AlgorithmenAutomatisch vorsortiert

Wenn wir mit Google suchen oder Neuigkeiten bei Facebook lesen, passt das Netz sich unmerklich unseren Vorlieben an. Was bedeutet diese Verengung der Welt? von 

Vorstellung der neuen Suchtechnologie "Instant" von Google

Vorstellung der neuen Suchtechnologie "Instant" von Google  |  © Justin Sullivan/Getty Images

Wie oft sehen Sie Werbung für Mausefallen im Internet? Als bunte Banner am Rand von Websites oder Textwerbung neben Suchergebnissen. Nie? Für einen Kollegen ist gerade das ganze Netz voll davon. Er hat einen Artikel über den Nagerfang recherchiert und dabei mehrmals »Mausefalle« ins Suchfenster von Google getippt. Jetzt verfolgen ihn die entsprechenden Anzeigen.

Gut, das ist bloß Reklame. Aber was wäre, wenn dieser Effekt nicht auf Werbung beschränkt wäre? Wenn sich ein vorübergehendes Interesse – etwa an Mausefallen – auch auf künftige Suchergebnisse auswirkte? Wenn also die Klicks und Suchworte der Vergangenheit beeinflussen würden, was in Zukunft auf dem Bildschirm erscheint?

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Profile und Signale

Relevanz war noch recht einfach definiert, als Google-Gründer Sergey Brin den ersten Sortieralgorithmus schrieb: Je mehr Links auf eine Webseite verweisen, desto relevanter scheint sie. Pagerank hieß dieses Prinzip. Bald suchten Programmierer nach weiteren Entscheidungshilfen, sogenannten Signalen . Bei zwei Websites, auf die gleich viele Links verweisen, kann etwa der Zeitpunkt der letzten Aktualisierung ein wichtiges Signal sein. Im Jahr 2009 gab Google an, mithilfe von mehr als 200 verschiedenen Signalen zu sortieren.

Personalisierung

Besonders begehrt sind individuelle Signale, da sie Rückschlüsse auf einen Nutzer erlauben. Mit Angeboten wie E-Mail oder Fotoalben will Google Nutzer dazu bringen, sich anzumelden. Dann kann das Unternehmen ihr Onlineverhalten besser analysieren und die Treffer anpassen.

Längst geschieht das auch bei Nutzern, die unangemeldet googeln. Ende 2009 kündigte Google die personalisierte Suche für jedermann an. Ein vermeintlich anonymer Nutzer verrät viel über sich, so kann Google auslesen, wo in etwa er sich befindet, welche Sprache auf seinem Computer eingestellt ist, welches Gerät und welchen Browser er benutzt. Mehr als 50 verschiedene Signale soll auch ein Unangemeldeter aussenden. Daraus lassen sich eine Menge Rückschlüsse ziehen. Ohne seine Identität zu kennen, kann der Suchgigant einen konkreten Nutzer so in eine Schublade stecken.

Vermarktung

Seit 2008 besitzt Google die Firma DoubleClick, die auf Onlinemarketing spezialisiert ist. Ihre Banner hinterlassen auf dem Rechner eines Nutzers einen sogenannten Cookie. Mithilfe dieser Markierung lässt sich das Surfverhalten nachvollziehen. Daten- und Verbraucherschützer empfehlen, Cookies regelmäßig zu löschen.

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Surfer haben Rechte
Verbraucher sicher online

Wenn in diesem Gedankenspiel zwei Personen dasselbe Wort googelten, »Griechenland« etwa, bekäme der Nachrichten-Junkie Meldungen über den Euro und Unruhen in Athen zu sehen, der Genussmensch Tipps fürs Insel-Hüpfen in der Ägäis und Links zu Last-Minute-Portalen.

Diese Entwicklung hat längst begonnen. Die Vorstellung, eine Suchmaschine würde uns die objektiv wichtigsten Seiten zu einem Suchbegriff liefern, ist schon heute falsch. Das Netz, einst das Versprechen des ungehinderten Zugangs zur weiten Welt, beginnt unsere Weltsicht zu verengen. Beständig werden die hinter den Seiten steckenden Programme besser darin, Inhalte auszuwählen, die ein Nutzer – nach ihrer Berechnung – sehen will. Das klingt einfühlsam und komfortabel, aber die Personalisierung wird das Netz verändern. Wie, das versuchen Wissenschaftler und Onlinevordenker gerade auszuloten – so gut das eben geht. Denn die folgenreiche Veränderung vollzieht sich im Verborgenen, weder Google noch Facebook noch sonst einer der Vorreiter legen ihre Algorithmen offen.

Es muss schon viel passieren, bevor man es überhaupt mitbekommt. »Eines Tages bemerkte ich, dass meine konservativen Freunde aus meinem Facebook-Feed verschwunden waren «, erinnert sich Eli Pariser. Ende März stand er im kalifornischen Long Beach auf der Bühne der einflussreichen TED-Konferenz und erzählte: Stets habe er sich bemüht, im Kontakt zu Konservativen ebenso wie zu Liberalen zu stehen, und in dem Sozialen Netzwerk entsprechende Kontakte geknüpft. In der Liste der Neuigkeiten, die Facebook ihm täglich auf seiner Startseite präsentiert habe, seien aber irgendwann nur noch Kommentare, Fotos und Empfehlungen politisch Gleichgesinnter aufgetaucht.

Pariser erklärt sich das so: Die Neuigkeiten der Linken habe er häufiger angeklickt. Daraufhin habe die Facebook-Software entschieden, dass die Neuigkeiten der Rechten ihm wohl nicht so wichtig seien. »Und hat sie rausgestrichen, ohne mich zu fragen.«

Mit dieser Anekdote warnt Pariser – ein eloquenter 30-Jähriger mit kurz getrimmtem Vollbart und lässig flatternden Hemdschößen – vor einer Zukunft der digitalen Bevormundung. Hier spricht kein Technikskeptiker. Seit zehn Jahren arbeitet er an der Spitze von MoveOn.org , einer gemeinnützigen Internetplattform, die für politische Kampagnen Spenden sammelt und Freiwillige mobilisiert. Pariser ist ein Aktivist, der die Möglichkeiten des Webs kennt und zu nutzen weiß. Dennoch setzte er sich im vergangenen Jahr hin und schrieb ein mahnendes Buch über die düstere Zukunft des Internets: The Filter Bubble – die »Blase des Vorsortierten« (im Herbst 2012 soll bei Hanser eine deutsche Fassung erscheinen).

Leserkommentare
  1. Vielen Dank für diesen wirklich lesenswerten Artikel!

    Zivilgesellschaften werden sich dafür entscheiden müssen, öffentliche Räume zu definieren (und immer neu zu gestalten) und soziale (sic!) Mechanismen zu deren Schutz zu entwickeln.

    Es ist der weit verbreitete Trugschluß, daß sich mit zunehmender Digitalisierung der Sprache und Medien ein 'mehr' an Öffentlichkeit, mit all ihren vorhandenen Schutzfunktionen für das Individuum ergeben würde.

    Genau das Gegenteil ist der Fall: Vormals öffentliche Räume werden rapide weniger und durch 'individuelle Unmittelbarkeit' verdrängt.
    Was ist noch öffentlich an einem Platz, auf welchem 80% der anwesenden Personen ein Gespräch mit einer nicht-anwesenden Person führen?

    Und an diesem Punkt sehe ich auch die Parallele zu dem Griechenland Modell, welches im Artikel angesprochen wird.

  2. Mein Buchhändler empfiehlt mir Lektüre, die sich einfügt in das Bild, das er von mir hat, und wenn ich zu meinem Lieblingsinder komme, fragt der, ob ich Palak Panir oder Malai Kofta essen möchte, und kommt nicht auf die Idee, mir ein Fleischgericht anzubieten. Trotzdem kann ich Bücher kaufen von Autoren, die mir nicht gefallen, und auch beim Inder wird mir Hühnchen mit Reis serviert, wenn ich das bestelle.

    In aller Regel schauen sich Vegetarier nicht akribisch die Auslagen von Fleischereien an, weshalb also soll sich etwa ein primär Kulturinteressierter in gleichem Maße mit Wirtschaft oder Parteipolitik beschäftigen? Reine Zeitverschwendung.

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    • jj3
    • 23. Juni 2011 13:59 Uhr

    Der Vergleich mit dem Buchhändler und Lieblingsinder scheint mir leider nicht sehr adäquat. Der Vergleich wäre nur dann haltbar, wenn der Restaurantbesitzer Ihnen nur eine abgespeckte Karte aushändigen würde, auf welcher nur Menüvorschläge vorhanden sind, welche zu Ihren letzten Essgewohnheiten passt. Dabei würden z.B. alle vegetarischen Gerichte aus Ihrer persönlichen Karte verschwinden. Google etc. können Sie nicht mitteilen, dass Sie dann eigentlich doch die ganze Karte haben möchten und nicht nur die ersten Empfehlungen.

    Wieso soll sich auch ein primär Kulturinteressierter sich nicht für Politik und Wirtschaft interessieren? Vielleicht ist dieser Kulturinteressierte auch durch sein Studium zu einem Kulturinteressierten für Google geworden. Auch wenn sich die Person auch gerne mit Politik auseinander setzt. Aber das wissen die Algorithmen nicht...

    • Basta
    • 24. Juni 2011 12:35 Uhr

    Der Unterschied zum Inder ist, er legt entweder freiwillig die Speisekarte dazu oder nach Aufforderung. Ein Abweichen vom business as usual ist also kein Problem. Anders bei Google und Konsorten, wenn man da mal Hunger auf was anderes hat, wird das schnell ziemlich nervig.

  3. Danke für diesen Artikel. Die genannten Bevormundungsalgorithmen sind mir auch aufgefallen. Leider glaube ich nicht, dass es jemals zu einem objektiven Internet kommen wird.

    Zitat: "Immer mehr Menschen beziehen auch ihre Nachrichten aus dem Sozialen Netz. Da ist der Gedanke einer automatischen Vorabauswahl höchst beunruhigend."
    Schon bevor es das Internet gab, haben Nachrichtenagenturen wie Reuters und dpa vorsortiert was der Leser wissen sollte und was nicht. Auch in anderen Medien, z.B. Fernsehen werden die sogenannten "Signale" (=Einschaltquoten) benutzt.

    Die Forderung nach Transparenz und Ethik ist absolut richtig. Allerdings, jeder Mensch benutzt Schubladenalgorithmen beim Denkprozess und da das Internet vom Menschen geschaffen ist, wird es auch nur das können, was es vom Menschen beigebracht bekommt.

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    wahrnimmt, aber darum ist es ja umso schlimmer, dass dieser Prozess weiter verstärkt wird. Denn das Moment der "Überraschung" und der Konfrontation mit Neuem wird so mehr und mehr eliminiert und die Welten der einzelnen Menschen entfernen sich immer mehr voneinander, ohne dass es den einzelnen Individuen bewusst ist.
    Ich glaube auch, dass sich so der Stil und die Interessen, die man zufällig in einem gewissen alter hat, so arretieren - denn man lernt ja fast nur noch Menschen kennen, die diese Interessen teilen, oder besucht Orte, die zu diesen Interessen passen. Am Ende findet man auch noch seinen Parnter mit dem entsprechenden "Interessen- und Persönlichkeitsprofil" auf einer Dating-Platform. Und obwohl das Internet ja eigentlich ein Fenster in andere Parallelwelten sein sollte, sorgt es so dafür, dass wir überall nur noch das sehen, was wir ohnehin schon zu sehen erwarten.

    • hareck
    • 23. Juni 2011 15:02 Uhr

    Schon in den Anfangstagen des Webs wurde meine Suche durch meine ganz spezifischen persönlichen Interessen gefiltert. Ich habe einfach nur das für relevant befunden und überhaupt bemerkt, woran ich auch Interesse hatte. Maximal 1% des Gesamtangebots.

    Dass das nun auch softwaremäßig verstärkt wird, ist natürlich diskussionswürdig, aber keine so große Neuigkeit. Wünschen würde ich mir z.B. bei Google eine Option, meine Personalisierung vorübergehend auszuschalten. Dann wären meine Suchergebnisse wieder "nur noch" durch die Präferenz der großen Masse anhand der Rangfolge vorsortiert.

    Nicht nur im Internet, auch sonst ist unsere persönliche Welt zu einem extrem hohen Prozentsatz (möglicherweise 100%) durch unsere größtenteils teils unbewussten Konditionierungen und Vorlieben bestimmt. Hat sich schon mal jemand sehr für eine bestimmte Automarke interessiert und war überrascht, wie viele Autos dieses Typs ihm während dieser Zeit auf der Straße begegnet sind? Experimente dieser Art zeigen letztlich, dass wir überhaupt nicht wissen, was Objektivität eigentlich ist. Das einzige, was wir tun können, ist, unsere Vorlieben, Konditionierungen und Vorurteile soweit bewusst zu machen, dass wir sehen können, wie umfangreich und tiefgehend unsere Welt von ihnen beeinflusst wird.

    Das nur nebenbei. Trotzdem ein guter Artikel, sehr lesenswert.

    wohl eher ein guter Vortrag, den auf dem basiert der ganze Artikel...
    http://www.youtube.com/wa...

    • habe8
    • 23. Juni 2011 13:45 Uhr

    Vorsortierte Inhalte bevorzuge ich manchmal. Dann google ich.
    Häufig nehme ich aber die Meta-Suchmaschine "ixquick":
    http://www.ixquick.com/deu/

    • joG
    • 23. Juni 2011 13:47 Uhr

    .... zur weiten Welt, beginnt unsere Weltsicht zu verengen."

    Man kann das so beschreiben. Ob man es aber auch so sehen kann, dass wir selbst die Weltsicht verengen, indem wir Google oder Wikipedia falsch verwenden. Wir müssen uns nicht auf die ersten paar Seiten der Suchmaschinenergebnisse beschränken. Wir können eine andere Suchmaschine verwenden. Wir können mehr lesen als den Wikipedia Eintrag. Man kann sogar "Books" anklicken und die Originale lesen. Man kann auch die Reuthers Seiten oder DPA anklicken. Usw, usw, usw.

    Das ermöglicht eine unerhörte Ausweitung der Weltsicht, durch die Reduzierung der Suchkosten auf die eingesetzte Zeit, die man damit verbringt zu lesen. Früher musste man die Artikel und Bücher physisch suchen. Die Einkaufskosten waren viel höher als heute.

    Es gibt natürlich die Sache mit der Sortierung nach Häufigkeit der Anfrage oder Höhe der Werbeetats. Das gab es aber auch früher. Man wusste, was im Brockhaus stand oder in der Zeitung. Dieser Beschränkung war es schwieriger zu entkommen.

    • jj3
    • 23. Juni 2011 13:59 Uhr

    Der Vergleich mit dem Buchhändler und Lieblingsinder scheint mir leider nicht sehr adäquat. Der Vergleich wäre nur dann haltbar, wenn der Restaurantbesitzer Ihnen nur eine abgespeckte Karte aushändigen würde, auf welcher nur Menüvorschläge vorhanden sind, welche zu Ihren letzten Essgewohnheiten passt. Dabei würden z.B. alle vegetarischen Gerichte aus Ihrer persönlichen Karte verschwinden. Google etc. können Sie nicht mitteilen, dass Sie dann eigentlich doch die ganze Karte haben möchten und nicht nur die ersten Empfehlungen.

    Wieso soll sich auch ein primär Kulturinteressierter sich nicht für Politik und Wirtschaft interessieren? Vielleicht ist dieser Kulturinteressierte auch durch sein Studium zu einem Kulturinteressierten für Google geworden. Auch wenn sich die Person auch gerne mit Politik auseinander setzt. Aber das wissen die Algorithmen nicht...

    Antwort auf "So neu nicht ..."
  4. wahrnimmt, aber darum ist es ja umso schlimmer, dass dieser Prozess weiter verstärkt wird. Denn das Moment der "Überraschung" und der Konfrontation mit Neuem wird so mehr und mehr eliminiert und die Welten der einzelnen Menschen entfernen sich immer mehr voneinander, ohne dass es den einzelnen Individuen bewusst ist.
    Ich glaube auch, dass sich so der Stil und die Interessen, die man zufällig in einem gewissen alter hat, so arretieren - denn man lernt ja fast nur noch Menschen kennen, die diese Interessen teilen, oder besucht Orte, die zu diesen Interessen passen. Am Ende findet man auch noch seinen Parnter mit dem entsprechenden "Interessen- und Persönlichkeitsprofil" auf einer Dating-Platform. Und obwohl das Internet ja eigentlich ein Fenster in andere Parallelwelten sein sollte, sorgt es so dafür, dass wir überall nur noch das sehen, was wir ohnehin schon zu sehen erwarten.

    Antwort auf "Sehr guter Artikel"
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    und genauso haben ich diesen Artikel auch wahr genommen. Vielleicht war meine Ansicht ein bisschen zu pessimistisch. Künstliche Intelligenz wird ja zur Zeit erforscht, da kann durchaus algorithmische Ethik heraus kommen. Wenn der Datenschutz mehr Anerkennung bekommt und die Regierungen sich langsam ins Internet einmischen (wie Sarkozy beim e-G8 vorgeschlagen hat), dann werden private Internetmonopole vielleicht nicht mehr frei herum bevormunden, Signale sammeln, etc.

    Außerdem ist es immernoch die Wahl jedes Einzelnen das Internet und die verschiedenen Angebote zu benutzen. Wenngleich das eher eine Scheinauswahl ist. Der soziale Druck bzw. die eigene Faulheit spielen da eine große Rolle.

    • snm81
    • 23. Juni 2011 14:03 Uhr

    wenn man im netz unterwegs ist trifft man immer wieder auf leute deren politische und sonstige meinung sich aus keineswegs objektiven ( mir is klar das das ein heikler begriff ist ) speist und von oft fragwürdigen infos gespeist wird.
    ich halte diese meinungssolipsismus für kreuzgefährlich weil er über kurz oder lang debatten verunmöglicht. für jedes thema ( nehmen wir den klimawandel ) findet der geneigte verschwörungstheoretiker oder querulant zig gleichgesinnte und jede menge informationen die zwar oft sogar zutreffen aber aus kontexten gerissen sind die man nicht vernachlässigen darf...

    heikel heikel

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