ZEIT: Außenminister Westerwelle hat in der FDP-Fraktion gesagt, man müsse fragen, wie viel Geld es für Griechenland noch geben dürfe, solange es kein Geld für deutsche Steuerzahler gibt.

Schäuble: Ja, warum soll der Bundesaußenminister nicht Fragen stellen dürfen?

ZEIT: Weil er mit dieser Frage bewusst eine anti-europäische Stimmung schürt?

Schäuble: Ich glaube nicht, dass er diese Frage in der Absicht gestellt hat.

ZEIT: Aber Ihnen ist doch klar, was die Bilder griechischer Demonstranten bei deutschen Bürgern auslösen, nämlich das Gefühl: Wir geben gutes Geld nach Griechenland, und die Griechen werfen Steine.

Schäuble: Nein, die Mehrzahl unserer Mitbürger versteht sehr wohl, was den Griechen zugemutet wird, ja zugemutet werden muss, um den Problemen zu begegnen, die als Folge einer jahrzehntelangen falschen Wirtschaftspolitik das Land lähmen. Ich glaube, bei der Mehrzahl unserer Landsleute löst das eher Mitleid aus.

ZEIT: Ist Griechenland noch zu retten?

Schäuble: Wir können ein Paket zustande bringen, mit dem Griechenland es schaffen kann. Dafür muss die griechische Regierung das Defizit tatsächlich massiv verringern. Es reicht nicht aus, Pläne zu unterschreiben: Die Maßnahmen müssen umgesetzt werden. Beispielsweise muss man eine leistungsfähige Steuerverwaltung aufbauen. Da können wir mithelfen. Ebenso muss privatisiert werden. Das ist, wie wir aus Deutschland wissen, nicht so leicht getan. Wenn ich gelegentlich höre, Griechenland habe privatisierungsfähiges Vermögen in Höhe von 300 Milliarden Euro, dann frage ich mich schon, wie schnell diese Werte tatsächlich an den Mann gebracht werden können. Aber der Ansatz von Ministerpräsident Papandreou ist richtig und notwendig: Eine Reduzierung der Gesamtverschuldung um 50 Milliarden Euro durch Privatisierung – dies scheint innerhalb von vier, fünf Jahren ehrgeizig, aber realisierbar zu sein.

ZEIT: Selbst wenn die griechische Wirtschaft damit auf die Beine käme: Wie könnte sie wieder ins Laufen kommen?

Schäuble: Erstens muss man die Dynamik der griechischen Wirtschaft stärken. Dazu gehören neben Privatisierungen gerade auch strukturelle Reformen am Arbeitsmarkt, die zum Teil schon beschlossen wurden. Bis diese wirken – wir wissen das aus Deutschland –, vergehen ein paar Jahre. Zweitens muss auch die EU effizienter werden. Wir müssen uns in der europäischen Förderpolitik stärker auf Schwerpunkte konzentrieren und so weit wie möglich vom Gießkannenprinzip wegkommen. Drittens müssen wir für Griechenland neue Wachstumsperspektiven eröffnen. Ein Ansatz könnte sein, die Mittelmeerländer in einem stärkeren Maße bei der Wende hin zu erneuerbaren Energien mitzunehmen, etwa beim Solarstrom. Griechenland hat eine viel höhere Anzahl von Sonnenstunden im Jahr als wir in Deutschland und könnte Strom zu uns exportieren. Die griechische Wirtschaft hätte damit ein wettbewerbsfähiges Exportgut und ein begehrtes dazu. Ohne solche und andere Wachstumsperspektiven würde ich mich sehr schwertun, dem deutschen Steuerzahler das erhebliche Risiko eines neuen Programms aufzubürden.

ZEIT:Nouriel Roubini, den wir als Experten in der Finanzkrise schätzen gelernt haben, redet davon, dass einige Länder in ein paar Jahren den Euro verlassen werden.

Schäuble: Ich weiß nicht, ob alle Nichteuropäer immer ganz genau wissen, wie die Euro-Zone funktioniert. Ich habe schon andere große Volkswirtschaftler aus den USA gesprochen, die geschrieben hatten, dass es im Prinzip das Beste wäre, Länder wie Griechenland würden für ein paar Jahre aus der Euro-Zone ausscheiden, um ihre Währung abzuwerten. Immer wenn ich diese dann konkret frage, wie das denn nun praktisch gehen soll, konnte man mir keine wirkliche Antwort geben. Bislang hat die Wissenschaft keine Antworten geliefert, wie ihre theoretischen Ansätze praktisch umzusetzen sind, also wie die Probleme ohne größere Kollateralschäden zu lösen wären.