DIE ZEIT: Herr Minister, während der Diktatur von Präsident Ben Ali reisten viele deutsche Touristen nach Tunesien. Die Revolution im Januar hat man zwar auch in Deutschland begrüßt, aber die Urlauber bleiben seitdem aus . Wünschen Sie sich mehr Solidarität?

Mehdi Houas: Zumindest Anerkennung für unser Land, das Außerordentliches erreicht hat . Ich würde mir wünschen, dass viele Menschen den Ort besuchen, an dem sich eine friedliche Revolution ereignet hat. So wie das in Berlin nach dem Mauerfall war. Andererseits verstehe ich, dass die Bilder im Fernsehen den Leuten Angst gemacht haben: Bei den Aufständen im Jemen, in Syrien, Jordanien und Libyen haben die Demonstranten unseren Slogan – nämlich »Dégage!«, also »Hau ab!« – und unsere Fahne als Zeichen der Freiheit benutzt. So konnte der Eindruck entstehen, dass die tunesische Revolution weiterginge. Tatsächlich hat sie weniger als einen Monat gedauert und verlief, wie gesagt, friedlich.

DIE ZEIT: Es gab viele Opfer.

Mehdi Houas: Ja. 250 Menschen starben. Ben Alis Sicherheitskräfte schossen auf Demonstranten. Das Volk selbst aber hat nie Gewalt angewendet.

DIE ZEIT: Glauben Sie, dass es die Touristen interessiert, ob sie ihre Ferien in einer Diktatur oder einer Demokratie verbringen?

Mehdi Houas: Ich würde sagen, für 80 Prozent spielt es keine Rolle, welches politische System an ihrem Urlaubsort herrscht. Bleiben wir also realistisch: Nach Tunesien kommen die Leute, weil sie eine Woche oder zehn Tage entspannte Ferien verbringen wollen. Am wichtigsten ist ihnen deshalb: dass das Land sicher ist. Das war es in der Vergangenheit, und das ist es heute. Wer nach Mexiko fliegt, weiß, dass er ein Risiko eingeht. Unsere Gäste aber wollen keinen Abenteuerurlaub. Sie suchen Ruhe und Erholung.

DIE ZEIT: Wie gewährleistet Tunesien die Sicherheit?

Mehdi Houas: Wir haben heute 60000 Polizisten und 39000 Militärkräfte, die seit der Revolution ebenfalls für die Innere Sicherheit des Landes zuständig sind. Das ist mehr als ausreichend.

DIE ZEIT: Wenn ein Land wie das Ihre nahezu ausschließlich auf Strandurlaub setzt, läuft es Gefahr, als Reiseziel austauschbar zu sein. Es macht nämlich wenig Unterschied, ob man in Tunesien, Spanien oder der Türkei in der Sonne liegt.

Mehdi Houas: Ich glaube, das ist genau der Fehler, den wir in den vergangenen zehn oder 15 Jahren begangen haben: Wir haben Tunesien banalisiert und Urlaub auf niedrigem Niveau geboten. Wir haben gesagt: Kommt her, hier habt ihr Sonne, Strand und ein Hotel, all-inclusive natürlich, in dem es das Essen gibt, das ihr auch zu Hause bekommt. Was für eine Katastrophe! Nein, wir müssen versuchen, das Besondere an Tunesien herauszustellen, unsere Kultur und unsere Traditionen.

DIE ZEIT: Kulturtourismus spielte in Tunesien, im Gegensatz zu Ägypten, bisher praktisch keine Rolle.

Mehdi Houas: Ägypten hat sechs Weltkulturerbestätten, Tunesien sieben. Aber nur mit Karthago haben wir um Gäste geworben. Ben Ali wollte nicht, dass die Urlauber die Strände verlassen und ins Landesinnere fahren. Sie sollten nichts mitbekommen von der Not der Bevölkerung, die dort am deutlichsten zu spüren ist. So wurde ihnen aber auch unser außergewöhnliches kulturelles Erbe vorenthalten. Tunesiens Zivilisation reicht 3000 Jahre zurück – von den Phöniziern über Karthago, die Römer bis zu den Byzantinern. Und vor allen anderen waren schon die Berber hier. Bisher haben wir ein Tunesien präsentiert, dessen Gesicht verhüllt war. Jetzt wollen wir den Schleier lüften und das Land zeigen, wie es wirklich ist.

DIE ZEIT: Wie wollen Sie die Leute plötzlich dazu bringen, Hotel und Strand zu verlassen und das kulturelle Erbe zu entdecken?

Mehdi Houas: Wir haben Gäste, die einfach ihre Tage an einem schönen Strand bei schönem Wetter verbringen wollen und fertig. Wir sollten in der Lage sein, ihnen das zu bieten. Wir müssen aber auch auf diejenigen Urlauber zugehen, die Kultur erleben und Einheimische kennenlernen wollen. Anders als früher können sich die Touristen jetzt sehr frei im Land bewegen.

DIE ZEIT: Gibt es schon konkrete kulturelle Angebote?

Mehdi Houas: Die müssen wir noch entwickeln. Genauso wie Programme für Sportbegeisterte, die Golf spielen oder Wassersport betreiben wollen. Was Tunesien braucht, sind sechs, sieben verschiedene neue Produkte für ebenso viele verschiedene Gruppen. Das Land hat das Potenzial.

DIE ZEIT: Im Oktober wird die verfassungsgebende Versammlung gewählt. Fürchten Sie weitere Einbußen im Tourismus, falls dabei die islamisch geprägte Partei Ennahda die meisten Stimmen erhalten sollte?

Mehdi Houas: Unsere Revolution war keine islamische Revolution, sondern eine aus wirtschaftlichen Gründen. Viele Leute haben keine Arbeit und nichts zu essen. Sie vermissen Gerechtigkeit und Menschenwürde. Wenn es uns gelingt, eine Lösung für die Probleme zu finden, dann glaube ich nicht, dass eine islamische Partei mehr als zehn oder 15 Prozent der Stimmen gewinnen kann. Natürlich ist Tunesien ein muslimisches Land. Aber wir sind sehr weit vom Islamismus entfernt.