Der Fotograf Martin Parr © Sean Gallup/Getty Images

Wie es kommt, dass ausgerechnet der Fotograf Martin Parr , der seine Landsleute so britisch porträtiert hat wie kein Zweiter, im Ausland mehr geliebt wird als in seinem Heimatland Großbritannien? In Frankreich und Deutschland, erzählt er, ist er heute wesentlich bekannter und erfolgreicher als zu Hause, »ich glaube, dass das auch damit zu tun hat, dass in beiden Ländern eine gewisse Schadenfreude darüber herrscht, wie England auf meinen Bildern zu sehen ist. In Frankreich habe ich die meisten Fans – und nirgendwo auf der Welt werden Engländer so gehasst wie dort.« Aber Martin Parr wäre nicht Martin Parr, wenn er sich darüber grämen würde. »Ärgern? Ach was, ich bin entzückt darüber! Gebt mir all eure Euros! Gerade jetzt, wo er so stark ist!«

Montagmorgen, Anfang Juni, im Osten Londons, hier hat Martin Parr sein Büro, auch wenn er die meiste Zeit mit seiner Frau in Bristol lebt. Für das ZEITmagazin hat er sein Land im Jahr 2011 porträtiert, auch darum soll es in unserem Gespräch gehen. Natürlich regnet es, und natürlich freut sich Parr, als man auf die Frage »Tee oder Kaffee?« mit »Tee, bitte« antwortet. Er liebt Tee, ganz Brite, »die Milch gehört zuerst in die Tasse«, das sei wichtig.

Der erste Gedanke: Der Mann ist groß, 1,90 Meter, keine schlechte Perspektive für einen Fotografen. Wie sieht er Großbritannien heute? »Das Land wandelt sich«, sagt er, »selbst wenn ich mich sehr für seine nostalgische Seite interessiere, habe ich versucht, auch die moderne zu zeigen. Aber die alten Pubs, der Urlaub am Strand, davon kann ich einfach nicht genug bekommen.« Seit über 20 Jahren besucht Parr jeden Donnerstag dieselbe Pokerrunde in seinem Lieblingspub in Bristol, immer dieselben sechs bis acht Freunde. »Poker«, sagt er, »ist ein großartiges Spiel. Es führt drei elementare Dinge des Lebens zusammen: Lachen, Glück und Talent.«

Lachen, Glück, Talent. Sein Lachen ist prägnant und kurz, ha-ha-ha, die Financial Times hat einmal geschrieben, es sei »wie aus einem Comic«.

Das Glück. Martin Parr wurde zur rechten Zeit geboren, um das zu werden, was er heute ist – »Großbritanniens einflussreichster Fotograf«, wie ihn die Wirtschaftswoche genannt hat. Er hat in den siebziger Jahren angefangen, als Fotograf zu arbeiten, zu einer Zeit, als eine größere Öffentlichkeit begann, Fotografie als eigenständige Kunstform wahrzunehmen (und nicht »nur« als Journalismus). In Düsseldorf prägte das Ehepaar Bernd und Hilla Becher an der Kunstakademie eine Generation von Fotografen. »Ich liebe die ästhetische Strenge der Bechers«, sagt Parr, »sie haben auch sonst alles verändert. Sie haben die Tür zum Kunstmarkt geöffnet, davon profitieren wir Fotografen bis heute.« Becher-Schüler wie Andreas Gursky zählen längst zu den bestbezahlten Fotografen der Welt. »Aber haben Sie mitbekommen, dass Gursky nicht mehr die Nummer eins ist?«, fragt Parr. »Vor ein paar Wochen wurde ein Bild von Cindy Sherman für noch mehr Geld verkauft.« Ein Bild von Gursky war lange Zeit das teuerste Foto, das je verkauft wurde. Das Sherman-Bild ging jetzt für 3,9 Millionen Dollar weg. »Ich bin sicher, dass Gursky in seinem Porsche sitzt und weint.« Ha-ha-ha, lacht Parr sein Comiclachen.

Parallel zur Arbeit der Bechers in Deutschland kam die Farbfotografie aus den USA nach Europa, und Parr, der bis dahin selbstverständlich Schwarz-Weiß fotografiert hatte, stieg um. »Ich dachte, ich probiere das mal, und nachdem ich einmal damit angefangen hatte, bin ich dabei geblieben.« Mit der Farbe änderte sich sein Ton. »Vorher hatte ich den Alltag gefeiert, dann wurden die Arbeiten kritischer.« Das Fundament war gelegt für seinen internationalen Durchbruch. Er begann 1983 mit seiner Serie The Last Resort, in der er britische Strandurlaubsszenen zeigte.

Ein prägnantes Lachen und das Glück, zum richtigen Zeitpunkt geboren zu sein, hätten nicht gereicht. Woher kommt sein Talent, Bestandteil Nummer drei von Martin Parrs Lieblingsspiel Poker? »Die Fotografen-Gene«, sagt er, »habe ich von meinem Großvater geerbt, auch wenn wir beide sehr unterschiedliche Fotografen sind.« Landschaften waren die Lieblingsmotive des Großvaters, aber er fotografierte zwischendurch auch Regenschirme und eigentümliche Gebäude, »er hatte einen guten Blick«, sagt der Enkel.