Draußen auf der Straße protestierten die Arbeitslosen, während drinnen im Saal die Millionäre konferierten. Zwei Tage lang, am 14. und 15. Juni, diskutierten 45 Reiche griechischer Herkunft in einem Luxushotel in Athen neben dem Parlament über das nationale Investitionsklima. Sie waren mehrheitlich aus dem Ausland angereist und warteten auf ein Gespräch mit dem Finanzminister. Aber der kam nicht, sondern wechselte einige Tage später ins Umweltministerium. Der Gipfel trug den Namen Greek Power Summit, aber er stand weniger für die Macht als für die Ohnmacht der Reichen in diesen Zeiten der Wirtschaftskrise.

Wo sind die Griechen, die Geld haben? Wer sind sie, und was tun sie, um zu helfen? Diese Fragen geistern inzwischen sogar durch die Spalten der deutschen Boulevardzeitungen. "Zu dem Gipfel kamen eigentlich nur Auslandsgriechen", sagt der Veranstalter des Greek Power Summit, Savvas Pavlou. "Die einheimischen Millionäre tauchen jetzt lieber unter. Sie gelten als Sündenböcke." Pavlou ist ein Auslandsgrieche der zweiten Generation, der in London aufwuchs und jetzt auf Zypern lebt. Seit vier Jahren analysiert er wirtschaftliche Statistiken über griechischstämmige Millionäre in aller Welt und veröffentlicht sie in der Greek Rich List. Zu den Reichen in Großbritannien, den USA und Australien findet er problemlos öffentliche Informationen – aber zu den Millionären in Griechenland und Zypern gibt es kaum Zahlen oder Geschäftsberichte.

In Pavlous Bericht tauchen griechische Reeder, Baulöwen und Ölmagnaten auf, meist handelt es sich um Familien. Die reichste der griechisch-griechischen Familien, die Latsis, wird auf 3,38 Milliarden Euro Vermögen geschätzt – sie lebt in Genf. Die griechischen Reichen bunkern ihre Millionen lieber auf Konten in Zürich und Zypern, Liechtenstein und London. Über 560 Milliarden Euro sollen griechische Privatkunden im Ausland angelegt haben, berichtete das Handelsblatt kürzlich und berief sich auf Schweizer und griechische Finanzkreise. (Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt betrug 230,2 Milliarden Euro im Jahr 2010.) Die genaue Summe liegt wahrscheinlich darunter, aber sicher ist, dass viele reiche Griechen der einheimischen Wirtschaft nicht trauen.

Seit einigen Monaten schickt das Finanzministerium seine Fahnder an den Flughafen von Athen, um die Portemonnaies der ausreisenden Passagiere zu kontrollieren. Laut Handelsblatt haben sie dort schon Barbeträge von bis zu 100.000 Euro gefunden. Die Krise hat die Kapitalflucht verstärkt – aber an sich ist das Phänomen nicht neu. Die griechischen Banken gelten seit Langem als instabil, die Drachme wurde in den achtziger und neunziger Jahren mehrfach abgewertet.

"Geld im Ausland anzulegen war eine Art Tradition", sagt Georgios Vassilakakis, ein Anwalt in Thessaloniki, "es ist ja auch nicht illegal." Er berichtet, dass ihn vor anderthalb Jahren ein Vertreter einer kleinen Schweizer Bank um einen Termin gebeten habe. Der Banker zeigte ihm einen Hochglanzprospekt mit Landschaftsbildern aus der italienischen Schweiz und bot ihm einen Deal an: Wenn er, Vassilakakis, einen Mandanten kenne, der Geld ins Ausland transferieren wolle, könne er ja diese Bank vorschlagen und dafür eine gute Provision bekommen. Vassilakakis lehnte ab.

Es gibt noch eine zweite griechische Tradition, die dem Staat viel Geld vorenthält: die Steuerhinterziehung. Egal, ob reicher Reeder oder armer Klempner: Kaum einer deklariert sein Einkommen ordentlich, denn das Risiko, erwischt zu werden, ist gering. Die vielen Selbstständigen schreiben entweder keine Rechnung oder eine zu niedrige. Die wenigen Reichen investieren ihr Geld auf verschlungene Weise. Seit einem Jahr benutzen Steuerfahnder Google Earth, um undeklarierte Swimmingpools zu finden: In einer nördlichen Region waren es laut Neuer Zürcher Zeitung 1700 statt 121.

Hinzu kommt die Undurchsichtigkeit der Betriebe. "Die Reedereien sind schwer zu besteuern, weil sie eine der globalisiertesten Wirtschaftszweige überhaupt sind", sagt der Ökonom Loukas Tsoukalis, Direktor der Hellenischen Stiftung für europäische und internationale Politik. "Außerdem haben wir viele sehr kleine Betriebe, die auch schwer zu kontrollieren sind." Er schätzt den Schattensektor auf ein Viertel der Gesamtwirtschaft.

Auch hinter der Steuerhinterziehung steckt letztlich Misstrauen: ein Misstrauen in den Staat. Die meisten Bürger haben das Vertrauen in die Politik schon lange verloren, sie wollen weder finanziell noch sozial ins Gemeinwesen investieren. "Was wir erleben, ist nicht in erster Linie eine wirtschaftliche Krise, sondern eine Krise der Werte", sagt Tsoukalis. Nicht die Superreichen seien die Hauptschuldigen an der Misere, sondern die Politiker. Und beide müssten nun investieren in die Zukunft Griechenlands.