut sieht eine wachsende Anzahl von Menschen, welche sich wieder das von Marx verteufelte Opium zuführen. Erkennbar ist diese Gattung der Zweibeiner an Kopftüchern, Gebetskettchen, neopaganistische Zeichen, oder Kreuze um den Hals tragen.

    Recht lustig mutet die ganze Diskussion an, weil sich meist ergraute Herrschaften und ihre Jünger (es darf geschmunzelt werden), oft zu recht, immer noch an der Kirche abarbeiten und sich dabei selbst auf die gesalbte Schulter klopfen.

    Der Antichrist scheint für diesen Verein meist im Vatikan zu sitzen, andere Religonen werden dabei schnell mal verdrängt, oder sind wahlweise "spannend", das wenig vorhandene Geistespulver darf ja nicht verschossen werden. Für den wachen Beobachter mutet dies nach einer never ending story an, aber wenn es gefällt.

    • thomin
    • 23.06.2011 um 11:03 Uhr

    Was wir meiner Meinung nach beobachten ist was Philosoph Dan Dennett "Glaube an den Glauben" nennt. Die Gesellschaft wird nicht religiöser in dem Sinn, dass mehr Menschen an Gott glaubten, vielmehr glauben die Menschen vermehrt, dass es gut für die Anderen in der Gesellschaft ist an Gott zu glauben, auch wenn man das selbst nicht tut.

    Diese Entwicklung führt dazu, dass die Religion zumindest in Sachen Medienpräsenz erstarkt und ist meiner Meinung nach Folge der Konfrontation des Westens mit Islam und Islamismus. Viele denken, dass es eines erstarkten Christentums bedürfe um dem Islam in seiner heutigen Form entgegenzutreten.

    Dieser "Glaube an den Glauben" führt leider in die falsche Richtung. Gerade die Abwendung vom Glauben war es die unsere freiheitlichen Gesellschaften erst möglich gemacht haben. Leider haben wir nie gelernt die Werte der Aufklärung offensiv zu vertreten. Es hat sich demnach ein Werterelativismus breit gemacht der bei immer mehr Menschen für ein mulmiges Gefühl sorgt und der dem Säkularismus angekreidet wird. Die Abkehr von Gott bedeutet aber gerade nicht "anything goes", dieser Glaube geht auf ein grundsätzliches Missverständnis von Nietzsche zurück.

    Anstatt also die Rückkehr zum Glauben zu propagieren sollten die Medien und die intelektuelle Elite lieber versuchen zu erklären wie sich unsere westlichen Werte philosophisch begründen, damit Otto-Normalbürger eben nicht mehr auf Gott angewiesen ist wenn er dem Werterelativismus entgegen treten möchte.

    • TDU
    • 23.06.2011 um 11:05 Uhr

    Wunderbar. Dem liegt wohl ein Weltbild zugrunde, welches die Veränderung akzeptiert. Und "sich auf die Unterscheide einzulassen". Vielleicht ist das die Herausforderung, die unsere "intellektuelle" Existenz so schwierig macht. Frieden und Verstehen unter der Akzeptanz der Unterscheide und nicht als Ergebnis des Ringens um Gleichmacherei.

  5. /Zitat
    Sollte der Gottesglaube verschwinden, wäre die Moderne mit sich allein, sie hätte sich im Kloster des Säkularismus eingemauert, und alle Welt-Beziehungen wären nur noch technischer oder ökonomischer Natur. Das verändert auch das Wesen des Subjekts. Es ist nicht mehr »porös« und offen; es schrumpft, wird »punktförmig« und verschlossen. ... Das Spirituelle zieht sich zurück, es wird »körperlos«, verliert an Tiefe und Fülle und findet nur noch im Kopf statt.
    Zitat/

    Umgekehrt wird ein Schuh draus: Religion findet nur im Kopf statt und im Rückzug in den geschlossenen Raum: in die Kirche, ins Kloster, in die Klosterzelle, im Schweigegebot, im Gehorsams- und Keuschheitsgelöbnis ...

    Religion konsequent (christlich) gelebt heißt nicht Offenheit, sondern Rückzug aus allen weltlichen und sozialen Bezügen.

    Nicht-Religiöses Welterleben dagegen heißt offen leben mit allen Sinnen und dem ganzen Körper: Wind, Sonne, Regen, nasses Gras und trockenen Sand zu spüren ... ist sinnliches Erleben, nicht Kopfgeburt.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Wenn es um "Gottesglauben" geht, müsste von mehr als dem blossen Zustand der christlichen Kirchen die Rede sein. Interessant ist, dass an Taylor's Geburtstagsfeier in Frankfurt offensichtlich über ein Phänomen wie den Islam mit seinen zahlreichen Richtungen kaum ein Wort verloren worden zu sein scheint.
    Was die Spiritualität betrifft, fällt mir im Bericht von Assheuer das Fehlen von Bezügen auf den Buddhismus (beispielsweise)auf - das war dann wohl an der Veranstaltung kein Thema.
    Dass sich die Kirchen, welche den christlichen Glauben quasi als ihr ureigenes und ausschliesslich durch sie repräsentiertes Biotop verstehen, in einer Phase befinden, in der sie einerseits von interner Beliebigkeit, anderseits von austarierter Dogmatik betroffen sind, können nicht nur Religionssoziologen feststellen.

    Interessanter scheint mir in Bezug auf "Religion" der Ansatz von Habermas zu sein: Jedenfalls sind Normenbegründungen für die Verständigung aufs Übeleben auf dem Planeten in einer heterogenen und polyzentrischen Welt bei unübersehbarer Gleichzeitigkeit ihrer Wirkung nicht mit Hilfe päpstlicher Dogmatik oder lutherischer "Standfestigkeit" zu diskutieren. Gerade rein organisatorische Fragen wie der Zöilbat oder die Verweigerung der Priesterschaft für Frauen zeigt, wieviel Energie in Nebensächlichkeiten vergeudet wird. Da fehlt es dann an allem: An Gottesglauben genauso wie an Spiritualität. Von "Pfingstwundern" sind die christlichen Kirchen inzwischen weit entfernt, denke ich.

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