Film "Schlafkrankheit" Auf der Durchreise

Was haben Weiße in Schwarzafrika verloren? Ulrich Köhlers Film "Schlafkrankheit" stellt sich dem postkolonialen Schlamassel.

Schlafkrankheit heißt Ulrich Köhlers Film, der uns mitnimmt in eine andere Welt: nach Schwarzafrika, in den Dschungel von Kamerun, in das Leben eines Arztes und Entwicklungshelfers, der kurz vor der Rückkehr nach Deutschland steht. Es ist eine erhellende Expedition, ein Blick auf unseren Blick auf einen fremden Kontinent, ein Sprung in den postkolonialen Schlamassel und – zumindest gegen Ende – auch eine psychische Reise in das innere Ausland, wie Freud das Unbewusste einmal genannt hat.

Das deutsche Kino blickt, ganz wertfrei gesagt, nicht allzu oft über den Tellerrand unseres kleinen Landes hinaus. Umso schöner, wenn ein junger Regisseur in die Ferne zieht, für ein zunächst entlegenes Projekt, das dann aber doch sehr nahe liegt.

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Und wie es sich für einen Film im Herzen der Finsternis gehört, beginnt Schlafkrankheit im völligen Dunkel, auf einer nachtschwarzen Straße, die vom Flughafen in die Stadt führt. Gerade haben Ebbo Velten (Pierre Bokma) und seine Frau Vera (Jenny Schily) die gemeinsame Tochter abgeholt, die ein letztes Mal zu Besuch kommt. Ein Kontrollposten taucht am Straßenrand auf, Uniformen und Gewehre erscheinen im irrlichternden Schein. Ein Beamter verlangt die Papiere der Tochter. Er bemängelt das Fehlen eines Visums. Der Mann will Geld, so viel ist klar, und Ebbo Velten will es ihm nicht geben.

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Das kurze Hin und Her des Dialogs, der Wechsel von Willkür und Ohnmacht, vorgeschobener Bürokratie und gereizter Verweigerung wirft uns mitten hinein in einen Alltag, der immer neu improvisiert werden muss. Es ist eine Szene, die so wahr und banal ist wie das Leben selbst.

Auf der vergangenen Berlinale verlieh die Jury unter dem Vorsitz von Isabella Rossellini den Regiepreis an Ulrich Köhler. Völlig zu Recht! Denn dieser junge Regisseur ist ein Meister der inszenatorischen Beiläufigkeit, der kleinen beredten Gesten und großen Nebensächlichkeiten. Es sind kleine Alltagsbeobachtungen, mit denen Köhler das große spätkoloniale Drama erzählt. Im Laufe seines Films setzt er viele Wahrheiten über Europa und Afrika ins Bild. Er wird den Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe beleuchten, das Dilemma von Hilfe und Abhängigkeit und eine Sehnsucht nach Afrika, die vielleicht nur die Angst vor der eigenen fremden Heimat ist. Und er erzählt von einem Mann, der sich selbst abhandenkommt, ohne dass wir genau erfahren, warum. All dies wird in Schlafkrankheit verhandelt, ohne dass nur eine einzige Szene exemplarisch, metaphorisch oder symbolisch wirkt. Vielmehr gelingt diesem Regisseur die Quadratur des Kreises: Seine Szenen sind ganz bei sich und weisen gerade deshalb über sich hinaus.

Etwa wenn Vera Velten dem Nachfolger ihres Mannes beim Rundgang durch das Haus ihre Köchin anpreist. Sie tut es freundlich und pragmatisch, in Anwesenheit der Frau. Man wüsste nicht einmal, ob man selbst die Situation anders lösen würde. Dennoch wird die Angestellte hier behandelt wie ein Möbelstück, das es zu behalten gilt.

Oft scheint das Objektiv hinter dem Fahrersitz des Jeeps montiert

Oder wenn der Entwicklungshelfer seine Tochter bei einem Ausflug zum Schwimmen im Fluss nötigen will. Wir sehen nur eine kurze Kabbelei, dennoch sagt die Einstellung alles über die Fremdheit zwischen einer Pubertierenden, die sich in der Landschaft der Eltern nicht mehr heimisch fühlt, und einem Vater, dem jedes Verständnis dafür fehlt. Nie wird in diesem Film eine Figur für Ideen missbraucht. Nicht einmal der französische Geschäftsmann Gaspard (Hippolyte Girardot), ein kleiner König im weißen Ghetto. Wenn er über Plantagen-Investments schwadroniert oder am Club-Swimmingpool afrikanische »Studentinnen« in Empfang nimmt, dann kommt hier zumindest ein ehrliches Ausbeutertum zutage, das dem vordergründigen Idealismus des Entwicklungshelfers angenehm zuwiderläuft.

All dies filmt Köhler mit einer Kamera, die sich gern zurückhält. Ihre Sicht ist nahe genug, um uns für Veltens Welt zu interessieren, aber auch weit genug weg, um die Absurdität des weißen Lebens in Schwarzafrika festzuhalten. Oft scheint das Objektiv direkt hinter den Fahrersitz des Jeeps montiert. Die Fahrt durch den Busch über schlammige Wege, vorbei an vereinzelten Menschen, die welchen Verrichtungen auch immer nachgehen, bleibt die Perspektive des Fremden, Durchreisenden, Besuchenden. Es ist der Blick von außen auf eine Welt, die sich den Figuren dieses Films entzieht, je näher sie ihr zu kommen versuchen.

Die Freiheit, die sich Ulrich Köhler bei der Abfolge seiner Szenen nimmt, gipfelt schließlich in einem vollkommen überraschenden Zeitsprung in der Mitte des Films: Drei Jahre später lebt Ebbo Velten immer noch in Afrika, inzwischen mit einer afrikanischen Frau, die ein Kind von ihm erwartet. Auch die Perspektive springt, zu einer weiteren Hauptfigur: Alex (Jean-Christophe Folly), ein Abgesandter der Weltgesundheitsorganisation, soll Veltens Schlafkrankheit-Projekt prüfen und über die Vergabe weiterer Mittel entscheiden. Mit dem Blick dieses farbigen Arztes erleben wir Ebbo Veltens neue Existenz. Es ist das Leben eines Mannes, der vor sich selbst auf der Flucht scheint und in Afrika nie heimisch wurde. Von den Verwandten seiner Frau wird er vor allem als Spender von Fernsehgeräten und Autos angesehen. Sein Schlafkrankheit-Projekt hatte Erfolg und schafft sich damit selbst ab. Der Glaube an Veränderung, der Velten noch durch die erste Filmhälfte zu tragen schien, ist einer somnambulen Verlorenheit gewichen.

Schon in seinen früheren Filmen erzählte Ulrich Köhler von Menschen, die aus ihrem Leben aussteigen oder erst gar nicht darin Fuß fassen. Sein 2003 gedrehtes Regiedebüt Bungalow handelte von einem Bundeswehrrekruten, der nach einem Manöver einfach auf einer Raststätte zurückbleibt. Ziel- und antriebslos richtet sich Paul im Bungalow seiner abwesenden Eltern ein, geht seinem Bruder auf die Nerven und verliebt sich in dessen Freundin. Der Film überlässt sich dem amorphen Zeitempfinden seines Helden, ergibt sich der Ratlosigkeit, der hochsommerlichen Lethargie – und wird nebenbei zu einem großartigen Bild adoleszenter Orientierungslosigkeit. In Montag kommen die Fenster (2006) wiederum begibt sich eine junge Ärztin auf die Flucht vor dem Eingerichtetsein. Gemeinsam mit ihrer Familie ist Nina von Berlin nach Kassel gezogen, in ein noch unrenoviertes Einfamilienhaus. Kurz bevor die Fenster eingesetzt werden, driftet sie davon, fährt zu ihrem Bruder und landet schließlich in einem riesigen Hotelkomplex. Das unüberschaubare, mit Glasscheiben verwinkelte, ständig mit Elektropop berieselte Gebäude wird zu einem surrealem Refugium, in dem innen und außen, Sehnsucht, Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Paul, Nina und Ebbo Velten sind Verwandte im Geiste, Existenzflüchtlinge, Selbstverweigerer.

In Schlafkrankheit setzt sich die Fluchtbewegung von Köhlers Kino weiter fort, ins Herz der Finsternis, jenen dampfenden dunklen Wald, in dem das moderne Subjekt mit seinen Abgründen und Untiefen vollkommen allein ist. Und es spricht für Ulrich Köhlers gelösten Humanismus, dass er seinem Entwicklungshelfer die Veränderung und Verwandlung, nach der er sich sehnt, doch noch zugesteht: in Gestalt des überraschendsten Endes, das man seit Langem im deutschen Kino gesehen hat.

Schlafkrankheit wurde in Kamerun auf Deutsch und Französisch gedreht. Dennoch ließ der Verleih den Film synchronisieren, was zur Folge hat, dass die afrikanischen Figuren ein seltsam entwurzeltes, steriles Deutsch in den Mund gelegt bekommen. Man sollte sich den Film also unbedingt im Original mit Untertiteln anschauen. Es wäre einfach zu schade, den Wechsel der Sprachen und Tonlagen und die kosmopolitische Weite, in die sich Ulrich Köhler wagt, wieder auf die Enge eines deutschen Synchronstudios reduziert zu sehen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • Kitoko
    • 22.06.2011 um 9:30 Uhr

    ist auch ein postkolonialer Ausdruck, den weißeuropäische Schreiberlinge gern benutzen ohne drüber nachzudenken, dass hier lediglich die Pigmentierung der Bevölkerung der betroffenen Ländern als Kriterium gesehn wird und unterschiedliche Länder unter dem Begriff verallgemeinert werden. Aber in Weißeuropa ist das ja so üblich und wird gar nicht erst hinterfragt.

  1. Ich fände es besser, wenn im Artikel statt des rassistisch-diskriminierenden Begriffes "Schwarzafrika", das heute gebräuchlichere "Subsahara" stehen würde.

    Die 'political correctness' kann zwar auch übertreiben werden: in diesem Fall sollte aufgrund des deutschen postkolonialen Erbes (Stichwort: Genozid an den Herero) darauf geachtet werden.

    • Toho
    • 22.06.2011 um 14:38 Uhr

    Neben dem Begriff "Schwarzafrika" ist auch die Beschreibung Kameruns oder gar der gesamten Subsahara als "Herz der Finsternis" auesserst unangebracht. Der Autor sollte selbst mal ueber den Tellerrand seines kleines Landes hinausblicken, und vor allen Dingen, reisen.

  2. "st auch ein postkolonialer Ausdruck, den weißeuropäische Schreiberlinge gern benutzen ohne drüber nachzudenken, dass hier lediglich die Pigmentierung der Bevölkerung der betroffenen Ländern als Kriterium gesehn wird und unterschiedliche Länder unter dem Begriff verallgemeinert werden. "

    Warum?

    In Schwarzafrika leben Schwarze. Im Unterschied zu Nordafrika: dort leben Araber, Berber, durchaus auch Schwarze, aber die haben nun mal eine andere Geschichte und Kultur als die Völker Schwarzafrikas.

    Wenn Sie von Weißeuropa sprechen,rührt mich das nicht im mindesten; rätselhaft ist für mich nur, von welchem nicht-weißen Europa Sie das abgrenzen wollen. Doch gewiss nicht von den Schwarzen und Mischlingen, die unsere Staatsbürgerschaft angenommen haben oder gar hier geboren und aufgewachsen sind; das sind nämlich Europäer. Genau so, wie die schwarzen Nordafrikaner Nordafrikaner sind.

    Die beständig fehl geschlagenen Bemühungen um politisch korrekte Sprache in den USA machen doch nur eines klar: wer abwerten und beleidigen will,macht jede Bezeichnung zu einer Beleidigung. Und wem das nicht in den Sinn kommt, bei dem ist es im Prinzip egal, welche Benennung er wählt.

    • sbrab
    • 22.06.2011 um 15:33 Uhr

    Die Vokabel „Schwarzafrikaner“ ist inhaltlich ebenso unpräzise wie „Weißeuropäer“.
    Der Begriff besagt weder, von welchem Land noch von welcher Kultur oder Sprache die Rede
    ist. Der einzige im Wort tatsächlich enthaltene Informationsgehalt ist „richtig schwarze
    Schwarze“ und damit rassifizierend. Der zunächst verdeckte, aber mit-kommunizierte
    Informationsgehalt ist, dass es sich um eine homogene Gruppe von Menschen handele, die
    nicht differenziert benant und behandelt werden muss. Dies sind deutliche Anzeichen für
    Diskriminierung und hegemoniale Diskursführung.
    Aus diesen Gründen raten wir davon ab, in Publikationen den Begriff „Schwarzafrikaner“ zu
    verwenden.

    Allen Zeitredakteur_innen würde es gut tun, mal auf ihre (rassistische) Sprache zu achten:
    http://www.derbraunemob.i...

    Zitiert aus: http://www.derbraunemob.i...

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