Wie oft sehen Sie Werbung für Mausefallen im Internet? Als bunte Banner am Rand von Websites oder Textwerbung neben Suchergebnissen. Nie? Für einen Kollegen ist gerade das ganze Netz voll davon. Er hat einen Artikel über den Nagerfang recherchiert und dabei mehrmals »Mausefalle« ins Suchfenster von Google getippt. Jetzt verfolgen ihn die entsprechenden Anzeigen.

Gut, das ist bloß Reklame. Aber was wäre, wenn dieser Effekt nicht auf Werbung beschränkt wäre? Wenn sich ein vorübergehendes Interesse – etwa an Mausefallen – auch auf künftige Suchergebnisse auswirkte? Wenn also die Klicks und Suchworte der Vergangenheit beeinflussen würden, was in Zukunft auf dem Bildschirm erscheint?

Wenn in diesem Gedankenspiel zwei Personen dasselbe Wort googelten, »Griechenland« etwa, bekäme der Nachrichten-Junkie Meldungen über den Euro und Unruhen in Athen zu sehen, der Genussmensch Tipps fürs Insel-Hüpfen in der Ägäis und Links zu Last-Minute-Portalen.

Diese Entwicklung hat längst begonnen. Die Vorstellung, eine Suchmaschine würde uns die objektiv wichtigsten Seiten zu einem Suchbegriff liefern, ist schon heute falsch. Das Netz, einst das Versprechen des ungehinderten Zugangs zur weiten Welt, beginnt unsere Weltsicht zu verengen. Beständig werden die hinter den Seiten steckenden Programme besser darin, Inhalte auszuwählen, die ein Nutzer – nach ihrer Berechnung – sehen will. Das klingt einfühlsam und komfortabel, aber die Personalisierung wird das Netz verändern. Wie, das versuchen Wissenschaftler und Onlinevordenker gerade auszuloten – so gut das eben geht. Denn die folgenreiche Veränderung vollzieht sich im Verborgenen, weder Google noch Facebook noch sonst einer der Vorreiter legen ihre Algorithmen offen.

Es muss schon viel passieren, bevor man es überhaupt mitbekommt. »Eines Tages bemerkte ich, dass meine konservativen Freunde aus meinem Facebook-Feed verschwunden waren «, erinnert sich Eli Pariser. Ende März stand er im kalifornischen Long Beach auf der Bühne der einflussreichen TED-Konferenz und erzählte: Stets habe er sich bemüht, im Kontakt zu Konservativen ebenso wie zu Liberalen zu stehen, und in dem Sozialen Netzwerk entsprechende Kontakte geknüpft. In der Liste der Neuigkeiten, die Facebook ihm täglich auf seiner Startseite präsentiert habe, seien aber irgendwann nur noch Kommentare, Fotos und Empfehlungen politisch Gleichgesinnter aufgetaucht.

Pariser erklärt sich das so: Die Neuigkeiten der Linken habe er häufiger angeklickt. Daraufhin habe die Facebook-Software entschieden, dass die Neuigkeiten der Rechten ihm wohl nicht so wichtig seien. »Und hat sie rausgestrichen, ohne mich zu fragen.«

Mit dieser Anekdote warnt Pariser – ein eloquenter 30-Jähriger mit kurz getrimmtem Vollbart und lässig flatternden Hemdschößen – vor einer Zukunft der digitalen Bevormundung. Hier spricht kein Technikskeptiker. Seit zehn Jahren arbeitet er an der Spitze von MoveOn.org , einer gemeinnützigen Internetplattform, die für politische Kampagnen Spenden sammelt und Freiwillige mobilisiert. Pariser ist ein Aktivist, der die Möglichkeiten des Webs kennt und zu nutzen weiß. Dennoch setzte er sich im vergangenen Jahr hin und schrieb ein mahnendes Buch über die düstere Zukunft des Internets: The Filter Bubble – die »Blase des Vorsortierten« (im Herbst 2012 soll bei Hanser eine deutsche Fassung erscheinen).