So funktioniert hier Politik: In Griechenlands größter Not ruft der Premierminister den Oppositionsführer an. Giorgos Papandreou will mit Antonis Samaras im Vertrauen reden. Was jetzt folgt, müsste ein Staatsgeheimnis bleiben. Papandreou bietet Samaras eine Große Koalition an . Der Oppositionsführer stellt Bedingungen. Papandreou müsse gehen. Der willigt ein, ohne dass seine Partei davon weiß. Samaras will mehr: Die Koalition dürfe nur kurz dauern, und das Sparprogramm der EU müsse neu verhandelt werden. Papandreou will sich mit der Partei besprechen, legt auf. Kurz darauf lässt Samaras das griechische Fernsehen wissen, Papandreou wolle zurücktreten. Die Nachricht geht um die Welt. Ein blamierter Premier sagt die gemeinsame Regierung ab. Weil die zwei sich nicht einigen können , rutscht das ganze Land in die Staatskrise.

Papandreou und Samaras duzen einander. Sie sind die mächtigsten Prinzen der großen Familien der griechischen Politik. Als Nachkommen von Premierministern und Elite-Intellektuellen haben sie gemeinsam in Amerika studiert. Teilten dort sogar ein Zimmer an ihrer Universität. Jetzt streiten sie sich um die Macht in ihrem Land. Sie sollen Griechenland reformieren, doch sie reiben sich aneinander auf . Die EU und der Internationale Währungsfonds (IWF) erwarten von Griechenland Ende Juni die Verabschiedung eines radikalen Spar- und Reformprogramms. Davon hängt auch das Schicksal des Euro ab. Doch kann die zerstrittene politische Klasse das umsetzen?

Man kann Giorgos Papandreou vieles vorwerfen, aber nicht, dass es ihm an gutem Willen mangele. Er entwirft kühne Sparprogramme, hat die Steuern auf Geheiß von EU und IWF erhöht, will den wuchernden Staatsapparat zurückschneiden. Er lädt die Opposition zum panhellenischen Konsens ein. Er beruft ein neues Reformkabinett. Allein erreicht hat er bisher nicht viel. Die Steuereinnahmen bleiben dürftig, der Staat leidet an Übergewicht, die Schulden wachsen, die Wirtschaft schrumpft. Die Opposition blockiert und hält ihn für gescheitert. Die Menschen draußen aber entziehen allen Politikern das Vertrauen. Vor dem Parlamentsgebäude haben Demonstranten ihr Zeltlager aufgebaut. Hoch ragt davor das von deutschen Architekten gebaute ehemalige Königsschloss auf. Darin streiten Papandreou und Samaras um die Wette. In einem Nebenraum erklärt Papandreous Stellvertreter Theodoros Pangalos bei einem Espresso und Schokoladenplätzchen, was schiefläuft.

Problem Nummer eins: der für jeden Erfolg so wichtige Verkauf von Staatsbesitz. Er stockt bisher, die meisten Griechen sind dagegen. Gerade hat ein Abgeordneter der Pasok, der regierenden Sozialisten, angedroht, er wolle dem Reformprogramm nicht zustimmen, weil er aus dem Wahlkreis kommt, wo der staatliche Elektrizitätsversorger DEI seine Werke hat. »Sonderinteressen«, seufzt Pangalos. Die Pasok sei eng mit den Gewerkschaften der Staatsbetriebe verbandelt. Dazu komme die Vorstellung, dass »Staatsbesitz gut und solche Betriebe Teil des nationalen Schatzes« seien. Doch es geht noch tiefer, wie Athener Journalisten erzählen. Die großen Parteien – Pasok, aber auch die konservative Nea Dimokratia von Antonis Samaras – haben in diesen Staatsbetrieben Heerscharen von Anhängern untergebracht. Wahlsiege und politische Stabilität beruhten auf der Versorgung mit solchen Jobs. Die Parteien müssten mit der Privatisierung ihren Wählern kündigen. Deshalb sorgt bis heute für Wasser, Strom, Flughäfen und Casinos der Staat.

Problem Nummer zwei: die Abzocker und Reichen, die immer noch zu wenig Steuern zahlen. Sie sind, neben den Regierenden, das zweite Ziel des Volkszorns . Vom Akropolis-Berg sieht man die Schwimmbäder der Penthäuser glitzern. Im Jachthafen von Athen liegen schwimmende Prunkschlösser von vier Etagen. Wie kommt man da ran? »Schwer«, klagt Pangalos. Die Reichen zeigen sich dem Staat nicht als Menschen, sondern als Firmen. Sie genießen diskret im Privaten, aber fürs Finanzamt ist ihre Jacht eine touristische Einrichtung. Und wenn die Steuer zu hoch werde, segelten sie mit ihren Schiffen ein Land weiter. Doch selbst wenn sie sich stellen, erzählen griechische Journalisten, klappe es mit der Nachzahlung nicht. Ein Gesetz verhinderte bisher, dass der Staat die Millionen reuiger Jachtenbesitzer entgegennehmen darf. Die nötige Paragrafenänderung zieht sich seit über einem Jahr hin. Andere Gesetze behindern die ordentliche strafrechtliche Verfolgung korrupter Minister und Abgeordneter. Und das Volk kocht.

Problem Nummer drei: die Staatsfinanzen. Seit Anfang der Woche hat Griechenland ein neues Pasok-Kabinett. An den eben ernannten Superminister für Wirtschaft und Finanzen knüpft manch einer Hoffnungen. Evangelos Venizelos ist kein Finanzexperte, aber ein starker, charismatischer Politiker. Einer, der dem Volk erklären kann, was Pangalos ironisch »unsere Revolution« nennt: »Dass man nicht mehr ausgeben kann, als man einnimmt.« Venizelos will dafür einstehen, versprach er den EU-Finanzministern. Doch hat er einen Stellvertreter, der daran zweifeln lässt. Pantelis Ekonomou, ein Pasok-Linker, erklärte vor Kurzem auf seiner Website, warum alles nicht geht: weder sparen noch privatisieren. Die Seite ist nun frisch umprogrammiert, aber was ist mit dem Hirn des Mannes? Vizepremier Pangalos glaubt, er sitze als oberster Steuereintreiber an der richtigen Stelle: »Er wird es mit großem Eifer tun.« Doch ein Reformer wird aus Ekonomou kaum werden.

Griechenland leide unter verbreiteter Realitätsverweigerung, sagt der Historiker Thanos Veremis. Seit Generationen hätten Politiker aller Lager dem Volk schön gemalte Bilder und Luftschlösser vorgesetzt. Wenn jetzt einer daherkomme und die Wahrheit sage, glaube ihm niemand, meint Veremis. »Das ist die bittere Ernte dieses irrsinnigen Populismus.« Deshalb glauben viele, das Land brauche eine Große Koalition. Aus den Fraktionen von Pasok und Nea Dimokratia sind bereits Politiker ausgetreten, die lautstark eine solche Regierung fordern. Warum kommt sie nicht zustande?