Es ist halb drei in der Nacht zum Sonntag dieser Woche, als der Meister in Tel Aviv eintrifft. Mit dem Flug KLM 461 ist er gekommen, die Boing 777 aus Amsterdam rollt auf ihre Parkposition im Flughafen Ben Gurion. Ein Gabelstapler hebt die 217 Kilo schwere Kiste aus dem Laderaum und fährt sie in ein Frachtterminal. Picasso trägt die Frachtnummer 598100360 und verbringt die Nacht in einem Tresor. Picasso ist jetzt in Israel, aber wird er den Rest der Reise auch noch durchhalten?

Am Morgen um halb neun trifft Louis Baltussen an der Zollabfertigung des Flughafens ein. Er hat kaum geschlafen. Er setzt sich in die Mitarbeiterkantine des Terminals und schaut wortlos auf sein Handy. Warum rufen die israelischen Transporteure nicht an? Anders als er dürfen die den Hochsicherheitsbereich des Flughafens betreten. »Warum melden die sich nicht?«, brummt er.

Um 9.55 Uhr klingelt sein Telefon.

»Sie haben die Kiste geöffnet«, hört er jemanden am anderen Ende der Leitung sagen.

Baltussen schweigt.

»Wie lange?«, fragt er dann. Es sind jetzt schon 26 Grad in Tel Aviv. Viel zu heiß für Picasso. Wie lange stand die Frachtkiste offen?

»Drei Minuten.«

»Nicht optimal«, antwortet Baltussen, »aber noch akzeptabel.«

Baltussen ist der Chefkonservator des Van Abbemuseums im niederländischen Eindhoven. Er ist mitverantwortlich für die letzten Kilometer dieser einmaligen Odyssee. Noch nie hat jemand versucht, ein kostbares Gemälde aus dem Westen zu einer öffentlichen Ausstellung nach Palästina zu bringen, in dieses unberechenbare Land, das nicht einmal ein anerkannter Staat ist , dieses Land, in dem es kein einziges Museum für moderne Kunst gibt, stattdessen Männer mit Kalaschnikows und Jungs mit selbst gebauten Bomben. Ist es Leichtsinn oder Größenwahn, den Versuch zu wagen, Picassos berühmtes Bild Buste de Femme dort ausstellen zu wollen, ein Meisterwerk mit einem Versicherungswert von fünf Millionen Euro?

Picassos Bild steckt in einer klimatisierten Kiste, zusammengehalten von 43 Schrauben, entwickelt von der deutschen Firma Hasenkamp und dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik. Aber die Soldaten von der israelischen Sicherheitsinspektion wollten den Inhalt der Kiste sehen, allen Erklärungen zum Trotz. Dann erst gaben sie Picasso frei.

Der VW-Transporter der israelischen Speditionsfirma fährt an das Ladedock. Baltussen wartet schon. Auf seiner Stirn haben sich rote Flecken gebildet. Die Gabelstapler in der Lagerhalle fahren zu schnell, findet er. Neulich erst hat einer am Flughafen in Amsterdam zwei Löcher in eine Kiste gerammt, die einen Chagall enthielt, sagt er. Zu dritt hieven sie jetzt Picasso in den Transporter und zurren ihn fest. Baltussen atmet durch. 55 Kilometer hat das Gemälde noch vor sich. In der International Academy of Art in Ramallah im von Israel besetzen Westjordanland soll es ankommen. In wenigen Tagen soll die Ausstellung eröffnet werden. Fotografen werden ihre Kameras in Stellung bringen, über einen einzigartigen Vorgang werden Reporter schreiben – aber nur dann, wenn alles gelingt.

Der Transporter fährt vorbei an arabischen Dörfern und israelischen Siedlungen hinter Stacheldraht. Obwohl Picasso sanft in seiner Schaumstoffkiste ruht, blickt Baltussen alle paar Minuten besorgt nach hinten. Bei Atarot, einem Vorort von Jerusalem, stoppt der Transporter vor einer hohen Wand aus Beton, der fast 500 Kilometer langen israelischen Sperranlage, die das Kernland Israels von den palästinensischen Autonomiegebieten abriegelt.

Der israelische Fahrer steigt aus. Als Jude darf er nicht auf die andere Seite, in die Zone A, die unter der Verwaltung der Palästinensischen Autonomiebehörde steht. Ein Palästinenser steigt in den Wagen und übernimmt das Steuer. »Jetzt kommt der schwierigste Teil«, sagt Baltussen. Im Schrittempo rollt der Transporter auf die Sperranlage zu. Unter den Reifen des Lasters klacken die Krallen der Eisensperren. Auf der Straße steht ein Soldat mit erhobenem Sturmgewehr. Als sich das Auto dem Wachhaus nähert, hebt eine Soldatin warnend die Hand. Der Fahrer kurbelt die Fensterscheibe herunter. »Ma matzav?«, fragt die Soldatin. Was ist los?

Es war ein Tag im Januar 2009, als Charles Esche, der Direktor des Van Abbemuseums für moderne und zeitgenössische Kunst in Eindhoven, den Satz sagte, mit dem alles begann. Er sagte: »Lasst uns mal radikale Ideen entwickeln«. Charles Esche lächelte herausfordernd in die Runde, die sich im Konferenzraum seines Museums versammelt hatte. Ein Kurator aus Marokko war angereist und einer aus Ägypten, ein Installationskünstler aus Jordanien, ein Schriftsteller aus der Türkei, ein Aktionskünstler aus dem Libanon. Auch eine israelische Kuratorin saß dabei. Einige der Araber wollten sich zuerst nicht mit ihr an einen Tisch setzen. Doch jetzt reden sie mit ihr über den kulturellen Austausch zwischen dem Westen und der Region, die man im Westen den Nahen Osten nennt.